HENGELER MUELLER

Nationaler Überblick Top 50★★★★★

Bewertung: Vor 10 Jahren galt die Kanzlei als Corporate- u. Finanzrechtspowerhaus mit Support-Bereichen. Im Vorjahr wurde allerdings sichtbar, dass HM auf großer inhaltlicher Bandbreite erfolgreich sein u. marktführende Anwälte auch in regulierungsbezogenen Bereichen oder dem Kartellrecht hervorbringen kann.
Dennoch dominierende auch zuletzt die Corporate-Praxis, die zu gleichen Teilen von deutschen Großkonzernen u. Private-Equity-Häusern angefordertwurde. Das führte zu einem starken Trackrecord. So lief etwa kaum eine wichtige Veränderung in der deutschen Energiewirtschaft ohne HM ab, wobei die Rollen, die die Kanzlei spielte, kräftig variierten: als Beraterin des finnischen Angreifers bei Fortum/Uniper, an der Seite des Dax-Konzerns Linde bei dessen gepl. Fusion mit Praxair sowie über die Best-Friend-Beziehung in GB für das Tata-Steel-Joint-Venture mit Thyssenkrupp. Insbes. die Fortum- u. Linde-Mandate zeigen, dass HM bei der Internationalisierung des Corporate-Markts mit ihren engsten Wettbewerbern Schritt halten kann.
Doch die Zeit, als die anderen HM-Fachbereiche der Corporate-Praxis zuarbeiteten, ist vorbei. So wuchs das Kartellrechtsteam über sich hinaus: Bei der umfangreichen Koordinierung der MAN-Schadensersatzklagen war ein europaweiter Radius gefragt, für den sich eigentlich internat. Kanzleien prädestiniert sehen. An der Seite von Bosch u. Porsche spielte zudem die Litigation-Praxis eine prominente Rolle bei der Aufarbeitung des Abgasskandals. Und im Bank- u. Finanzrecht ist HM weit über die deutschen Grenzen hinaus erfolgreich. So spielte die Kanzlei die Hauptrolle beim Bawag-IPO, dem bislang größten Börsengang an der Wiener Börse. Das Londoner Büro liefert vorbildliche Arbeit als Begleiterin großer Transaktionen, die oft mindestens zum Teil im Immobiliensektor spielen u. wenig bis nichts mit Deutschland zu tun haben.
An anderen Stellen entwickelte sich die Praxis weniger strategisch, etwa in der Compliance-Beratung: Zwar holte HM in diesem Jahr einen versierten Strafrechtler in ihre Reihen, doch tut sich die Kanzlei bislang schwerer, die nötige interdisziplinäre Zusammenarbeit zu mobilisieren, u. es offenbaren sich zudem intern widersprechende Einstellungen zur Internationalisierung u. den damit verbundenen Chancen. Im Bereich Compliance liegt die Kanzlei tatsächlich hinter ihren Wettbewerbern, mit Ausnahme des – zugegebenermaßen großen – Bosch-Mandats. Dass HM dafür keine internat. Präsenz bieten konnte, war ein echter Nachteil, u. die Verantwortung für die internat. Koordinierung ging an Cleary Gottlieb.
Die Bereiche, in denen HM im Hintertreffen ist, zeigen die Nachteile der dezentralen Führungsstrukturen, die den jeweiligen Partnern die Entwicklung der einzelnen Praxisbereiche überlassen. Umso bemerkenswerter ist der grundlegende Kulturwandel, den die Kanzlei derzeit durchläuft u. der den breiten Konsens der Partnerschaft über notwendige Umstellungen demonstriert. Die entscheidende Voraussetzung hat die Kanzlei schon mit einer Änderung des Partnerschaftsvertrags vor ein paar Jahren geschaffen: Es gibt wirtschaftliche Anreize für Partner, die Kanzlei vor Erreichen der endgültigen Altersgrenze zu verlassen. Selbst wenn dies dazu geführt hat, dass auch erfolgreiche Partner wie Dr. Karsten Schmidt-Hern u. Dr. Wolfgang Meyer-Sparenberg nur knapp nach ihrem 50. Geburtstag ausscheiden, liegt der entscheidende Fortschritt doch darin, dass nun die Möglichkeit besteht, ältere Partner auszusieben, wenn sie im Lockstep weit oben stehen, ohne die dafür erforderlichen Umsätze zu generieren. Erstmals geht HM damit die Unterschiede in der Leistungsstärke u. -bereitschaft ihrer Partner an. Eines der Motive ist es, für jüngere Partner attraktiv zu bleiben. Dieser Prozess war bereits in Gang, konnte aber nicht verhindern, dass ein angesehener junger Partner im Sommer 2017 zu Milbank wechselte – der zweite Abgang in Richtung einer US-Kanzlei in München in den letzten 2 Jahren. Zugleich allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass sich HM selbst aktiver um Quereinsteiger bemüht als in der Vergangenheit – gerade wenn es darum geht, unterbesetzte Praxen in Schwung zu bringen. Der Zugang von 2 Counseln im Strafrecht u. Steuerrecht zeigte dies deutlich.
JUVE Kanzlei des Jahres in: Kartellrecht.
Siehe auch: Berlin; Düsseldorf; Frankfurt; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 290
Internat. Einbindung: Unabhängige dt. Kanzlei, Best-Friend-Beziehungen zu Slaughter and May in GB, einer Reihe von Kanzleien in den USA, Bredin Prat (Frankreich), Uria Menéndez (Spanien), Bonelli Erede Pappalardo (Italien), De Brauw (Niederlande).
Entwicklung: Die nächsten Jahre stehen bei HM im Zeichen des Generationswechsels. Für Transaktionen stehen an allen Standorten starke Jungpartner bereit, u. auch in anderen Bereichen, die für die Kanzlei wichtiger werden, etwa Regulierung u. Öffentliches Recht in Berlin oder Prozessführung in Frankfurt, drohen keine Nachwuchssorgen.
Noch allerdings dominiert bei HM eine ganz bestimmte Generation. Mitte der 1990er Jahre stieg eine Gruppe bemerkenswerter Persönlichkeiten in die Partnerschaft auf, die nun um die 55 Jahre alt ist u. weiterhin massiv zum Geschäft der Kanzlei beiträgt. Die Frage ist nun, inwieweit diese Partner, die die Kanzlei 2 Jahrzehnte lang geprägt haben, mehr tun könnten, um ihre Mandantenbeziehungen weiterzugeben u. jüngere Partner aus ihrem großen Schatten heraustreten zu lassen. Denn es fällt auf, dass die Partner u. Associates, die heute für US-Kanzleien tätig sind, sich dort ganz anders entfalten konnten als bei HM. Der Ausstieg Oppenländers war in dieser Hinsicht eine Warnung. HM hält sich zugute, ein Umfeld zu bieten, in dem starke Anwälte prosperieren können. Doch wird das Thema der Weitergabe von Kontakten u. Verantwortung ein entscheidender Test in den nächsten 5 Jahren sein. Wenn HM nicht mehr nur eine Plattform ist, auf der sich starke Beraterpersönlichkeiten entwickeln können, sondern ein Umfeld, in dem sich persönlicher Erfolg auch daran misst, was der Einzelne für die Kanzlei als Ganzes tut, dann wäre das ein starker Ausdruck eines Kulturwandels.
Einige Weichenstellungen rund um die internat. Aufstellung werden warten müssen, bis sich der Nebel rund um den Brexit gelichtet hat. Es mag letztlich gar keinen Anlass geben, von der lieb gewonnenen Unabhängigkeit zu lassen. Doch wenn Praxen wie Immobilien- u. Kartellrecht europaweit arbeiten können, wie sehr sollte das erst für etwa das Patentrecht gelten, in dem deutsche Kanzleien bei der Neuordnung des europäischen Markts in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle spielen werden? Im Patentbereich zeigt HM bislang aber eine eher reaktive Einstellung zu Marktentwicklungen. Die unterschiedliche internat. Aufstellung der Praxisgruppen ist auf jeden Fall ein Thema, das HM wird angehen müssen.
Anwaltsporträts in dieser Kanzleibesprechung:
Dr. Steffen OppenländerMilbank
Zum Porträt
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