Düsseldorf – weiterhin die Corporate-Hauptstadt?

Seit Jahren ist der Düsseldorfer Rechtsmarkt vor allem für seine Stärke in zwei Rechtsgebieten bekannt: Patentrechtsstreitigkeiten – unter anderem dank der hervorragenden Patentkammer am Düsseldorfer OLG – und im Gesellschaftsrecht. Doch schon seit einiger Zeit zeichnet sich ab, dass die Spitzenstellung der Düsseldorfer Kanzleien im Gesellschaftsrecht ins Wanken geraten ist: Insbesondere im Vergleich zu München, wo es eine bemerkenswerte Zunahme an hochkarätiger Corporate-Beratung gab, hat sich Düsseldorf weniger dynamisch entwickelt. So wundert es nicht, dass die tonangebende Beratung von z.B. Private-Equity-Kunden kaum noch in Düsseldorf stattfand.

Dass der Düsseldorfer Markt trotzdem noch eine zentrale Rolle spielt, wenn es um hochkarätige Mandate geht, zeigen jedoch Deals wie der Verkauf der RWE-Tochter Innogy: Die Unternehmen vertrauen mit der Mandatierung von Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller und Linklaters weiter auf die angesehenen Düsseldorfer Praxen der etablierten Kanzleien. Auch dass das zurzeit wohl prominenteste gesellschaftsrechtliche Mandant – die geplante Aufspaltung von Daimler – an die Düsseldorfer Boutique Glade Michel Wirtz ging, ist ein gutes Zeichen für die künftige Bedeutung des Standorts, gerade weil sich hier eine Kanzlei durchsetzte, die nicht zu den etablierten Großkanzleien zählt.

Düsseldorf war zudem Schauplatz des wohl aufsehenerregendsten Wechsels eines Corporate-Partners: Ein angesehener, junger Spezialist verließ Freshfields Bruckhaus Deringer, um sich Latham & Watkins anzuschließen. Vermutlich noch mehr überrascht war der Düsseldorfer Markt aber vom Wechsel eines Kartellrechtlers von Herbert Smith Freehills, der kurz nach seiner Ernennung zum deutschen Managing-Partner zu Clifford Chance ging. Der Abgang zeigte, dass britische Top-Kanzleien immer noch gegen ihre US-Wettbewerber punkten können. Und auch Freshfields gelang in Düsseldorf ein Coup: Sie holte eine sehr angesehene Strafverteidigerin in ihre Reihen – die erste Quereinsteigern seit zehn Jahren.

Aber auch im mittleren Marktsegment gab es viel Bewegung: Ein neunköpfiges Team von Mütze Korsch, zu dem auch eine angesehene Kartellrechtlerin zählte, wechselte zum lokalen Wettbewerber Hoffmann Liebs Fritsch & Partner. Mütze Korsch verlor damit einen großen Teil ihrer Anwälte. Einen Abgang von gleich drei Partnern gab es auch bei Simmons & Simmons. Auch wenn diese Abgänge zum Teil eine Konsequenz der voranschreitenden Branchenfokussierung sein mögen, verlieren die Corporate- und Arbeitsrechtspraxen ihre Leiter. Einen ungewöhnlichen Schritt machte mit Deloitte Legal eine Big-Four-Kanzlei: Sie gewann eine Top-Steuerfahnderin aus Wuppertal für ihr Düsseldorfer Büro, die eine wichtige Rolle in der nordrh.-westf. Steuer-CD Affäre spielte. Damit baute die Kanzlei den Beratungsbereich Tax-Compliance auf und setzte sich damit von vielen lokalen Wettbewerbern ab. Dass die strafrechtliche Compliance-Beratung ein attraktives Geschäftsfeld ist, hat auch Orth Kluth erkannt: Sie verstärkte sich mit einem erfahrenen vierköpfigen Team der Strafrechtsboutique VBB Rechtsanwälte.

 

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