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22.01.2014

Insolvenzantrag: Hamburger Verwalter übernimmt die Kontrolle bei Prokon

Die Prokon Regenerative Energien-Gruppe hat heute die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Das Amtsgericht Itzehoe bestellte Dr. Dietmar Penzlin zum vorläufigen Insolvenzverwalter des Ökoenergieanbieters. Er ist Namenspartner von Schmidt-Jortzig Petersen Penzlin in Hamburg.

Dietmar Penzlin

Dietmar Penzlin

Das Insolvenzgericht beauftragte Penzlin zudem als Sachverständigen mit der Prüfung, ob ein Insolvenzgrund wie Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung vorliegen. Dazu hat er bereits diverse Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Sollte der Eigenantrag der Prokon-Geschäftsführung zurückgenommen werden oder kein Insolvenzgrund vorliegen, wird das Insolvenzverfahren nicht eröffnet.

Kompliziert wird der Fall unter anderem dadurch, dass Prokon bei 75.000 Anlegern rund 1,4 Milliarden über Genusssscheine eingesammelt hat. Da Genussrechtsforderungen nur nachrangig bedient werden, könnte daraus folgen, dass diese als gestundet gelten. Begründen keine anderen Forderungen eine Zahlungsunfähigkeit und liegt keine Überschuldung vor, gibt es auch keine Insolvenz. Bei der möglichen Überschuldung kommt es wiederum maßgeblich darauf an, ob Genussrechte als Fremd- oder Eigenkapital gelten. Da diese eine Mischung aus einer Anleihe und einer Aktie sind, ist dies ebenfalls nicht eindeutig.

Penzlin teilte mit, dass Forderungsanmeldungen erst möglich sein werden, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet wird. “Forderungsanmeldungen während des derzeitigen vorläufigen Insolvenzverfahrens sind dagegen unwirksam. Alle Gläubiger werden daher dringend gebeten, von entsprechenden Forderungsanmeldungen zum jetzigen Zeitpunkt abzusehen. Im Falle einer späteren Verfahrenseröffnung würde ich allen Gläubigern Formulare zur Forderungsanmeldung übersenden”, teilte Penzlin mit. Die rund 75.000 Inhaber von Genussscheinrechten will Prokon in Abstimmung mit Penzlin kurzfristig über den Status des Insolvenzeröffnungsverfahrens unterrichten. Rückzahlungen von Genussscheinkapital oder Zinsen seien insolvenzbedingt derzeit nicht möglich.

Der 1995 von Carsten Rodbertus gegründete Windparkfinanzierer im schleswig-holsteinischen Itzehoe beschäftigt rund 1.300 Mitarbeiter. Der Insolvenzantrag kam nicht überraschend. Bereits vor gut zwei Wochen hatte Prokon ihre Anleger in einem Schreiben vor der Insolvenz gewarnt und rief sie dazu auf, vorerst auf die Rückzahlung ihres Geldes zu verzichten, sonst sei das Unternehmen bis Ende Januar zahlungsunfähig. Prokon teilt dazu auf ihrer Website mit: “Innerhalb von 10 Tagen hat sich die Hälfte (!) aller unserer Anleger aktiv hinter uns gestellt.”

Penzlin hat seine berufliche Laufbahn in der renommierten Insolvenzabteilung von White & Case in Hamburg begonnen und sich 2007 mit zwei weiteren Local-Partnern der Kanzlei selbstständig gemacht (mehr…). Seither hat er sich im Insolvenzverwaltungsmarkt etabliert, in den vergangenen Jahren wurde Penzlin so etwa insbesondere in der leidenden Schifffahrtsbranche aktiv.

Penzlin gehört am kleinen Insolvenzgericht Itzehoe seit Jahren zu den am meisten bestellten Verwaltern. Die Kapazitäten der vergleichsweise kleinen Insolvenzabteilung wurden zuletzt durch die Insolvenz des Touristikvermittlers Clever-Hotels.com/Navelar in Hamburg stark beansprucht. Für die Prokon-Insolvenz hat er neben einem bislang vierköpfigen Team aus eigener Kanzlei nun auch die Hamburger MDP-Kanzlei BRL Boege Rohde Lübbehuesen hinzugezogen. Dort beschäftigt sich ein fünfköpfiges Team um den auf Insolvenzrecht spezialisierten Partner Stefan Denkhaus mit der Sache. Das gemeinsame Team der beiden Kanzleien zählt damit aktuell zehn Anwälte, in den kommenden Wochen wollen die Sozietäten es weiter aufstocken.

Penzlin und Denkhaus wickeln bereits eine andere Insolvenz in der Windenergiebranche gemeinsam ab, jedoch in anderer Rollenkonstellation als nun. Bei der N.prior GmbH, der früheren Prokon Nord ist Denkhaus Insolvenzverwalter, Penzlin ist Mitglied des Gläubigerausschusses und gewählter Vertreter der Anleihegläubiger. (Christine Albert, Markus Lembeck)