Rettung ohne Happy End: Schultze & Braun leitet entscheidende Wende zur Einigung zwischen angeschlagener Merckle-Gruppe und Banken ein
Den Anruf, dass der Überbrückungskredit in trockenen Tüchern ist, hat Adolf Merckle noch entgegen genommen. Dann setzte sich der 74-Jährige Unternehmer ins Auto, fuhr zu einer Bahnstrecke in der Nähe seines Heimatortes Blaubeuren und beging Selbstmord. Gut drei Monate hatte der Milliardär um sein Lebenswerk gekämpft. Und wusste schließlich, dass es zum Verkauf des Generikaherstellers Ratiopharm keine Alternative mehr geben würde. Daran konnte auch der wachsende Stab an Beratern an seiner und der Seite seiner Firmen nichts mehr ändern. Gut drei Monate hatte der Milliardär um sein Lebenswerk gekämpft. Und wusste schließlich, dass es zum Verkauf des Generikaherstellers Ratiopharm keine Alternative mehr geben würde. Daran konnte auch der wachsende Stab an Beratern an seiner und der Seite seiner Firmen nichts mehr ändern.
Gut drei Monate lang hatten die Berater versucht, zusammen mit der baden-württembergischen Unternehmerfamilie, für die Finanzholding VEM der Familie Merckle einen Sanierungsplan aufzustellen. Nur folgerichtig, dass teilweise seit langem im Merckle-Umfeld bekannte Sozietäten wie Gleiss Lutz dabei waren, aber auch Überraschungskandidaten wie Nörr Stiefenhofer Lutz und die angesehene Insolvenzkanzlei Schultze & Braun kamen ins Boot. Sie alle kämpften um die Rettung der VEM mit den drei großen Stämmen der Beteiligungen – auch wenn die Interessen im Verlauf der Verhandlungen auseinander.
Denn zwischen der Holding und den Beteiligungen gibt es – aus steuerrechtlichen Gründen – mehrere Dutzend Zwischengesellschaften, und für alle war bei der VEM das Cash-Pooling installiert. Der unternehmensinterne Liquiditätsausgleich durch ein zentrales Finanzmanagement – eine gängige und unproblematische Lösung – so lange alles gut läuft.
Merckle hatte aber riskante Geschäfte getätigt und dabei Pech gehabt. Er hatte seine Beteiligung an Heidelberg Cement aufgestockt, bis sie schließlich bei 80 Prozent lag. Den Kaufpreis für diese Aktien hatte er offenbar über Kredite finanziert, die Aktien zur Sicherheit an die Banken übertragen. Gezahlt haben muss er teilweise an die 120 Euro pro Aktie, nach Beginn der Finanzkrise rutschte sie auf zeitweise unter 30 Euro ab. Merckle trafen Nachschusspflichten gegenüber den Banken. Geredet wird von einem hohen dreistelligen Millionenbereich. Merckle geriet in eine Liquiditätsklemme. Höchste Zeit zum Handeln für den erfahrenen Unternehmer: Während Banken noch Gewinne mit dem Handel an den übertragenen Aktien trieben, mandatierte Merckle neben Gleiss Lutz für ein Sanierungskonzept Nörr Stiefenhofer Lutz.
Die Adventszeit wurde dann für alle Beteiligten alles andere als besinnlich: Während Dr. Christoph Schotte, Insolvenzrechtler bei Nörr, den Cash-Flow kontrollierte, nahm Eckhard Martin die Verhandlungen mit den Banken auf. Die rund 30 Gläubigerbanken, gesteuert von der Royal Bank of Scotland (RBS) mandatierten Allen & Overy-Partner Hoegen, der bereits erfolgreich für den Autozulieferer Schefenacker und den Möbelhersteller Schieder eine Einigung mit Gläubigern erzielt hatte. Die RBS allerdings fiel selbst der Finanzkrise zum Opfer und war selbst auf Unterstützung durch die britische Regierung angewiesen, um überhaupt am Markt bestehen zu können.
Es begann die aufregendste Zeit auf Beraterseite. Auch einige der Führungskräfte ließen sich nun separat beraten, nach Marktinformationen ebenfalls von Gleiss Lutz-Anwälten. Sie fürchteten die eigene Haftung bei einem zu ausgedehnten Warten etwa wegen Untreue. Fragen, bei denen man gerne auf vertraute Berater zurückgreift. Kein Wunder also, dass Gleiss zum Zuge kam, denn zumindest Ratiopharm-Geschäftsführer Thomas Ehmann und Dr. Bernd Scheifele, Vorstandsvorsitzender von Heidelberg Cement, arbeiteten früher für die Kanzlei. Auf Holding-Ebene musste überdies sichergestellt werden, dass es nicht zum Eingehungsbetrug kam, indem zu lange in die Kassen der Tochtergesellschaften gegriffen wurde. Bis Ende November konnte das Cash-Pooling aufrecht erhalten werden, dann schlug der Dominoeffekt durch die Schieflage bei der VEM voll ein.
Die entscheidende Wende wurde dann im Dezember eingeleitet. Für die eher bei der Familie aufgehängten VEM-Schwestergesellschaften kam Schultze & Braun ins Boot. Namenspartner Braun führte die Verhandlungen mit den Banken. Zu unterschiedlich lagen zu diesen Zeiten die Interessen der Beteiligten Gesellschafter und Gesellschaften, zu aufgeregt waren die Gemüter. Braun stieg mit all seiner Erfahrung ein – und dem Mut, nach vielen durcharbeiteten Wochenenden und Nächten an einem Freitagnachmittag auch mal ‘Feierabend’ zu sagen. “Und siehe da, die Welt drehte sich weiter”, sagt einer der Beteiligten. Er war nun der Ansprechpartner für die Banken, hatte die Nerven, vor allem der Familie Merckle Auszeiten zu geben in dem Verhandlungsmarathon mit hektischen Telefonaten, und an der Seite von Adolf Merckle gerade zu stehen gegenüber den Banken. Die Androhung der Insolvenz gebrauchte er als Asset für die eigene Verhandlungsposition. “Ihm gilt der Hauptverdienst für die Einigung”, sagt einer.
Die Grundzüge der letztlichen Vereinbarung zwischen Merckle und den Banken war damit schon vor Weihnachten gesteckt, und offenbar war auch da schon klar, dass der Verkauf von Ratiopharm nicht zu umgehen sein würde.
Wann Ratiopharm tatsächlich einen neuen Eigentümer finden wird, ist derzeit unklar. Das Mandat für den Verkauf ist bisher nicht vergeben. Spannend dürfte in jedem Fall werden, wer sich künftig im Merckle-Konzern auch künftig als Berater etablieren kann – nicht nur für den Ratiopharm-Verkauf. Die einflatternden Emails mit angeblichen Angeboten von Kaufinteressenten seien jedenfalls nicht ernst zu nehmen, so ist zu hören. Der Markt ist schlecht dieser Tage für einen Verkauf, denn es sollte nicht nur das Volumen des Sanierungskredites über 400 Millionen Euro realisiert werden können, sondern auch die Ablösung der Altkredite. Der Verkauf selbst jedoch wird bei aller Aufgeregtheit der vergangenen Monate ein ganz normaler Share-Deal werden. Eigentlich, denn bis zu dem Tag, an dem im Merckle-Imperium wieder Normalität einkehrt, dürfte es noch ein wenig dauern. (Tanja Podolski)
Berater Familie Merckle
Schultze & Braun (Achern): Dr. Eberhard Braun (Insolvenzrecht)
Berater VEM
Nörr Stiefenhofer Lutz : Eckhard Martin (Federführung; Restrukturierung), Dr. Christoph Schotte (Insolvenzrecht; München), Dr. Holger Alfes (Gesellschaftsrecht), Sebastian Bock (Finanzierung) – aus dem Markt bekannt
Berater HeidelbergCement/Ratiopharm/Phoenix
Gleiss Lutz : Dr. Martin Schockenhoff (Corporate), Dr. Andreas Spahlinger (Insolvenzrecht), Dr. Helge Kortz; Associate: Dr. Kai Birke (beide Banking, beide Frankfurt) -aus dem Markt bekannt
Berater Gläubigerbanken
Allen & Overy (Frankfurt): Peter Hoegen – Steering Committee – aus dem Markt bekannt
Grub Brugger & Partner : Clemens Jobe, Dr. Cyril Rosenschon, Florian Schiermeyer (alle München), Dr. Volker Grub (Stuttgart) – Sparkassenfinanzgruppe
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