JUVE Kanzlei des Jahres

Steuerrecht

Starkes M&A-Geschäft und strengere Finanzverwaltung

Internationale Aspekte bestimmen zusehends die Beratungsaktivitäten der Steuerpraxen, vor allem der boomende M&A-Markt mit Fokus auf grenzüberschreitende Transaktionen belebt das Geschäft. Zudem nimmt die Bekämpfung des internationalen Steuermissbrauchs (Base Erosion and Profit Shifting, BEPS) allmählich konkrete Züge an: Im Sommer unterzeichnete Deutschland zusammen mit über 60 Staaten das multilaterale Instrument gegen schädliche Steuergestaltung.

Unklarheiten um Steuersparmodelle

Im Zuge der BEPS-Initiative sorgte auch die Europäische Kommission zuletzt wieder für Aufsehen. Denn sie will mit einem Richtlinienvorstoß sicherstellen, dass Anwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer künftig „aggressive“ Steuersparmodelle, zu denen sie ihre Mandanten beraten, an die Finanzbehörden weiterreichen. Dabei betrifft der Entwurf vor allem grenzüberschreitende Modelle. Mit der Meldepflicht will die EU-Kommission wiederum den Informationsaustausch zwischen den Mitgliedsstaaten verbessern.Berater verunsichert der Vorstoß, denn die Kommission lässt weitgehend offen, ab wann sie eine Steuergestaltung als Modell einstuft. Völlig ungeklärt ist zudem bislang die Frage, was genau ein „aggressives“ Steuersparmodell ist.

Doch nicht nur die EU-Kommission sorgt diesbezüglich für Irritationen. Bereits im Vorjahr kam ein vom Bundesfinanzminister in Auftrag gegebenes Gutachten zu dem Schluss, Berater müssten „aggressive“ Steuersparmodelle dem Finanzamt melden. Setzt sich Wolfgang Schäuble mit der Forderung durch, wären eben nicht nur die grenzüberschreitenden Gestaltungen betroffen.

Ohnehin herrscht in Deutschland eine zunehmend härtere Gangart der Behörden, die Prüfungen werden intensiver. Für die Kanzleien bringt das Vorgehen Geschäft mit sich: Die Zahl der Prüfungen erhöhte sich zuletzt deutlich, vor allem die Umsatzsteuer geriet in den Fokus der Finanzverwaltungen. Die Tendenz zu einer strengeren Rechtsprechung führt vermehrt dazu, dass Ermittlungsverfahren in die Hauptverhandlung führen, berichten die Kanzleien, was wiederum zu mehr Beratungsbedarf führt.

Cum-Ex und Cum-Cum sorgen für Dauerbeschäftigung

Ein wichtiger Impulsgeber für das Anwaltsgeschäft bleibt die Arbeit bei der Aufarbeitung von Cum-Ex-Fällen. Die Themenpalette ist dabei denkbar vielfältig: von der Überprüfung der Tax-Compliance-Strukturen über streitige Auseinandersetzungen mit dem Fiskus um Rückerstattungen – wie sie etwa die Commerzbank erfolglos führte – bis hin zu der Verfolgung möglicher Ansprüche gegen Ex-Entscheidungsträger wie bei der HypoVereinsbank.

Eng eingebunden in diese Fälle sind oftmals auch die Steuerstrafrechtler ( ?Wirtschafts- u. Steuerstrafrecht), denn auch wenn teils grundsätzliche Fragen zu Cum-Ex noch nicht von höchster finanzrichterlicher Stelle geklärt sind, laufen zahlreiche strafrechtliche Ermittlungsverfahren auf Anklagen hinaus – und die nächste Beratungswelle um Steuergeschäfte mit Aktiendividenden läuft schon auf. Denn auch bei Cum-Cum-Geschäften geht der Finanzminister nun konsequenter vor, um sich milliardenschwere Steuereinnahmen nachträglich von den Banken zurückzuholen. Im Finanzsektor erhöht zudem die ab 2018 geltende Reform der Investmentbesteuerung den Beratungsbedarf.

Für mehr Nachfrage bei den Kanzleien sorgt auch der Anwendungserlass zu §153 der Abgabenordnung. Er führt zu Verunsicherung rund um die Berichtigung von Erklärungen, vor allem in Unternehmen, die noch kein Tax-Compliance-System eingerichtet haben. Derweil hält die Diskussion um einen anderen Erlass weiter an: Im Februar verwarf der BFH mit dem Sanierungserlass ein wichtiges Werkzeug zur Rettung pleitebedrohter Unternehmen und forderte den Gesetzgeber auf, ein Gesetz zur Befreiung von Sanierungsgewinnen von der Ertragsteuer zu verabschieden. Die EU-Kommission könnte dieses Gesetz als EU-widrige Beihilfe einstufen.

Nicht nur aus diesem Grund ist bei den Kanzleien eine stärkere Positionierung bei europarechtlichen Themen, vor allem an der Schnittstelle zum Beihilferecht, zu beobachten. Auch das Thema Tax Rulings, bei dem die EU-Kommission mit einigen Entscheidungen zum Verstoß gegen das Beihilferecht wie etwa im Fall Apple für Aufsehen sorgte, spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Hier sind die Kanzleien, die über ein Büro in Brüssel verfügen, klar im Vorteil.

Einfluss der Digitalisierung nimmt weiter zu

Die wachsende Digitalisierung des Finanz- und Steuerwesens hat großen Einfluss auf die Arbeit der Steuerexperten: Immer öfter arbeiten sie eng mit IT-Experten zusammen. Dabei geht es um weit mehr als Expertenprogramme oder künstliche Intelligenz.

Das Steuerrecht greift, etwa über Verrechnungspreise, immer tiefer in die Wertschöpfungsketten der Unternehmen ein. Allein aus Tax-Compliance-Gründen brauchen Unternehmen wie Berater immer mehr Schnittstellen zwischen der Unternehmens-IT, den elektronischen Systemen der Berater und der Finanzverwaltung. Für viele Kanzleien ist das neben der Frage der Personalentwicklung das drängendste Zukunftsthema. So entwickeln größere Einheiten wie Rödl & Partner in enger Anbindung an Standard-IT-Tools eigene komplexe Systeme und Abläufe, aber auch kleinere Einheiten wie Peters Schönberger & Partner haben hier bemerkenswerte Kompetenz aufgebaut. Die Antwort auf die Frage, ob technische Lösungen die wachsende Komplexität des Steuerrechts entschärfen, oder aber vielleicht sogar verschärfen, fällt derzeit noch schwer.

Klare Dominanz

Wechsel aufgrund von Generationsübergang und Spezialisierung

Um die stark gefragten Felder der steuerlichen Beratung besser zu besetzen und den Generationswechsel in den Praxen zu gewährleisten, gab es innerhalb der Steuerteams erneut Bewegung: So gelang Baker Tilly Rechtsanwälte mit dem Gewinn eines Umsatzsteuerexperten von KPMG sowie dem Ex-Steuerchef der Deutschen Bank wichtige Verstärkungen. Bei Clifford Chance übernahm ein junges Trio das Ruder des Steuerteams, während bei Dentons ein jüngerer Partner aus Frankfurt zum nationalen und europäischen Co-Leiter der Steuerpraxis aufstieg.

Dentons ist auch ein Beispiel dafür, dass viele bisher kleinere Praxen weiter ausbauen, um ihr Beratungsportfolio international abzurunden. Dieser Trend trägt nun auch bei der lange sehr auf Deutschland fokussierten Top-Steuerkanzlei Flick Gocke Schaumburg Früchte: Die 2016 eingegangene Verbindung mit der internationalen Taxand-Allianz führte zu einem spürbaren Anstieg von In- und Outboundarbeit. Ihren Status als Nummer eins in der Kanzleiwelt festigt die Bonner Sozietät damit weiter. Betrachtet man indes den gesamten Steuerberatungsmarkt hierzulande, relativiert sich dies. Zwar ist Flick Gocke Schaumburg auch hier eine bedeutende Größe, im Vergleich zur Marktdurchdringung der Big Four wird indes schnell klar, warum diese als Big Four gelten (siehe Tabelle „Klare Dominanz“).

Eine noch ausführlichere, in Spezialdisziplinen abgebildete Analyse des Steuerberatungsmarkts, die das Geschäft aller bedeutenden Kanzleien, Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften umfassend beleuchtet, finden Sie deshalb ab März 2018 im JUVE Handbuch Steuern.


Steuerl. Beratung erfolgt meist an der Schnittstelle zu anderen Fachgebieten. Zu spezieller Expertise siehe daher auch ?Bank- u. Finanzrecht, ?Gesellschaftsrecht, ?M&A, ?Nachfolge/Vermögen/Stiftungen, ?Private Equity, ?Immobilienrecht. Kanzleien mit Schwerpunkt im Steuerstrafrecht werden im Kapitel ?Wirtschafts- und Steuerstrafrecht gelistet. Eine Übersicht zu Kanzleien, die mit fachübergreifenden Teams bei aktuellen Untersuchungen/internen Ermittlungen beraten und Unternehmen beim strukturellen Aufbau von Compliance begleiten, findet sich unter ?Compliance-Untersuchungen.


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