Brüssel

  • Renaissance eines Rechtsgebiets – Brüsseler Beihilferechtler waren bei Bankenrettungen begehrte Berater
  • Ohne M&A-Deals keine Fusionskontrollberatung – und kaum Wachstum der Büros
  • Arnold & Porter wird auch für deutsche Mandanten interessanter: Wachstum mit 2 deutschen Partnern von Shearman & Sterling


Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Kanzleien, die in Brüssel, dem Ursprungsort des Europarechts, tätig sind und sich in dem dortigen internationalen Umfeld platzieren konnten. Dabei wurde nicht nach ‚deutschen‘ und ‚internationalen‘ oder ‚ausländischen‘ Büros unterschieden. Als Aufnahmekriterium und als Kriterium für die erstellte Rangliste unter den zahlreichen Kanzleien gelten der Ruf und die Kompetenz vor Ort, das Vorhandensein deutschsprachiger Anwälte und/oder starke Beziehungen zum deutschen Rechtsmarkt.

Lobbytätigkeit wird nur dann besprochen, wenn eine Kanzlei diese neben einem marktbekannten Schwerpunkt in der Rechtsberatung anbietet. Informationen über in Brüssel tätige Kanzleien finden sich außerdem v.a. in den Kapiteln Außenhandel, Beihilferecht und Kartellrecht. Der Brüsseler Markt ist gekennzeichnet von zahlreichen Büros, die über die Jahre enge Kontakte zur EU-Kommission und anderen europäischen Stellen aufgebaut haben.

Massiver Rückgang bei Fusionskontrollen

Das Ausmaß der Krise war für die Brüsseler Anwälte sehr leicht am Eingangskorb für Fusionskontrollen abzulesen: Der Einbruch um den Jahreswechsel 2008/09 wirkte sich noch deutlicher aus als der bereits im Vorjahr begonnene Rückgang. „30 Prozent weniger ist keine Übertreibung, und Ende 2008 war sogar fast gar nichts los“, sagten mehrere Partner. Auch wenn es in der zweiten Jahreshälfte am Horizont schon wieder heller wurde, waren es insgesamt gesehen besonders zwei Themen, die bei den Brüsseler Anwälten für Auslastung sorgten: die Flut an beihilferechtlichen Fragen, die im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise aufkam, und die kartellrechtlichen Bußgeldverfahren mit ihren hohen Strafen für Unternehmen, die sich an Preisabsprachen beteiligten.

Zahl der kartellrechtlichen Bußgeldverfahren explodiert

„Da es viel weniger Fusionskontrollen gab als früher, konzentrieren sich die Energien der Behörden erst recht auf die Kartellverfolgung“, meint ein Brüsseler Anwalt. Doch die Fundamentalkritik nimmt zu: „Das System ist ja für diese Art von Bußgeldhöhen nie gemacht gewesen“, äußert sich ein Anwalt kritisch. „Verfahrens- und Schutzrechte für Betroffene sowie die Beweisverteilung müssen ernsthaft verbessert werden“. Und anders als noch vor einem Jahr gab es sogar vorsichtige Anzeichen dafür, dass die EU-Kommission hier selbstkritischer wird. Die hohe Zahl der Bußgeldverfahren führte dazu, dass auch kleinere Kanzleien mittlerweile in derartigen Fällen Mandate übernehmen können.

Internationale Aufstellung als Erfolgsfaktor für Kanzleien

Bei den Rettungsprogrammen und Beihilfen für Banken zeigte sich deutlich, dass vor allem solche Büros von dem erhöhten Beratungsbedarf profitierten, die eine starke Basis im deutschen Markt haben. Freshfields Bruckhaus Deringer gehörte deshalb zu jenen, die hier eingebunden waren, ebenso Linklaters, Redeker Sellner Dahs & Widmaier, Gleiss Lutz, Hengeler Mueller oder CMS Hasche Sigle. Cleary Gottlieb Steen & Hamilton und Jones Day waren stärker im französischen und belgischen Bankensektor unterwegs, unterstrichen damit aber ihre international angesehene Aufstellung.

Eine solche wird allerdings auch in Bußgeldverfahren immer wichtiger, seit die Kartellbehörden ihre Zusammenarbeit und den Informationsaustausch untereinander erheblich intensiviert haben. Während dies früher aufgrund der früh eingeleiteten internationalen Integration klar eine Domäne von Freshfields oder Cleary war, haben auch andere Kanzleien mittlerweile ihre Aufstellung verbessert. Linklaters hat inzwischen ebenso Kartellrechtskontakte nach China und Indien aufgebaut, Norton Rose ihre kartellrechtlichen Schwerpunktbüros in Brüssel und Hongkong etabliert – und Letzteres durch die Fusion mit der australischen Kanzlei Deacons sogar noch verstärkt.