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04.05.2012

Internationaler Zusammenschluss: enwc und Taylor Wessing unter einem Dach

Zum ersten Mal seit knapp zehn Jahren schließen sich eine österreichische Kanzlei und eine internationale Großkanzlei zusammen: Am heutigen Freitag wird enwc Natlacen Walderdorff Cancola Teil von Taylor Wessing. In Wien und den bisherigen enwc-Büros in Zentral- und Osteuropa und Südosteuropa firmiert die Kanzlei künftig unter Tayor Wessing enwc.

Raimund Cancola

Raimund Cancola

Damit einher geht auch eine Erweiterung des internationalen Managementboards von Taylor Wessing um einen Sitz auf nunmehr fünf. Neu zieht Dr. Raimund Cancola, Managing-Partner von Taylor Wessing enwc in Wien, ein. Die deutsche Seite repräsentiert Managing-Partner Dr. Wolfgang Rehmann, zudem gehören Tim Eyles (London), Gilles Amsallem (Paris) und Tan Chong Huat (Singapur) dem Gremium an.

Die neue Einheit ist mit 22 Standorten in 13 Ländern in Europa, dem Nahen Osten und Asien vertreten. enwc steuert insgesamt rund 70 Berufsträger bei. Neun Equity-Partner sind in Wien tätig. Etwa 40 Berufsträger, darunter 5 Local-Partner, verteilen sich auf die Standorte Budapest, Warschau, Kiew, Bratislava, Prag und Brünn.

Finanzielle Eigenständigkeit

Finanziell bleiben die Einheiten, wie bei Taylor Wessing üblich, eigenständig. Mit diesem Modell operiert auch enwc in ihren osteuropäischen Büros, an denen die Wiener Anwaltsgesellschaft zwar die Mehrheit hält, die Partner vor Ort aber maßgeblich beteiligt sind. Mit Dr. Georg Walderdorff kümmert sich ein Wiener Partner ausschließlich um das Osteuropageschäft. “Qualitätssicherung ist die Basis von Nachhaltigkeit und verursacht entsprechende Kosten”, sagte der Wiener Partner Cancola. In den vergangenen Monaten haben beide Seiten vor allem an einer Integration von enwc in die bestehenden Praxis- und Industrie-Gruppen gearbeitet. Auch Pitches haben die Kanzleien schon gemeinsam bestritten.

“Das Taylor Wessing-Modell empfinden wir als ideal. In dieser Struktur haben wir die Möglichkeit, unter dem Dach von Taylor Wessing entsprechend lokaler Marktgegebenheiten weiterhin eigenständig zu handeln und zu entscheiden”, so Cancola. Auch dass beide Kanzleien keine überwiegend transaktionsfokussierten Law Firms sind, sei wesentlich und optimal. “Taylor Wessing erweitert unseren Zugang insbesondere zur UK- und deutschen ,Welt’, aber auch zum US-Markt, sowie nach Asien und den mittleren Osten”, sagte Cancola.

Taylor Wessing hatte in Deutschland im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011, das dem Kalenderjahr entspricht, ein sattes Plus von 8,7 Prozent erwirtschaftet und ihr Gesamtergebnis auf 134 Millionen Euro gesteigert. Auch der Umsatz pro Berufsträger (UBT) erholte sich. Umgerechnet auf Vollzeitstellen erwirtschaftete jeder der 315 Berater rund 426.000 Euro (mehr…). Zum Vergleich: Die enwc-Umsätze für das letzte Geschäftsjahr, das zum 31. Januar 2012 endete, weisen ebenfalls einen deutlichen Zuwachs kanzleiweit um 8 Prozent auf. Damit lag der Gesamtumsatz bei 16,7 Millionen Euro. Der UBT von enwc beträgt JUVE-Recherchen zufolge kanzleiweit rund 200.000 Euro.

Wachstumsmärkte identifiziert

Wolfgang Rehmann

Wolfgang Rehmann

Taylor Wessing schätzt die hohe Präsenz von enwc in Osteuropa. “enwc ist für uns die perfekte Ergänzung, um Wachstumsmärkte innerhalb von Europa anzugehen”, sagte Rehmann. Er hatte nach dem Ende der Zusammenarbeit mit der polnischen Kanzlei BSJP Brockhuis Jurczak Prusak (mehr…) Anfang Februar stets betont, dass eine verstärkte Präsenz im Osten eines der dringendsten Ziele bleibe (mehr…). Im September 2011 war Taylor Wessing eine strategische Zusammenarbeit mit der Singapurer Kanzlei RHT Law eingegangen (mehr…).

„Wir wollen natürlich nicht überall auf der Welt das Taylor Wessing-Fähnchen einpflanzen. Aber der Ausbau einer international einheitlichen Marke in strategisch wichtigen Ländern ist und bleibt uns ein Anliegen“, so Rehmann. So trägt sich die Kanzlei mit dem Gedanken, ihre Asien-Präsenz noch weiter auszubauen. Auch eine mittelfristige Expansion in andere osteuropäische Staaten sei nicht ausgeschlossen.

Internationale Großkanzleien seit Jahren in Wien präsent

Dass eine internationale Großkanzlei den Schritt nach Wien wagte, ist schon einige Jahre her. Im Oktober 2003 hatte sich die britische Großkanzlei DLA (ehemals Dibb Lupton Alsop) mit Weiss-Tessbach zusammengeschlossen (mehr…). Baker & McKenzie gab wenige Monate zuvor, im Februar 2003, den Zusammenschluss mit der Wiener Kanzlei Kerres & Diwok bekannt (mehr…). Im Zusammenhang mit der Fusion von Bruckhaus Westrick Heller Löber und Freshfields Deringer entstand auch das Wiener Büro von Freshfields Bruckhaus Deringer (mehr…). Die österreichische Kanzlei Strommer Reich-Rohrwig Karasek Hainz hatte sich bereits 1999 dem damals neu gegründeten CMS-Verbund angeschlossen und firmiert heute unter CMS Reich-Rohrwig Hainz (mehr…). Skadden Arps Slate Meagher & Flom unterhält seit 1993 eine Niederlassung in Wien.

Warschau: enwc baut aus

Bereits Anfang April hatte enwc mit Agnieszka Deeg (43) und Przemyslaw Walasek (36) ihr Warschauer Büro aufgestockt. Deeg ist eine erfahrene Corporate-Anwältin mit Fokus auf den Branchen Life Science und Health Care. Sie wechselte von BSJP, dem ehemaligen Taylor Wessing-Kooperationspartner in Polen, und stieg als Local-Partnerin ein. Deeg arbeitete bereits in den Warschauer Büros von CMS Cameron McKenna, Salans und Weil Gotshal & Manges. Von 2002 bis 2004 war sie als Inhouse-Juristin bei dem Pharmaunternehmen Eli Lilly tätig.

Walasek kam von Wierzbowski Eversheds, dem polnischen Mitglied des internationalen Evershed-Verbundes. Er berät vor allem zu IP-Themen. Berufserfahrung sammelte er bisher unter anderem als Inhouse-Jurist bei Carrefour und Viterra, ein Jahr lang arbeitete er als Anwalt im Warschauer Büro von Noerr. (Geertje Oldermann, Ulrike Barth)