Insolvenz und Restrukturierung

(Stand: 13.01.2020)

Worum geht’s?

Glossar

  • Attraktive Verfahren bleiben rar
  • Textil- und Autobranche definieren sich neu
  • Berater passen sich dem Markt an

 

2018 bildete für Restrukturierungsberater und Insolvenzverwalter einen erneuten Tiefpunkt: Es gab so wenige Verfahren wie noch nie. Auch 2019 war kein Land in Sicht: Die Zahl der Firmeninsolvenzen stagnierte und die Passiva gingen sogar deutlich zurück. Doch viele Praxen haben längst reagiert und tummeln sich bei lukrativer vorinsolvenzrechtlicher Beratung.

Weiterhin wenig Insolvenzen und sinkende Passiva

Ist das nun die Talsohle? Das fragten sich angesichts eines Rückgangs an Insolvenzverfahren im Jahr 2018 um weitere zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr viele Insolvenzrechtler. Doch die Antwort ist ungewiss. Viele Kanzleien verweisen als mögliche Ursache für die anhaltende Flaute bei den Insolvenzanmeldungen auf die Niedrigzinsphase: Sollten die Zinsen anziehen, würde auch die Zahl der Insolvenzen zunehmen. Denn es gibt viele, seit Jahren überlebende Zombiefirmen, die bei steigendem Schuldendienst schnell nicht mehr in der Lage sind, pünktlich ihre Verbindlichkeiten zu bedienen.

Im Jahr 2019 zumindest stabilisierte sich die Zahl der insolventen Unternehmen in Österreich dem Gläubigerverband KSV 1870 zufolge erst einmal mit insgesamt 5.018 praktisch auf dem Vorjahresniveau. Im Langfristvergleich sind das in Österreich wenig Unternehmensinsolvenzen bezogen auf die Anzahl der Betriebe. Dieser Stillstand erstreckt sich – zur Beunruhigung der auf Mischkalkulationen angewiesenen Verwalter – nicht auf die betroffenen Verbindlichkeiten. Vielmehr sanken die Passiva um 18 Prozent auf rund 1,7 Milliarden Euro. Große Insolvenzen gab es 2019 dennoch einige (Großinsolvenzen), auch wenn keine an die größten drei des Vorjahres mit Waagner-Biro und Niki Luftfahrt an der Spitze heranreicht: Die Liste der Pleiten mit Passiva über 10 Millionen Euro umfasst für 2019 laut KSV 1870 immerhin 27 Fälle. Im gesamten Jahr 2018 gab es überhaupt nur 17 Fälle über diesem Schwellenwert.

Branchen im Umbruch

Einige der großen Fälle betreffen die auch in den Nachbarstaaten Deutschland und Tschechien typischen Problembranchen: Zu nennen ist beispielsweise der unter anderem unter der Onlinekonkurrenz leidende Textileinzelhandel. So beschäftigte etwa schon 2018 Charles Vögele (Austria) die Grazer Kanzleien Scherbaum Seebacher und Graf & Pitkowitz. Erst recht die spätestens durch den deutschen Dieselskandal im Strukturwandel befindliche Autobranche hinterließ ihre Spuren: Die Firmengruppe HTI etwa scheiterte mit ihrer Leichtmetallgießerei Gruber & Kaja High Tech Metals (Masseverwalter: Wildmoser Koch) und der HTI High Tech Industries (Masseverwalter: Haslinger Nagele; Schuldnervertreterin Stapf Neuhauser).

Gerade die Verwalter stehen durch die im Juli 2019 in Kraft getretene Restrukturierungsrichtlinie vor größeren Änderungen, zwei Jahre Zeit hat die Republik Österreich nun für die Umsetzung ins nationale Recht. Derzeit befasst sich damit das Parlament. Kern des zu etablierenden Verfahrens ist der Restrukturierungsplan, der auf die Vermeidung einer Insolvenz zielt. Er soll eine leichtere finanzwirtschaftliche Restrukturierung auf der Grundlage von Mehrheiten ermöglichen. Zur Vorbereitung eines solchen Restrukturierungsplans dürfte ein Verfahren mit Moratorium nötig sein.

Vorinsolvenzliche Beratung bereits stark verbreitet

Österreichischen Insolvenzrechtlern kommt das nicht ganz so neu vor: Das Unternehmensreorganisationsgesetz (URG) von 1997 sieht im Grunde eine ähnliche Möglichkeit vor, sollen sich doch auf dieser Grundlage Unternehmen bereits vor Eintritt der materiellen Insolvenz reorganisieren können. Doch das ist nach Aussage von Experten in den Kanzleien im Ergebnis totes Recht geblieben: Das Verfahren konnte sich wegen struktureller Mängel in der Praxis nicht durchsetzen. Aber manche Anwälte sehen nun die Möglichkeit, dass das URG reanimiert wird.

Ohnehin erobern viele ursprünglich auf die Verwaltung konzentrierte Kanzleien vor dem Hintergrund niedriger Verfahrenszahlen in den letzten Jahren bereits den Markt der vorinsolvenzlichen Beratungen. Dazu zählt beispielsweise Dr. Engelhart & Partner, die dies gleich mit dem Generationswechsel verbunden hat. Die Verwalter sind daher skeptisch, dass der neue Rahmen substanziell nun noch viel ändern wird. Denn ein großer Teil der Restrukturierungen wird ohnehin bereits außergerichtlich geregelt. Das führt zu einer stärkeren Präsenz von den vielfach in Großkanzleien ansässigen Sanierungsberatern gegenüber den "reinen" Verwaltereinheiten. Kanzleien wie CMS Reich-Rohrwig Hainz oder DLA Piper können in einem aktuell schwachen Markt ihre Restrukturierungskompetenz und -kapazität praxisübergreifend auch für (noch) gesunde Finanzierungen oder M&A nutzen. Innerhalb der großen M&A-Einheiten wie Freshfields Bruckhaus Deringer verschiebt sich der Anteil der Distressed-Beratungen hauptsächlich konjunkturbedingt.

Kein Anstieg der Verfahren in Sicht

Von einer einheitlichen Konjunktur ist regional betrachtet allerdings nicht auszugehen. Der KSV 1870 berichtet aus manchen Bundesländern wie Niederösterreich Insolvenzrückgänge sowohl hinsichtlich Anzahl als auch Passiva. Vor allem die stark exportorientierten Bundesländer mit einem Schwerpunkt in der Industrie und dem Maschinenbau verzeichnen dagegen steigende Zahlen. Ob dies Druck von den Verwalterkanzleien nehmen wird, ist vor dem Hintergrund der vorgerichtlichen Restrukturierungen fraglich. Mit einem drastischen Anstieg der Verfahren rechnet die Branche für 2020 jedenfalls nicht. Diese Einschätzung stützen Experten wie die Ratingagentur Moody’s, die die Zahl der Unternehmen beobachtet, die in Europa vom Investmentgrade in den Ramschbereich rutschen. Sie prognostiziert, dass es im ersten Halbjahr 2020 mehr Unternehmen auf Ramschniveau geben wird – die Zahl allerdings immer noch nicht wieder über das niedrige Niveau seit 2016 steigen wird.

Anmerkung der Redaktion

Die Entwicklungen seit Anfang 2020 finden sich aufgrund der Aktualität der Ereignisse nur bedingt im folgenden Ranking. Eine qualifizierte Neubewertung der veränderten Praxisgruppen bei Scherbaum Seebacher oder neu entstandener Kanzleien wie Jaufer hat die JUVE-Redaktion nicht vorgenommen. Die Anfang 2020 entstandenen Rankings sind daher nur unwesentlich verändert.

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