LINKLATERS

Nationaler Überblick Top 50★★★★★

Bewertung: Im vergangenen Jahr konnte Linklaters aus dem Vollen schöpfen, besonders in der Transaktionsbegleitung an der Seite deutscher Mandanten. Den Umbau der deutschen Energiekonzerne erlebte die Kanzlei gemeinsam mit E.on, beriet bei der Fusion von Thyssenkrupp mit Tata Steel und dem Verkauf des Amerikageschäfts von Linde. Hinzu kam das große Finale der HSH-Privatisierung, bei der Linklaters für die Länder Schleswig-Holstein u. Hamburg agierte – allesamt Projekte, die das Gesamtgefüge der deutschen Wirtschaft verändern. Ebenso wie die Rolle von Dr. Ralph Wollburg als Stammberater des Volkswagen-Aufsichtsrats u. der Porsche SE u. die Funktion von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wilsing als Berater des Daimler-Aufsichtsrats bei der bevorstehenden Konzernaufspaltung zeigen die großen Transaktionsmandate, wie eng die Beziehungen der Linklaters-Praxis zu den Dax-Konzernen inzwischen sind. Einen noch breiteren Stamm von börsennotierten Großunternehmen berät in Deutschland nur Hengeler Mueller.
Doch wer nur auf die aktuellen Flaggschiffmandate blickt, wird nicht bemerken, dass hinter den Kulissen ein Umbauprozess im Gange ist, der eine ganze Reihe von Praxen betrifft. Unter den Leitthemen Verjüngung u. Vernetzung hat Linklaters schon vor mehreren Jahren begonnen, mit Neupartnern aus den eigenen Reihen oder, wenn nötig, von außen einige Praxen neu auszurichten, die bis dahin ihr Potenzial im Zusammenspiel mit den übrigen Fachbereichen nicht vollständig nutzten. Jüngstes Beispiel war nun das Arbeitsrecht: An die Stelle von Prof. Dr. Georg Annuß trat der junge Quereinsteiger Dr. Timon Grau von Freshfields – ein großer Schritt hin zur Einbindung dieses Bereichs in margenträchtige Transaktionen, Umstrukturierungen oder Compliance-Untersuchungen u. eine klare Absage an Solitärteams innerhalb der Kanzlei. Ähnlich verlief bisher der Umbau der bank- u. kapitalmarktrechtlichen Fachbereiche, in denen inzwischen junge Partner das Ruder übernommen haben. Einzige Ausnahme: Für ihr Kreditfinanzierungsteam holte die Kanzlei mit Dr. Neil Weiand, dem ehem. Leiter der deutschen Praxis von Allen & Overy, einen sehr bekannten Senior-Partner in Deutschland dazu. Doch auch diese Personalie steht im Zeichen der Vernetzung, denn Weiand verbreitert die Praxis nicht nur inhaltlich, sondern bringt zudem gute Kontakte zu deutschen Konzernen mit, die sich v.a. für die Corporate-Praxis fruchtbar machen lassen sollten. Während sich verschiedene Praxen deutlich weiterentwickelt haben, fällt allerdings ein Verlust besonders ins Gewicht: Dr. Wolfgang Deselaers‘ Wechsel zu Cleary Gottlieb ist nicht nur der dritte Abgang eines renommierten Linklaters-Partners zu einer US-Kanzlei in ebenso vielen Jahren, sondern reißt außerdem eine Lücke bei Kartellschadensersatzprozessen – einem Beratungsprodukt, das ziemlich genau dem Ideal prominenter Großprojekte entspricht, die für Linklaters mehr denn je im Vordergrund stehen. Zunehmend erfolgreich ist dafür die Patentpraxis, die neben ihrem traditionellen Schwerpunkt in der Transaktionsbegleitung regelmäßig auch in Prozesskomplexen auftritt. Noch unklar scheint dagegen, welche Rolle der neue Hamburger Standort spielen wird, zumal hinter der Büroeröffnung eher eine Opportunität – der zentrale Partner an diesem Standort, Steuerrechtler Prof. Dr. Jens Blumenberg, hat dort seinen privaten Lebensmittelpunkt – als eine ausgeklügelte Strategie stand. Immerhin jedoch gibt es für Associates u. starke, junge Partner in der Hansestadt nun einen weiteren Ankerplatz.
JUVE Kanzlei des Jahres in: M&A.
Siehe auch: Berlin; Düsseldorf; Frankfurt; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 291
Internat. Einbindung: Ww. integrierte Sozietät, als Transaktionskanzlei v.a. in Europa eine der stärksten. In bestimmten Regionen setzt die Kanzlei auch auf (exklusive) Allianzen, in Südafrika mit Webber Wentzel, in Saudi-Arabien mit Abdulaziz AlGasim sowie in Asien u. Australien mit Allens Arthur Robinson.
Entwicklung: Auf ihrem Weg zu einer immer enger vernetzt agierenden, immer stärker auf Top-Mandate ausgerichteten Einheit ist Linklaters in den vergangenen Jahren zweifellos vorangekommen. Dass die Kanzlei ein Projekt wie die Umstrukturierung des Daimler-Konzerns als strategische Beraterin auf Organebene begleitet u. nicht als Managerin der internat. Umsetzung, lenkt den Blick allerdings nicht nur auf den eindrucksvollen Erfolg der deutschen Corporate-Anwälte, sondern auch auf die blinden Flecken der Linklaters-Strategie. Inboundgroßprojekte wie die Begleitung des US-Konzerns John Deere beim Kauf der deutschen Wirtgen-Gruppe waren vor etlichen Jahren einmal die Kernkompetenz der deutschen Praxis, haben im Lauf der Jahre aber neben der Dax-Konzernberatung stark an Gewicht verloren – vielleicht zu stark. V.a. Freshfields ist hier ein ganzes Stück voraus, nicht nur was die Beratung zu grenzüberschreitenden Deals angeht, sondern auch bei der Arbeit der deutschen Büros mit London. Auch Linklaters‘ US-Standorte spielen bei transatlantischen Deals keine besonders auffällige Rolle, selbst im Vergleich zu manchen britischen Wettbewerbern, die im US-Markt ebenfalls nur langsam vorankommen. Dieses Defizit wiegt in Deutschland momentan nicht besonders schwer, dürfte aber zu einem ernsthaften Handicap werden, wenn US-Kanzleien wie Latham beim Angriff auf die Bastionen der Dax-Berater den Durchbruch schaffen u. mit einer ganz anderen Schlagkraft in ihrem Heimatmarkt punkten können.
Noch ein weiteres Thema gewinnt von Jahr zu Jahr mehr an Dringlichkeit: Die Position, die besonders Wollburg u. Wilsing als Vertrauensanwälte von Konzernvorständen u. Aufsichtsräten einnehmen, werden sich nur dann nachhaltig auf die nächste Partnergeneration übertragen lassen, wenn die Kanzlei es schafft, diese Rollen auf mehr Schultern zu verteilen als derzeit – ein Prozess, der zwar bereits seit mehreren Jahren läuft, aber noch keineswegs abgeschlossen ist.
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