Kanzleien agieren immer internationaler

Die 10 größten Kanzleien in Deutschland 2011-12

Die 10 größten Kanzleien in Deutschland 2011/12

Die stärkere Internationalisierung beschäftigt aber ebenso das obere Ende des Markts. Dass innerhalb von wenigen Wochen mit Norton Rose, Allen & Overy und Clifford Chance gleich drei namhafte Kanzleien die Eröffnung von Büros im marokkanischen Casablanca verkünden, ist eine äußerst erstaunliche Entwicklung des letzten Jahres gewesen. Doch sie zeigt, dass die Kanzleien immer stärker in internationalen Zusammenhängen denken und agieren. Hintergrund für die neuen marokkanischen Büros ist der – oft von den Pariser Kollegen nachhaltig betriebene – Wunsch, sich für lukrative Mandate in Nordafrika aufzustellen, die dort im Rahmen der Wirtschaftsförderung und politischen Unterstützung anlaufen, zum Beispiel im Anlagenbau, bei Hafenerweiterungen und Energieprojekten oder im Zusammenhang mit dem Großprojekt Desertec, das über die nächsten Jahre einige Wüstenregionen zu Solarstrom-Standorten machen soll.

Ein anderes Beispiel bildet Südamerika, wo sich Brasilien als großer und auch für europäische Anwälte lukrativer Markt entwickelt. Bereits im Vorjahr hatten dort Milbank Tweed Hadley & McCloy eröffnet, in diesem Jahr folgten Cleary Gottlieb Steen & Hamilton und Jones Day. Heuking Kühn Lüer Wojtek etablierte eine Kooperation mit einer brasilianischen Kanzlei, Baker & McKenzie wählte einen Brasilianer als neuen weltweiten Kanzleichef.

Die wichtigsten Ereignisse  2011/12

Die wichtigsten Ereignisse 2011/12

Einen etwas anderen Hintergrund hat der Run von US-Kanzleien auf den Standort Hongkong, hier sind es vor allem kapitalmarktrechtliche Spitzenakteure, die sich an dem attraktiven chinesischen Börsenplatz Marktanteile sichern wollen. So übersprangen etwa Simpson Thacher & Bartlett und Davis Polk & Wardwell bei der internationalen Expansion Europa und eröffneten gleich in Hongkong – durch die Anwerbung von jungen Partnern von Linklaters und Freshfields. Cleary Gottlieb schickte einen ihrer namhaftesten Kapitalmarktrechtler aus dem Frankfurter Büro.

Ein deutscher Gesellschaftsrechtler als Leiter des Schanghaier Büros von Freshfields ist ein Hinweis darauf, wohin die Entwicklung im Corporate-Geschäft der Top-Kanzleien gehen wird: Im Transaktionsgeschäft entwickeln sich Anwälte stärker als internationale Dealmanager. Bei genauerem Hinsehen hat sogar Hengeler Mueller inzwischen ebenso viele grenzüberschreitend tätige deutsche Corporate-Anwälte wie Freshfields.

Vor allem einige der jüngeren Hengeler-Partner scheuen sich nicht mehr davor, einerseits Mandanten auch außerhalb von Deutschland in andere europäische Länder zu begleiten, und andererseits stärker als die Generation vor ihnen aktiv um internationale Mandanten zu werben, die in Deutschland investieren wollen. Eine Tatsache ist es nämlich, dass die Top-Corporate-Kanzleien ihrerseits auf den stärkeren Konkurrenzdruck bei kleinen und mittelgroßen M&A-Deals reagieren müssen, wenn sie sich nicht auf einen Preiskampf einlassen wollen.

Große Teams sind beim Thema Branchenspezialisierung im Vorteil

Als ein Weg, Marktanteile hinzuzugewinnen, erweist sich außerdem zunehmend eine Aufstellung nach bestimmten Branchenschwerpunkten – was in größeren Teams oft leichter zu bewältigen ist. Inzwischen sind Branchenkenntnisse sogar häufig das Zünglein an der Waage, wenn es um eine Mandatierung bei Großprojekten geht. Vorreiterin in dieser Hinsicht ist Clifford Chance. Sie hat schon sehr früh auf Branchenfokussierungen gesetzt, und ihre Energie- und Gesundheitsteams haben sich mittlerweile in beiden Sektoren einen festen Platz unter den marktführenden Praxen erarbeitet. Dass sie inzwischen eine ganze Reihe jüngerer Partner aufgebaut hat, die international koordinierende Rollen in den Branchengruppen übernehmen, dürfte sich für die deutsche Praxis in einigen Jahren auszahlen.

Bei Freshfields Bruckhaus Deringer waren zuletzt die Beauftragung durch E.on beim Verkauf des Gazprom-Anteils für 3,4 Milliarden Euro oder die intensive Arbeit für den Einstieg von Liberty Global in den deutschen Kabel- und Telekommunikationsmarkt der Lohn der jahrelangen engen Beziehungen, die bei der Kanzlei aber stärker durch die Leistung von branchenerfahrenen Partnern bedingt sind als Ergebnis einer Kanzleistrategie. Vor einigen Jahren beispielsweise hatte die Kanzlei einen anerkannten Pharmarechtler zu Clifford Chance ziehen lassen, der dort nun eine der marktführenden Praxen aufgebaut hat; im Rückblick ein strategischer Fehler.

Den Wert einer nach außen wahrnehmbaren Branchenfokussierung haben beispielsweise Latham & Watkins und Linklaters für sich erkannt. Bei Latham gibt es zwar ein kleines Team, das stark auf M&A-Deals im Gesundheitssektor spezialisiert ist, aber ansonsten ist ein Industriefokus innerhalb der deutschen Praxis noch selten. International ist die Kanzlei schon stärker nach Branchengruppen aufgestellt, in Deutschland geht die Entwicklung inzwischen auch stärker in diese Richtung.

Linklaters hinkt beim Thema Branchenfokus noch hinterher

Linklaters, die im Transaktionsgeschäft zuletzt beachtliche Erfolge feierte und in den Juve-Rankingtabellen im M&A und im Gesellschaftsrecht zu Freshfields und Hengeler aufschließen konnte, hinkt beim Thema Branchenfokus noch deutlich hinterher. Insofern hatte der Kanzleiumbau, den Linklaters vor einigen Jahren angestoßen hat, Vor- und Nachteile: Die Erfolge im M&A wären nicht zustande gekommen ohne eine energische strategische Ausrichtung auf Transaktionen. Andererseits fehlt es durch die Weggänge einzelner Partner nicht nur an Branchen-Know-how, sondern teils auch an Kapazitäten.

Beispielhaft dafür ist der im Sommer 2011 bekannt gewordene Wechsel eines Immobilienteams zu Berwin Leighton Paisner. Es hatte bei Linklaters schon begonnen, den Branchenschwerpunkt im Real Estate weiterzuentwickeln und verstärkt Transaktionen zu betreuen – doch offenbar ist es im schwierigen Immobilienmarkt nicht gelungen, das Vertrauen der Mandanten auch für High-End-Geschäft zu gewinnen. Im Energiebereich dagegen konnte Linklaters bereits bessere Erfolge erzielen.

Den Konflikt zwischen notwendiger Konzentration auf High-End-Arbeit und dem glaubwürdigen Aufbau eines Branchenansatzes ist eine Herausforderung für alle Top-Kanzleien. Nötig ist dabei eine klare Positionierung des Kanzleimanagements, bestimmtes Geschäft nachhaltig zu entwickeln und kanzleiinterner Kritik an der Profitabilität mit dem Argument einer längerfristigen Investition zu begegnen. Im Energiesektor beispielsweise arbeiten viele Teams nicht nur für die wenigen Großkonzerne, sondern regelmäßig auch für kommunale Stadtwerke, die nur einen niedrigeren Stundensatz zu zahlen bereit sind. Die Mandatierung mit wichtigen Branchendeals erfolgt aber oft gerade wegen einer langjährigen Durchdringung eines Sektors.

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