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07.09.2017

Prozessauftakt im Wölbern-Komplex: Anwaltsduo wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt

Ab morgen müssen sich im Sitzungssaal 300 des Landgerichts Hamburg drei weitere Beschuldigte im sogenannten Wölbern-Komplex verantworten – einem der größten Anlegerskandale der vergangenen Jahre (Az. 618 KLS 1/17). Zu den Beschuldigten gehören die Anwälte Dr. Ole Brühl und Frank Moerchen.

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Frank Moerchen

Beide zählten in Diensten der Sozietät Bird & Bird zu den wichtigsten juristischen Beratern des Emissionshauses Wölbern Invest und dessen Ex-Chef Heinrich Schulte, der wegen gewerbsmäßiger Untreue in dreistelliger Millionenhöhe 2015 zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Neben dem Anwaltsduo muss sich auch der frühere Wölbern-Invest-Generalbevollmächtigte K. verantworten. Bis zum 20. Dezember sind vor der 18. Großen Strafkammer 24 Verhandlungstage angesetzt.

Das Trio soll zu Schultes Untreuetaten Beihilfe geleistet haben, Brühl soll zudem selbst Untreue begangen haben. Im vergangenen Oktober waren alle drei Beschuldigten verhaftet und wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen worden. Während Moerchen bis heute in Untersuchungshaft sitzt, wurden Brühl und K. nach knapp zwei Wochen gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

Anwälte gerieten schon im Strafprozess ins Visier

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Ole Brühl

Die seit einem Jahr andauernde Haft Moerchens ist JUVE-Informationen zufolge der Hauptgrund für die sehr kurze Frist zwischen Zulassung der Anklage und Prozessbeginn gewesen. Weil es sich um eine Haftsache handelt, gilt das Gebot der unbedingten Beschleunigung. Im April hatte Staatsanwalt Heyner Heyen die Beschuldigten angeklagt, im August wurde die rund 150-seitige Anklage zugelassen und der Prozessbeginn auf Anfang September terminiert. Ob der Prozess morgen wirklich ins Rollen kommt, ist zweifelhaft. Geplant ist das Verlesen der Anklage, zudem sollen die Angeklagten Gelegenheit erhalten, sich einzulassen. Beobachter rechnen aber mit Anträgen der Verteidigung, um etwa eine Haftverschonung für den 72-jährigen Moerchen zu erreichen.

Die Rollen Moerchens und Brühls, der weiter als Counsel bei Bird & Bird arbeitet, waren schon früh thematisiert worden. Bereits im Strafprozess gegen Schulte hatten dieser und seine Verteidiger 2014 immer wieder betont, dass die Bird & Bird-Anwälte eine wesentliche Rolle für die Entscheidungen im Umgang mit Fondsgeldern gespielt und in der Beratung elementare Pflichten verletzt hätten.

Schulte hatte bis 2013 aus mehreren geschlossenen Immobilienfonds der Wölbern-Gruppe Liquidität in Höhe von mehr als 147 Millionen Euro abgeschöpft. Das Geld leitete er auf sein Privatkonto weiter oder verwendete sie zur Unterstützung diverser Gesellschaften im In- und Ausland, an denen er entweder beteiligt war oder denen er als Geschäftsführer vorstand. K. sowie Brühl und Moerchen sollen Schulte bei der Verschleierung des illegalen Geldabflusses geholfen haben. Darüber hinaus sollen Brühl sowie K. gegen ihre Pflichten als Rechtsberater und Aufsichtsratsvorsitzender verstoßen und es Schulte so ermöglicht haben, Anlagegelder in Höhe von 47,5 Millionen Euro widerrechtlich abzuschöpfen.

Vertreter Ole Brühl
Freyschmidt Frings Pananis Venn (Berlin): Nikolai Venn; Associate: Sarah Diwell

Vertreter Frank Moerchen
KSK Rechtsanwälte (Hamburg): Dr. Iris-Maria Killinger, Michael Klose
Ufer Knauer (München): Steffen Ufer

Vertreter Ex-Generalbevollmächtigter K.
Krause & Kollegen (Berlin): Dr. Patrick Teubner
Mareike Biesold (Hamburg)

Staatsanwaltschaft Hamburg
Heyner Heyen

Landgericht Hamburg, 18. Große Strafkammer
Malte Hansen

Hintergrund: Die Angeklagten verlassen sich größtenteils auf die Verteidiger, die sie schon seit Beginn vertreten. Mit zwei Ausnahmen: Neu mit dabei ist Steffen Ufer, Namenspartner der renommierten Münchner Srafrechtskanzlei Ufer Knauer, der zusammen mit Iris-Maria Killinger und Michael Klose den früheren Bird & Bird-Partner Frank Moerchen verteidigt. Und in der Verteidigung des früheren Generalbevollmächtigten K. holte Krause-Partner Teubner die Hamburger Strafrechtlerin Mareike Biesold mit ins Boot geholt.

Geleitet wird die Hauptverhandlung durch Malte Jansen, der zu Beginn seiner Karriere zunächst für Latham & Watkins und Cleary Gottlieb Steen & Hamilton arbeitete. Über Stationen als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesgerichtshof und am Amtsgericht Hamburg stieß er erst im März dieses Jahres als Richter zum LG Hamburg. Dort ist er offiziell zwar nur stellvertretender Vorsitzender der 18. Großen Strafkammer, führt diese aber dennoch, nachdem der bisherige Vorsitzender Stefan Sommer im Juli eine Schwurgerichtskammer übernommen hat. An Hansens Seite werden zwei Beisitzer durch das Verfahren führen.

Den Verlauf des Strafprozesses gegen Moerchen und Brühl werden zahlreiche Beobachter auch mit Blick auf zivilrechtliche Auseinandersetzungen höchst interessiert verfolgen. Rund 30 Fonds sowie Insolvenzverwalter Tjark Thies aus der Kanzlei Reimer hatten Bird & Bird sowie Brühl, Moerchen und den seinerzeit in der Kanzlei ebenfalls als Berater beteiligten früheren Partner Thomas Demmel – gegen den jedoch keine strafrechtlichen Vorwürfe erhoben werden – auf Schadensersatz von mehr als 130 Millionen Euro verklagt.

Bird & Bird hat sich für die Abwehr der Klage den bundesweit anerkannten Prozessexperten Dr. Michael Weigel, Frankfurter Partner von Arnold & Porter Kaye Scholer, an die Seite geholt. Inzwischen hat die Kanzlei auch Widerklage eingereicht, mit der sie selbst Schadensersatzansprüche geltend macht. Dr. Antje Baumann, Partnerin der Hamburger Kanzlei Corinius, vertritt in dem zivilrechtlichen Streit die Interessen von Brühl, Ince & Co steht Moerchen zur Seite, Thomas Demmel setzt auf Tanja Pfitzner. (René Bender)