CLOSING 12/10

Expedition ins Tierreich: Der Anwalt, Krone der Schöpfung

Closing Evolution_fotoliaDer Rechtsmarkt, ein Dschungel: Wo selbsternannte Panther durch die Geschäftswelt streifen, bleibt das menschliche Antlitz mitunter auf der Strecke? Keineswegs, denn das Anwaltswesen ist ja im Grunde ein Kuscheltier. Ein Wildfang ist der gemeine Wirtschaftsjurist auf jeden Fall nicht mehr, sondern schon lange durch die Schwere seines Amtes und mindestens 13.000 Billable Hours domestiziert.

Aus den Ein-Mann-Kanzleien von einst – Pantoffeltierchen in der heutigen Anwaltswelt – haben sich starke Familienstämme herausgebildet. Deren heute bekannten Mitglieder haben sich von niederen Bakterien, Archaeen und Eukaryoten zu voll ausgewachsenen Exemplaren ihrer Zunft gemausert.

Freilich waren dazu ein paar Millionen Jahre Evolution vonnöten. Doch am Ende kann man wohl mit Fug und Recht sagen, dass die Schöpfung einzig im Anwalt ihrer schönste Ausprägung findet. Durch eine rücksichtslose natürliche Selektion haben sich hier die besten Gene durchgesetzt und machen ihn heute zur Krone der Schöpfung. Beeindruckend auch der Artenreichtum, der sich in den verschiedenen Gattungen ausgeprägt hat.

Da gibt es den dealgierigen M&A-Anwalt, eine Mutation des landläufigen Gesellschaftsrechtlers, ausgestattet mit großen Beißwerkzeugen, die er auch aushaken kann, aber vergleichsweise kleinem Langzeit-Gedächtnis. Beim M&Aler ist die Nebennierenrinde durch jahrhundertelange genetische Auslese besonders ausgeprägt, so dass sein Körper bei entsprechenden Anreizen Adrenalin im Überfluss produziert. Tatsächlich braucht der oftmals nur mit Millionen-Deals aus seinem Frankfurter Speckgürtel-Bau zu lockende kleine Geselle den täglichen Adrenalin-Kick – entsprechend hart umkämpft sind die Futterstellen. Denn der M&Aler speist sein Ego aus einer nie enden wollenden Vielzahl von M&A-Deals, die fast täglich frisch akquiriert werden müssen.

Oder der Arbeitsrechtler, der dank seiner breiten Sitzfläche in der Lage ist, tagelange Gerichts- und Tarifvertragsverhandlungen ohne mit der Wimper zu zucken durchzustehen. Der Nachteil: Durch sein unaufgeregtes Vorgehen reagiert der Arbeitsrechtler nur schwerfällig auf äußere Reize. Allerdings ist er ein Meister der Mimikry und passt sich seiner Umgebung optimal an: Mit Sportjacketts und karierten Hemden tarnt er sich als Kumpeltyp, scheut dann aber im Gerichtssaal keine Konfrontation. Auf unbekannterem Terrain zeigt er sozialere Züge, vor allem wenn er um Schichtung bemüht ist. Auch in Gefangenschaft einer Großkanzlei behält er diese Neigung bei, während beispielsweise IP-Exoten sich auf diesem eingeschränkten Raum oft nicht voll entwickeln können und zu Hospitalismus neigen. Der IPler kann von einem Mandat erstaunlich lange leben: Ein ganzes Portfolio wird von ihm in einem Happs verschlungen und dann oft jahrelange wieder und wieder gekäut.

Kommt es zur Rudelbildung, wird das von Kanzleien gerne als Teambildung verkauft. Von solchen Euphemismen sollte man sich jedoch nicht blenden lassen. Letztendlich greift auch hier weiterhin die brutale Hackordnung der Alphamännchen.

In sehr eingespielten Rudeln sind diese schon zu Matrixstrukturen herangewachsen, einer fast mythisch anmutenden inneren Ordnung, die in letzter Zeit auffallend oft aus jahrelangem Chaos heraus entsteht. Als hätte ein gütiger Schöpfergott seine Hand im Spiel gehabt. Genauso ein mildes Geschöpf, wie es Freshfields Bruckhaus Deringer seit Jahren im Logo trägt. Und ist nicht auch bei Hengeler Mueller der Hinweis auf die engelsgleiche Natur der Anwaltskanzlei schon im Namen versteckt?

Der Anwalt in seiner Vielfalt – viel zu perfekt, um rein aus Versuch und Irrtum entstanden zu sein. Vergesst Darwin. Am Anfang schuf Gott den Anwalt. (Ulrike Barth)