Bank- und Finanzrecht

(Stand: 19. März 2018)

Worum geht’s?

Glossar

  • Kapitalmarkt: Mehrere Transaktionen setzen langer Durststrecke ein Ende
  • Finanzierungen: Alternative Vorhaben und Anbieter gewinnen an Gewicht
  • Wenig Bewegung bei Beratern: Bedeutende Wechsel blieben aus

 

Nach einer langen Durststrecke kamen die auf Eigenkapitalmaßnahmen spezialisierten Berater im vergangenen Jahr an einen zaghaft sprudelnden Quell: Mehrere Börsegänge, darunter der milliardenschwere IPO der Bawag-Gruppe, beschäftigten die ECM-Teams. Im Bereich Finanzierungen gewannen alternative Anbieter und Vorhaben an Gewicht, nicht zuletzt weil traditionelle Banken weiter mit sich und steigenden aufsichtsrechtlichen Auflagen beschäftigt sind.

Größter Börsegang seit Jahren

In den vergangenen Monaten wagten mehrere Unternehmen den Schritt an die Börse oder holten sich dort frisches Geld, darunter ViennaEstate und De Raj. Internationale Aufmerksamkeit auf den Finanzplatz Wien zog der Börsegang der Bawag-Gruppe. Schließlich handelte es sich mit knapp zwei Milliarden Euro um den größten IPO seit Jahren. Mit ihm versilberten die internationalen Großinvestoren und Hauptaktionäre Cerberus und Golden Tree ihre Anteile. Zu den zentralen Beratern des Emittenten gehörte Dorda, die damit an ihre traditionelle Stärke anknüpfen konnte.

Neue Pfade beschritt im Kapitalmarktrecht bpv Hügel mit einem Ausgleich durch Aktien: Die ehemaligen Immoeast-Aktionäre erhielten im Zug des Überprüfungsverfahren erstmals Anteilsscheine der Immofinanz zugesprochen. Im Zentrum kapitalmartkrechtlicher Vorhaben stand in den vergangenen Monaten auch die Buwog: Nach einer Kapitalerhöhung mit CHSH Cerha Hempel Spiegel Hlawati im Frühsommer einigte sich das Management des Immobilienunternehmens kurz vor Jahresende mit dem deutschen Vonovia-Konzern auf ein Übernahmeangebot; die Angebotsfrist lief Mitte März aus und brachte eine Annahmequote von fast 74 Prozent. In dieser Angelegenheit mandatierte die Buwog Schönherr. Aufseiten des Bochumer Unternehmens begleitet den Zusammenschluss erneut ein deutsch-österreichisches Anwaltsteam von Freshfields Bruckhaus Deringer; sie hatte den deutschen Konzern bereits bei der Übernahme von Conwert Immobilien 2016 beraten.

Steinhoffs Krise beschäftigt Berater

Bei Fremdkapitalmaßnahmen entfiel ein gehöriges Stück des Kuchens auf Wolf Theiss. Deren DCM-Team besticht unverändert durch ein starkes, regelmäßiges und hochvolumiges Geschäft für Emittenten wie die Erste Group und die Volksbank Wien; auf der Seite der begleitenden Finanzinstitute trat in beiden Fällen die Kanzlei Rautner auf. Gemeinsam mit Gleiss Lutz beriet Wolf Theiss auch Steinhoff Europe bei einer Anleihe über 800 Millionen Euro. Angesichts der Krise des Handelskonzerns mit Börsenotierung in Amsterdam und Johannesburg sind institutionelle Investoren inzwischen in Stellung gegangen und haben ihre Berater verpflichtet – auch in Wien. Mit weiteren Schritten von Banken und Anlegern ist zu rechnen, so dass sich für etliche Kanzleien eine neue Großcausa abzeichnet. In einem ersten Schritt hat lediglich die Tochter Kika/Leiner die Finanzierung ihres Österreichgeschäfts gesichert und dabei Schönherr beauftragt.

In anderen Angelegenheiten ist der Streit längst manifest: Zu den strategisch wichtigen Fällen gehörte, dass es Volkswagen mit Dorda im Zuge des sogenannten Diesel-Skandals gelang, Aktionärsklagen gegen den Autobauer in Österreich auszuhebeln. Der Oberste Gerichtshof verwies die Anleger letztlich auf das in Braunschweig anhängige Verfahren nach dem deutschen Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz. Für Finanzinstitute bedeutsam war die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs (VfGH), dass die Finanzmarktaufsicht hohe Geldstrafen verhängen darf, wie sie §99d BWG vorsieht. Damit änderte der VfGH im Jänner seine vorherige Rechtsprechung. Beteiligt waren an diesem in eine neue Richtung weisenden Verfahren unter anderem die Anwälte von Hausmaninger Kletter und Proksch & Fritzsche Frank Fletzberger.

Diese Entscheidung illustriert, wie eng das regulatorische Korsett der Banken geschnürt ist. Damit hält der Druck auf die Institute an, ihre Geschäftsmodelle zu bereinigen und in größeren Einheiten effizienter zu arbeiten. An dieser Konsolidierung hat eine ganze Reihe Berater teil, an der Spitze Binder Grösswang, die weiter Institute im Volksbankensektor begleitet. Mit dem Verkauf der Semper Constantia Privatbank an die Liechtensteinische Landesbank war zuletzt auch Fellner Wratzfeld an einer Bankentransaktion beteiligt.

Heiße Technik, heiße Luft

Finanzierungen bilden bei vielen Kanzleien unverändert ein beständiges und wichtiges Geschäft. Daneben kommen zunehmend alternative Finanzierungsformen zum Zug, die etwa auf AIFM- oder EuVECA-Fonds beruhen. Für Herbst Kinsky wie für Brandl & Talos ist dieses Geschäft die Kehrseite ihrer Start-up-Beratung. Häufig steht jedoch auch die Frage im Vordergrund, wie sich vermeiden lässt, dass ein Anlagevehikel unter die AIFM-Richtlinie fällt.

Zu einem weiteren, aktuellen Finanzierungswerkzeug, einer Crowdinvesting-Maßnahme beriet Schönherr im vergangenen Jahr Conda. Manche dieser Modelle beruhen zudem auf Kryptowährungen. Wie schnell von Investments in diesem Bereich wenig mehr als heiße Luft bleibt, zeigt der Fall des mutmaßlichen Pyramidenspiels Optioment. Von Anfang an waren dessen Gewinnversprechen übermäßig. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines wohl dreistelligen Millionenschadens. Damit wandelt sich die vermeintliche Anlage zu einem Betrugsfall und einer neuen aufwendigen Streitigkeit für Berater und Prozessvertreter.

Bei Personalwechseln zwischen Kanzleien herrschte im Bank- und Finanzrecht in den vergangenen Monaten weitgehend Ruhe. Für manche Beobachter deutet sich jedoch Bewegung an: An Kandidaten auf der Anwalts- und Anwärterebene mangele es derzeit nicht. Andere weisen eine Karrierestufe höher: „Man wundert sich, wer sich bei Stellenbesetzungen in Rechtsabteilungen ins Spiel bringt.“ Die Beraterbranche könnte also vor unruhigeren Zeiten stehen. Die umgekehrte Richtung nahmen zuletzt Quereinsteiger bei bpv Hügel und SCWP Schindhelm. Beide Kanzleien verpflichteten frühere Inhousejuristen für ihre Bankpraxen.