ALLEN & OVERY

Nationaler Überblick Top 50★★★★☆

Bewertung: Wenige Kanzleien im oberen Segment des Marktes sind in den vergangenen Jahren durch so viele Turbulenzen gegangen. Dass A&O nun neben starken wirtschaftlichen Kennzahlen, auch konkrete Fortschritte in einer Reihe von Praxisgruppen vorlegte, spricht jedoch dafür, dass sie sich nicht nachhaltig hat erschüttern lassen. Die personellen Umwälzungen waren allerdings gewaltig. Nachdem schon eine Reihe von Personalwechseln das Jahr getrübt hatten, folgte im Herbst 2017 die größte Überraschung: der ehemalige Managing-Partner u. Architekt der deutschen Wachstumsoffensive, Dr. Neil Weiand, wechselte zur britischen Wettbewerberin Linklaters. Fachlich stand der Bank- u. Finanzrechtler insbesondere für die Beratung hochkarätiger Kreditnehmer u. für die enge Vernetzung mit dieser Zielmandantschaft. Allerdings war es nie gelungen, letzteres für einen Brückenschlag zur Corporate-Praxis u. damit für einen besseren Zugang auch der Gesellschaftsrechtler bei deutschen Top-Konzernen zu nutzen.
Die verbleibenden Partner der Finanzierungspraxis stehen nun mehr denn je vor der Herausforderung, ihre Schlagkraft glaubhaft zu machen. Die Aushängeschilder der Praxis waren zuletzt meist eher dienstältere Partner, aus deren Schatten die nachrückende Generation noch nicht vollständig heraustreten konnte. Das M&A-Team macht vor, wie das gelingen kann. Dort setzt sich eine neue Generation von Anwälten immer besser durch. Ein 2017 ernannter Düsseldorfer Partner mit engen Beziehungen zur Golfregion teilte er mit einem erfahrenen Partner die Federführung beim Kautschukdeal zwischen Saudi Aramco u. Lanxess.
Ein Highlight aus dem Private-Equity-Bereich war die Beratung des Investors Cerberus beim Kauf der HSH Nordbank. Allerdings lag die Federführung auch hier bei einem M&A-Partner, der das Mandat gemeinsam mit der starken Finanzierungspraxis steuerte. Denn nach dem Wechsel eines anerkannten jüngeren Partners Ende 2016 zu Milbank stand die Private-Equity-Praxis vor einem personellen Wiederaufbau. Diesen ging A&O zuletzt konsequent an und gewann kurz nacheinander zunächst einen akquisestarken DLA-Partner mit erheblicher Erfahrung bei Mid-Cap-Transaktionen u. dann in Hamburg den anerkannten Freshfields-Partner Dr. Nils Koffka. Mit ihm kamen bekannte Finanzinvestoren wie BC Partners u. Apollo. Sein Zugang ist insbes. ein Signal, dass A&O weiterhin attraktiv für prominente Quereinsteiger aus führenden Kanzleien ist. Denn auch im Aktien- und Konzernrecht ist durch das Ausscheiden eines langjährigen Partners eine Lücke entstanden.
Im Bankaufsichtsrecht machte A&O trotz Abgängen wichtige Fortschritte. So setzte der Zugang von Bankaufsichtsrechtler Dr. Alexander Behrens, der im Vorjahr von Mayer Brown gekommen war, ein Ausrufezeichen im Markt. Insbesondere beim aktuell zentralen Thema Brexit hat die Praxis einen deutlichen Schwerpunkt gesetzt. Sollte die von vielen erwartete Verschiebung des Bankensektors von London nach Frankfurt tatsächlich eintreten, dürfte A&O eine sehr gute Ausgangsposition unter den Frankfurter Bankberatern haben.
Auch abseits dieser Kernbereiche hat die Kanzlei Fortschritte gemacht. So ging die lange Suche nach Verstärkung für die strategisch wichtige Patentpraxis zu Ende. Dr. Jan Ebersohl, ein hoch angesehener junger Partner von Quinn Emanuel, dockte in München an. Er verkörpert durch seine Erfahrung im Mobilfunkbereich u. engen Beziehungen zu US-Technologiekonzernen eine essenzielle Verbreiterung der Praxis jenseits des Pharmaschwerpunkts. Auch im Chemiesektor gewann das Team im Schulterschluss mit der starken brit. Praxis einen wichtigen deutschen Mandanten hinzu.
Ein weiterer Bereich, der sich von der dominierenden Finanz- u. Corporate-Praxis gelöst hat, ist das Kartellrecht. Die Praxis verbuchte bemerkenswerte Erfolge in den Kartellamtsverfahren Edelstahl u. Pharmagroßhandel. Der Aufbau und das interne Standing des dt. Teams wurde unterstrichen durch die Benennung von Jürgen Schindler zu einem der ww. Praxisgruppenleiter (neben Anwälten aus New York u. London). Dies stellt einen weiteren wichtigen Baustein dar, um die dt. Praxis als zentralen Bestandteil in der globalen Aufstellung zu verankern.
Siehe auch: Düsseldorf; Frankfurt; Hamburg; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 202
Internat. Einbindung: Integrierte Kanzlei, breit aufgestellt in West- u. Osteuropa sowie in Nahost, Nordafrika, USA, Asien u. der Pazifikregion. Ebenfalls Büros in Südafrika u. Südkorea. Zudem assoziierte Büros mit Ginting & Reksodiputro (Indonesien), Radu Tărăcilă Pădurari Retevoescu SCA (Rumänien) u. Gedik & Eraksoy (Türkei). Kooperation mit Khoshaim & Associates (Saudi-Arabien).
Entwicklung: Die Kanzlei könnte mehr denn je eine Phase der personellen Ruhe u. Stabilität brauchen, auch um die Integration ins ww. Netzwerk voranzutreiben. Noch immer ist der Stellenwert deutscher Mandanten für das A&O-Netzwerk im Vergleich zu Wettbewerbern wie Freshfields oder Clifford geringer. Das Ausscheiden des Aktienrechtlers Dr. Hans-Christoph Ihrig im Vorjahr, der historisch starke Beziehungen zu verschiedenen hochkarätigen Rechtsabteilungen u. Aufsichtsräten unterhält, vergrößerte die Herausforderung für die eher auf Transaktionen ausgerichtete Corporate-Praxis. Zwar hat A&O mit den Düsseldorfer Partnern Dr. Hans Diekmann u. Dr. Christian Eichner starke Partner in ihren Reihen, aber die kritische Masse institutioneller Beziehungen zu deutschen Konzernen, die einen signifikanten Beitrag zum ww. Netzwerk erlauben könnten, kann die Kanzlei (noch) nicht vorweisen.
Dass sich die deutschen Büros dennoch im Aufwind befinden, hat u.a. damit zu tun, dass sich das Führungsduo aus Thomas Ubber u. Dr. Astrid Krüger bewusst ist, wie wichtig eine klare Kommunikation u. die Einbindung der Partnerschaft in Veränderungsprozesse sind. Zudem sind Leuchtturmmandate wie die der M&A-Praxis, bspw. für Allianz beim Kauf der Liverpool Victoria Friendly Society u. für Société Générale beim Kauf der EMC-Sparte der Commerzbank, wertvolle Signale, um eine positive Grundstimmung innerhalb der Kanzlei zu fördern. Nichtsdestotrotz wird eine zentrale Aufgabe des Managements bleiben, für Stabilität zu sorgen u. mehr Mühe auf die Integration von Seiteneinsteigern zu verwenden: ein Steuerrechtler verließ die Kanzlei nach relativ kurzer Zeit. Gerade die kleineren Standorte in Hamburg, Düsseldorf u. München stehen derzeit stärker als Frankfurt dank ihrer Stabilität für ein langsames, aber nachhaltiges Wachstum.
Dass A&O trotz alledem auch neue Möglichkeiten auslotet, spricht für die Weitsicht des Managements: Nachdem die Kanzlei bei Legal-Tech-Themen bereits zu den aktivsten Playern im Markt gehört, erwägt sie nun – ähnlich wie Freshfields u. CMS Hasche Sigle – die Einrichtung eines Service-Hubs für Legal-Tech-getriebene juristische Dienstleistungen. Der entsprechende Standort in Belfast hat bereits erheblichen Mehrwert für M&A u. Litigation geschaffen, u. ein deutsches Pendant könnte das europäische Angebot nicht nur komplettieren, sondern hierzulande auch der Compliance-Praxis helfen, sich über Untersuchungen im Bankensektor hinauszuentwickeln.
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