Insolvenz und Restrukturierung

(Stand: 8. Januar 2018)

Worum geht’s?

Glossar

  • Insolvenzverwaltermarkt im Umbruch
  • Schönherr hebt sich von Wettbewerbern ab
  • Verschiebung vom Distressed- ins Aktiv-Beratungsgeschäft

 

Verwalter und Berater im Bereich Restrukturierung und Insolvenz sind angesichts dramatisch rückläufiger Insolvenzmassen gezwungen, ihr Geschäftsmodell anzupassen. So sind nun etwa Restrukturierungspraxen mit CEE-Bezug besonders gefragt.

Die Insolvenzen in Österreich sind auf einem Tiefstand wie man ihn seit 20 Jahren nicht erlebt hat. Kleinteiliges Geschäft prägt die Arbeit der Verwalter. Die Insolvenzstatistik des Gläubigerverbands KSV1870 zeigt für 2017 einen Rückgang der Unternehmensinsolvenzen um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Passiva gingen gegenüber 2016 sogar um 35 Prozent zurück.

Steiermark und Oberösterreich dominieren

Noch wesentlich größer wäre das Minus ausgefallen, wenn das vierte Quartal nicht mit einigen Großverfahren ins Kontor geschlagen hätte. So sorgte Ende 2017 die Insolvenz von SFL Technologies für viel Arbeit. Darüber hinaus gehörten die Wozabal-Pleite, die Insolvenz der Imperial-Gruppe sowie die der Reifen Bruckmüller-Gruppe zu den wenigen für die Berater lukrativen Fällen (Top-Insolvenzen). Auffällig ist allerdings, dass all diese Verfahren nicht in Wien, sondern in der Steiermark beziehungsweise in Oberösterreich anfielen.

Dieses Phänomen trat 2017 auch bei den etwas kleineren Insolvenzen auf. Unter den Pleiten ab zehn Millionen Euro Passiva spielte einzig das Sanierungsverfahren von GRI Handel in Wien (Masseverwalterin: Dr. Susanne Fruhstorfer, Taylor Wessing). Infolgedessen haben meist auch die in den Regionen ansässigen Verwalter und Schuldnervertreter die Nase vorn.

Markt der Insolvenzverwalter im Wandel

Gleichzeitig läuft aber auch dort die Konsolidierung des Kanzleimarktes auf vollen Touren: Die weniger spezialisierten Kanzleien ziehen sich zurück und es bleiben die etablierten Einheiten. Diese verfügen über die entsprechende Infrastruktur, um laufend auch kleinere Verfahren schlank und professionell abzuwickeln – sie sind darauf aber natürlich auch angewiesen, um die Auslastung ihrer Teams zu gewährleisten. Zu diesen Top-Praxen zählt etwa Graf & Pitkowitz in Graz, wo Dr. Alexander Isola und Stefan Weileder bei SFL Technologies als Schuldnervertreter in der größten Pleite des Jahres 2017 agierten. Die SFL-Insolvenz steht zudem stellvertretend für weitere Verfahren, für die die Gerichte „Besondere Verwalter“ neben den Masseverwaltern bestellt haben, wie bspw. auch im Falle der Insolvenz von Vogel & Noot Landmaschinen im Jahr 2016.

Darüber hinaus ist eine deutliche Zunahme von Verfahren nach der EuInsVO aus Deutschland heraus zu beobachten. Beispiele sind Butlers, Hoeckle, American Apparel und vor allem Niki (Air Berlin).

Präventive Restrukturierung auf dem Vormarsch

Einfluss auf die Insolvenzszene in Österreich hat auch der im November 2016 von der EU-Kommission vorgestellte Entwurf zu einer Insolvenzrichtlinie. Diese möchte ein „vorinsolvenzliches“ Verfahren in Europa in harmonisierter Weise einführen und „redlich gescheiterten“ Unternehmern eine rasche und an keine besonderen Quotenerfordernisse geknüpfte Restschuldbefreiung schaffen. Für Österreich ist der Entwurf relevant im Zusammenhang mit der Verkürzung der Abschöpfungslaufzeit für eine Restschuldbefreiung und die Auflassung der Mindestquote. Die kommende EU-Richtlinie zur Präventiven Restrukturierung spielt vor allem beratend tätigen Einheiten und damit meist Großkanzleien in die Hände, weil die Zahl attraktiver Verwaltungen weiter zurückgehen wird.

Schönherr punktet mit CEE-Fokus

Im Segment der Kanzleien mit hochklassiger Restrukturierungsberatung hebt sich Schönherr inzwischen klar von ihren direkten Wettbewerbern Freshfields Bruckhaus Deringer und Fellner Wratzfeld & Partner ab. Ein Beispiel, das ihre Ausnahmestellung demonstriert, ist die Agrokor-Restrukturierung. Dieses internationale Großprojekt zeigt deutlich, wie unabhängig die Praxis vom Österreichbezug der Mandate geworden und wie stark die Kanzlei in CEE verankert ist. Gesicht dieser Entwicklung ist neben dem etablierten Schönherr-Partner Dr. Wolfgang Höller die erst Anfang 2017 zur Partnerin ernannte Miriam Simsa. Sie bringt einen CEE-Fokus mit und schlägt zugleich die Brücke von der Bank- und Finanzrechtpraxis zur Restrukturierungspraxis. Aber auch andere österreichische Kanzleien haben bei der Agrokor- Restrukturierung mitgewirkt, so z.B. CMS Reich-Rohrwig Hainz. Marktkennern zufolge werden derartige Mandate in CEE genauso zunehmen wie Bankenrestrukturierungen.

„Gesunde“ Mandate nehmen zu

Fellner Wratzfeld & Partner hat dagegen eine Verlagerung ihres Schwerpunkts von der Restrukturierungsberatung hin zur Corporate/M&A-Beratung vollzogen. Die sich auch daran zeigt, dass die Kanzlei an den ganz großen Insolvenzverfahren und Restrukturierungen des Jahres 2017 wie Air Berlin/Niki, SFL oder Wozabal nicht beteiligt war.

Allerdings ist derzeit insgesamt eine Verschiebung vom Distressed- ins Aktiv-Beratungsgeschäft zu beobachten. Die gute Konjunktur lässt darüber hinaus eine weitere Zunahme „gesunder“ Mandate erwarten. Dies dürfte sich erst drehen, wenn die EZB eine Änderung ihrer Zinspolitik einleitet. Durch die Niedrigzinsen hervorgebrachte so genannte Zombiefirmen könnten dann an ihre Grenzen kommen und pleitegehen, sobald die billigen Refinanzierungsmöglichkeiten eines an sich nicht tragbaren Geschäftsmodells ein Ende gefunden haben, so die Auffassung vieler Krisenberater.

Mit den Investitionen nehmen auch die Insolvenzen wieder zu

Der KSV1870 erwartet zudem, dass die Wirtschaft in absehbarer Zeit aus sich heraus wachsen wird und nicht mehr nur mittelbar durch die Exportmaschine Deutschland. Wenn heimische Unternehmen investieren, werde es zu einem Wachstumsschub kommen, der rasch die Nachfrage heben und damit die Inflation ansteigen lassen würde, so der Verband. Wenn dieses Wachstum eintritt, werden auch die Insolvenzen wieder anziehen.