Immobilienwirtschafts- und Baurecht

(Stand: 8. Mai 2017)

Worum geht’s?

  • Boom am Immobilienmarkt sorgt für gute Auslastung bei Kanzleien
  • Investitionen in Sonderprojekte sorgen für stärkere Spezialisierung der Praxen
  • IT-gestütztes Arbeiten bislang wenig verbreitet

Rund 27 Milliarden Euro wurden 2016 bei Transaktionen am österreichischen Immobilienmarkt umgesetzt. Das sind fast 15 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die Österreichische Nationalbank berichtet. Gleichzeitig sprießen Projektentwicklungen wie Pilze aus dem Boden. Denn die anhaltend niedrigen Zinsen sorgen für kräftigen Anlagedruck – und viele Immobilienpraxen Österreichs Kanzleien wachsen.

Durst nach Immobilienanlagen kaum stillbar

„Die Investoren suchen händeringend nach Möglichkeiten, um ihr Geld loszuwerden“, bringt der Partner einer Wiener Kanzlei die Situation auf dem österreichischen Immobilienmarkt auf den Punkt. Kein Wunder also, dass das Band an Transaktionen nicht abreißt. Immer häufiger werden Portfolien geschnürt, um der wachsenden Gruppe ausländischer Investoren großvolumige Immobilienpakete anbieten zu können. Dabei lassen die hohe Nachfrage und das knappe Angebot die Preise unaufhaltsam steigen: Schon lange reicht die Zahl der vorhandenen Objekte nicht mehr aus, um den Durst der Immobilieninvestoren zu stillen. Die Lösung sind Projektentwicklungen, die Investoren immer häufiger im Zuge eines Forward Deals kaufen. Damit sichern sie sich rechtzeitig die Objekte und damit ihre Anlagemöglichkeit. Speziell in Wien bieten zudem zahlreiche städtebauliche Entwicklungen Anlagemöglichkeiten. Die Stadt wächst und braucht neue Quartiere. Vor allem rund um den Hauptbahnhof, an der Donau und in Aspern befinden sich großflächige Projekte, die für die Immobilien- und Bauanwälte viel Arbeit mit sich bringen.

Die gute Auslastung sorgt dafür, dass es zuletzt keine signifikanten personellen Verschiebungen zwischen den österreichischen Immobilienpraxen gab. Allein bei SCWP Schindhelm trennte sich ein Linzer Partner von der Kanzlei und machte sich mit drei weiteren SCWP-Anwälten selbstständig. Die Zeichen stehen viel mehr auf Ausbau: Interne Partnerernennungen wie bei Eisenberger & Herzog sowie Wolf Theiss stärken die Teams, die zudem bemüht sind, ihre Anwalts- und Konzipientenriege weiter auszubauen.

Hotels als Anlageobjekte gesucht

Neben Projektentwicklungen sind auf dem Markt zunehmend auch alternative Assetklassen wie Studentenwohnheime gefragt: Neue Investoren drängen auf den Markt und schaffen Luxusappartements für die junge und gut betuchte Mieterschaft. Auch Hotels haben weiter Rückenwind – kein Wunder, dass zahlreiche Kanzleien nun ihre bereits vorhandene Hotelexpertise herausstreichen. Und wer noch kein ausgewiesener Hotelexperte ist, stellt sich hier neu auf. Bestes Beispiel ist Baker & McKenzie Diwok Hermann Petsche, die mit ihrer Einbindung in die vom Volumen her größte Hoteltransaktion Österreichs 2016, dem Verkauf des Hilton-Hotels ,Am Stadtgarten‘, auf der Seite der Käufer für viel Aufmerksamkeit sorgte.

Nachjustiert wird bei vielen Immobilien- und Baurechtspraxen auch im öffentlich-rechtlichen Bereich. Denn durch die zunehmende Beratung zu Projektentwicklungen herrscht hier ein erhöhter Bedarf. Kanzleien wie Graf & Pitkowitz oder Haslinger Nagele & Partner, die diese Fachbereiche ohnehin eng miteinander verzahnt haben, sind bereits gut aufgestellt. Andere verknüpfen sich noch enger oder holen – wie etwa Brand – nun zur richtigen Zeit noch einen Öffentlichrechtler hinzu.

LegalTech bislang kaum im Einsatz

Weniger dynamisch zeigt sich der Markt hingegen im Bereich LegalTech. Zwar sprechen viele über die neuen technischen Möglichkeiten, aber nur wenige Kanzleien setzen sie bereits ein, um etwa den Due-Diligence-Prozess effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Der Markt befindet sich in Beobachterstellung, keiner will auf das falsche Pferd setzen. Doch während in Deutschland bereits fleißig experimentiert wird, arbeiten die meisten Immobilienpraxen in Österreich noch mit herkömmlichen Methoden.

Was LegalTech für die Immobilienbranche ist, ist Building Information Modeling (BIM) für die Baubranche. Auch hier sind sich die Anwälte über das Vorgehen einig: beobachten und abwarten. Generell hat sich in den baurechtlichen Praxen Österreichs wenig getan, wobei sie von dem florierenden Projektentwicklungsgeschäft ebenso wie die Immobilienrechtler ordentlich profitieren.

Prozesse überwiegend vor ordentlichen Gerichten

Für viel Arbeit sorgen auch zahlreiche Streitigkeiten. Dabei landen die Prozesse überwiegend vor ordentlichen Gerichten, die für die Klärung der Auseinandersetzungen häufig viel Zeit benötigen. Dennoch: Schiedsgerichtsverfahren sind weiterhin nicht so stark gefragt wie im Nachbarland Deutschland. Die Vorbehalte gegen diese Art der Streitlösung sind weiterhin groß.