Compliance erhält durch Klagewelle neue Dimension

Risikothemen sind 2011 dadurch noch relevanter geworden – egal ob es sich um Vorstandshaftung dreht, oder um kartell-, steuer-, datenschutz- oder finanzierungsrechtliche Risiken. Noch vor einigen Jahren wurde das Thema Compliance belächelt, heute treiben die US-amerikanische SEC oder die EU-Kommission den Unternehmensverantwortlichen mit ihrer verschärften Gangart Schweißperlen auf die Stirn.

Für die Anwälte in den Unternehmen und in den Kanzleien stellen sich damit neue Aufgaben und Fragen. Compliance ist zu einem eigenen Verantwortungsbereich geworden – für den die Unternehmen oft händeringend geeignetes juristisches Personal suchen, denn die nötige Erfahrung mit Risiko-Management-Mechanismen und rechtlichen Kontrollstrukturen ist rar gesät. MAN holte einen aus der Siemens-Affäre gestählten Spezialisten als CCO, unter dessen Leitung zuletzt weltweit Anti-Korruptionsstrukturen eingeführt wurden, einschließlich eines so genannten Whistle-Blowing-Systems.Manche Unternehmen haben die obersten Rechts- und Compliancefunktionen zuletzt auf Vorstandsebene angesiedelt, darunter die Deutsche Bahn. Der VW-Konzern siedelte eine Abteilung Governance, Risk und Compliance direkt unter dem Vorstandsvorsitzenden an.

Die verstärkte Risiko-Sensibilität wirft für die Rechtsberatung eine zusätzliche Dimension auf. Zum Beispiel bei Prozessen. Zu den eingangs erwähnten Vorstandsklagen kommen weitere Streitigkeiten, die mit hohen Streitwerten und sensiblem Inhalt die Unternehmen herausfordern.

Die 10 wichtigsten Großprozesse 2010/11

Die 10 wichtigsten Großprozesse 2010/11

Schadensersatzansprüche im Nachgang von Kartellverstößen laufen oft parallel in den USA und in Europa. Vorstandsklagen werfen stets zugleich die Frage nach dem dahinter stehenden Versicherungsschutz durch eine D&O-Police auf. Durch diese Phänomene bekommt das Prozessgeschäft in den Kanzleien eine ganz neue Relevanz: Vor einigen Jahren, als das Transaktionsgeschäft für Unternehmen und Kanzleien im Vordergrund stand, galt es unter Wirtschaftsanwälten noch als schick, nie bei Gericht zu sein. „Meine Robe habe ich seit Jahren nicht getragen“, hieß es unter M&A-Anwälten gern.

Auch Kanzleien, die bereits eine spezialisierte Prozesspraxis etabliert hatten, haben jedoch zuletzt althergebrachte Konzepte überdenken müssen. Allein über die Reputation bei den Gerichten auch wirtschaftlichen Erfolg zu haben, reicht nur noch für eine Handvoll Spezialkanzleien aus.

Interne Vernetzung mit Fachbereichen für Prozessrechtler ein Muss

Moderne Litigation-Praxen müssen sich durch interne Vernetzung mit den einzelnen Fachbereichen auszeichnen. Das können Kombinationen aus Patentprozessrechtlern und Kartellspezialisten sein wie in der Prozessschlacht zwischen Nokia und IP.Com um kostbare Mobilfunkpatente. Oder eine Zusammenarbeit von Gesellschaftsrechtlern und Litigation-Partnern wie im Fall der BayernLB-Vorstandsklagen. Im Bereich von Versicherern oder Banken etwa setzt sich außerdem bei den Prozessteams zunehmend eine Branchenfokussierung durch. Bei sensiblen Inhalten und hohen Streitwerten spielt für Prozessprofis auch die Planung der Kommunikation gegenüber der Presse hinein.

Indem in beratungsintensiven gesellschaftsrechtlichen oder M&A-Mandaten mehr Risikobewusstsein einzieht, wird die Erfahrung der Litigationanwälte aus heiklen Auseinandersetzungen auch dort mehr gebraucht. Corporate Governance und Haftungsfragen haben die M&A-Verkaufsprozesse tiefgreifend verändert, für viele Unternehmen war hier der Streitfall zwischen dem abu-dhabischen Investor IPIC und der Verkäuferin MAN um Korruptionsentdeckungen bei Ferrostaal ein Weckruf. Käufer prüfen heute oft zuallererst die – korruptions- oder kartellbezogenen – Compliance-Programme.

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