JUVE Kanzlei des Jahres

Bank- und Finanzrecht

Zwischen Altlasten und neuen Geschäftsideen

In den Sommermonaten 2017 wurde deutlich, dass die Aufräumarbeiten in Europa nach der Bankenkrise keineswegs abgeschlossen sind. Anfang Juni kam es zur Abwicklung der spanischen Banco Popular über den Single Resolution Board, den Abwicklungsmechanismus für Banken mit Sitz in Brüssel. Nur wenige Wochen später beschloss die italienische Regierung die umstrittene Rettung von zwei Regionalbanken mittels Staatshilfe.

Schließlich billigte die EU-Kommission Anfang Juli den staatlichen Rettungsplan für das größte Sorgenkind im italienischen Bankensektor, die Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena. Und auch in Deutschland ist noch kein Ende der Betriebsamkeit in Sicht: Während Commerzbank und Deutsche Bank weiter an ihren Umbauplänen feilen, suchen Hamburg und Schleswig-Holstein nach einem Käufer für die angeschlagene HSH Nordbank. Finden sie ihn nicht bis Februar 2018, droht die Zerschlagung.

Während die Fed in den USA die Zinswende eingeleitet hat, lässt die EZB mit einer geldpolitischen Entscheidung weiter auf sich warten. Ihre anhaltende Niedrigzinspolitik sorgt dafür, dass der Anlagedruck hoch bleibt und selbst schwer verkäufliche Wertpapiere ihre Abnehmer finden.

Anleihen weiter gut im Rennen

Während der IPO-Markt nach einem äußerst trägen Beginn etwa ab Mitte 2017 allmählich Fahrt aufnahm, zeigte sich der Anleihenmarkt durchgängig dynamisch. Unternehmen wie VW, Siemens und Deutsche Telekom besorgten sich frisches Kapital in Milliardenhöhe. Die Refinanzierungskosten blieben günstig. Dazu kamen die monatlichen Anleihenkäufe der EZB, die dem Markt zusätzliche Nachfrage bescherten. Laut KfW-Kreditmarktausblick wirkten sich die anhaltend gute Konjunktur und die zunehmende Wahrscheinlichkeit künftig höherer Kreditkosten positiv auf die Nachfrage am Kreditmarkt aus. Dabei standen die klassischen Banken als Kreditgeber jedoch weiter unter Druck, da der Marktanteil alternativer Kreditgeber zunahm. Die Geldhäuser reagierten darauf mit flexibleren Bedingungen. Die Kreditnehmer nutzten diese Gelegenheit, um ihre Zins- und Rahmenbedingungen zu verbessern.

Brexit entfaltet Fliehkräfte

Das derzeit schwierigste Thema für Finanzinstitute ist allerdings der Brexit. Der Ausgang der Parlamentswahlen in Großbritannien im Juni erhöhte die Unsicherheit noch einmal, die Flucht setzt ein. Anfang Juli verkündete Japans drittgrößte Bank Sumitomo Mitsui, ihren EU-Sitz von London nach Frankfurt zu verlegen. Binnen weniger Tage hatte sich damit die dritte japanische Bank für die Mainmetropole als Ausweichstandort entschieden. Zudem sondierten in den vergangenen Wochen und Monaten weitere internationale Banken und Finanzinstitute den Frankfurter Markt als zukünftige Alternative, darunter Goldman Sachs, Morgan Stanley, Standard Chartered und Citygroup.

Allerdings ist noch keineswegs klar, wie genau die Veränderungen in den einzelnen Instituten aussehen, wann die möglichen Verlagerungen stattfinden und welche Städte in welchem Ausmaß vom Brexit profitieren. Frankfurt ist für viele Banken und Finanzdienstleister nur eine von mehreren Optionen. Dennoch dürfte klar sein: Trotz des Vetos der EU-Kommission bei der Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange hat die Mainmetropole im Wettbewerb mit Paris, Amsterdam und Dublin weiterhin gute Karten, neue Finanzhauptstadt der EU zu werden.

Banken kooperieren mit Fintechs

Auch andere Faktoren beeinflussen das Geschäft der Branche derzeit deutlich: Eine Vielzahl von Fintech-Start-ups versucht, Finanzdienstleistungen auf technischer Basis zu revolutionieren und wildert damit auf dem angestammten Terrain der etablierten Marktteilnehmer. Da immer mehr Banken erkennen, dass sie Gefahr laufen, Geschäft an die dynamischen Unternehmen zu verlieren, verbünden sie sich mit den neuen Anbietern. So arbeiten in Deutschland einer PwC-Studie zufolge bereits sieben von zehn Finanzdienstleistern mit Fintechs zusammen. Damit zeigt sich der Trend in Deutschland vergleichsweise stark, denn global gesehen liegt dieser Anteil bei gerade einmal 45 Prozent.

In den vergangenen vier Jahren sind laut PwC weltweit mehr als 40 Milliarden US-Dollar in Finanz-Start-ups geflossen. In den letzten beiden Jahren wurde jeweils rund eine Milliarde US-Dollar in FinTechs investiert, die sich auf künstliche Intelligenz spezialisiert haben. Dabei zählten neben Venture-Capital-Fonds auch viele große Finanzkonzerne zu den Geldgebern.

Finanzindustrie prüft den Einsatz von Blockchains

Sehr intensiv wird die neuartige Blockchain-Technologie diskutiert, die in nicht allzu ferner Zukunft eine komplett neue technische Basis für den Finanzsektor bieten könnte. Ende Juni sorgte Daimler für Aufmerksamkeit, als der Autobauer mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) parallel zum regulatorisch erforderlichen Prozess einen Schuldschein im Volumen von 100 Millionen Euro mithilfe der Technologie platzierte. Mehrere Finanzmarktteilnehmer prüfen derzeit, wie sie die Blockchain-Technologie künftig nutzen können.

Internationale Handelsgeschäfte und die damit verbundenen Waren- und Finanzströme stehen dabei im Fokus vieler Digitalisierungsansätze von Banken, Unternehmen und wissenschaftlichen Institutionen. Die Commerzbank und das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik etwa wollen gemeinsam untersuchen, wie die Technologie bei der Handelsfinanzierung und im Supply-Chain-Management zum Einsatz kommen könnte. Allerdings ist noch nicht geklärt, wie in der Regulierung mit der Blockchain umgegangen werden soll.


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