Frankfurt: Brexit stabilisiert den Bankensektor

Wie hart der Brexit wirklich ausfällt und wie viele Banker tatsächlich von London nach Frankfurt wechseln, ist weiter offen. Noch vor einem Jahr rechneten Experten für den Frankfurter Finanzsektor mit bis zu 10.000 neuen Arbeitsplätzen. Seitdem sinken die Schätzungen beständig. Ein Grund: Paris, das im November 2017 den Zuschlag für die Europäische Bankenaufsicht EBA erhalten hatte, hat in der Gunst der Finanzmanager aufgeholt und bemüht sich ebenfalls weiter kräftig um die „Brexit-Banker“. Und auch Dublin und Luxemburg haben ihre Bemühungen noch nicht eingestellt.

Zuletzt rechnete die Wirtschaftsförderung Frankfurt noch mit mindestens 5.400 Jobs, also ungefähr der Hälfte im Vergleich zur Vorjahresprognose. Und auch die sind hoch willkommen, denn Deutschlands Bankenmetropole hat schon bessere Zeiten erlebt. Commerzbank und Deutsche Bank haben einen weiteren Stellenabbau angekündigt, kleinere Institute schließen ihre Filialen. Die neuen Bankjobs sollen dazu beitragen, den Abbau zu kompensieren und den Frankfurter Finanzsektor zu stabilisieren.

Trotz der Brexit-Konkurrenz in Europa haben mittlerweile mehr als 20 Banken ihre Bereitschaft erklärt, ihr Geschäft oder zumindest Teile davon von der Themse an den Main zu verlagern. Darunter sind Institute wie Goldman Sachs oder die China International Capital Corporation Limited, für die nicht zuletzt die an der Frankfurter Börse ansässige China Europe International Exchange ein wichtiges Kriterium bei der Standortwahl gewesen sein dürfte. Unterm Strich bleibt Frankfurt ein Brexit-Gewinner – ebenso der hiesige Kanzleimarkt, denn die neuen Player bringen nicht nur neue Jobs, sondern voraussichtlich auch zusätzliche Mandate.

Büromarkt Frankfurt weiter im Aufwind

Dass der Umzug internationaler Finanzinstitute nach Frankfurt im großen Stil noch auf sich warten lässt, beeindruckt den lokalen Büromarkt wenig bis überhaupt nicht. Er brummt – wie schon im Vorjahr – einfach weiter.

Das Transaktionsvolumen im ersten Halbjahr 2018 lag deutlich über dem Vorjahreszeitraum. Angezogen haben aufgrund des Mangels an großflächigen, modernen Flächen aber auch das Mietpreisniveau und die Bautätigkeit in der Stadt. Die meisten Mietvertragsabschlüsse entfielen auf die Branchengruppe Medien und Werbung, gefolgt vom Finanzsektor auf Platz zwei und Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnikbranche.

Stärkung der Finanzmarktteams

Die Brexit-Anfragen an die Bankaufsichtsrechtler in den Kanzleien wurden in den vergangenen Monaten immer konkreter. Einige Finanzinstitute richten ihre Strukturen im Hinblick auf den Brexit neu aus, andere benötigen Beratung beim Erlaubnisverfahren für eine Drittstaatenzweigstelle. Bei den konkreten Brexit-Anpassungen zeigt sich, dass Kanzleien mit Standorten auf beiden Seiten des Kanals im Vorteil sind. Vor allem die britischen Top-Kanzleien mit Frankfurter Büro konnten sich bisher gut in Szene setzen.

Um ihre Mandanten möglichst umfassend beraten und auf wechselnde Marktbedingungen reagieren zu können, verstärkten viele Kanzleien ihre Bank- und Finanzmarktteams. Linklaters gelang mit dem Zugang des Kreditfinanzierungsexperten Dr. Neil Weiand von Allen & Overy der wohl größte Coup. Für einen weiteren spektakulären Wechsel sorgte Hogan Lovells ,die zwei Partner von Mayer Brown gewann. Und DLA Piper verstärkte sich unlängst mit einem erfahrenen Kapitalmarktrechtler von Latham & Watkins.

Auch Kanzleien wie Dentons, Görg oder Gibson Dunn & Crutcher ergänzten ihre Bank- und Finanzteams, um etwa zur verschärften Regulierung im Bankaufsichtsrecht intensiver beraten oder den neuen Schwung am Equity-Kapitalmarkt besser nutzen zu können.

Aber Beratung in Frankfurt bedeutet nicht allein Banking; Auch jenseits des Bankensektors drehte sich das Personalkarussell in der Anwaltsmetropole. Ein Life-Science-Team von Dechert schloss sich McDermott Will & Emery an. Kleine und mittelständische Einheiten wie FPS Fritze Wicke Seelig, GGV Grützmacher Gravert Viegener oder Schalast & Partner reagierten vor allem auf die ungebrochen starke Nachfrage im Immobiliensektor mit einer Verstärkung ihrer Teams.

Weiter Raum für neue Einheiten

Doch wie fast jedes Jahr kamen auch neue Player hinzu. Insbesondere bei US-Einheiten ist die deutsche Bankenmetropole weiterhin beliebt. Entweder führt sie gleich der erste Weg beim Eintritt in den deutschen Markt nach Frankfurt wie in den Vorjahren Kanzleien wie Goodwin Procter, oder sie merken nach Büroeröffnungen in Hamburg oder München, dass erst ein Büro in Frankfurt ihr Standortportfolio komplettiert. So eröffnete Fieldfisher im April ein Büro mit einem vierköpfigen Banking-Team von Norton Rose Fulbright, um nach Düsseldorf, Hamburg und München nun auch am Finanzplatz Frankfurt präsent zu sein. Nahezu zeitgleich eröffnete Covington & Burling ihren ersten deutschen Standort am Main – ein fliegender Start für die US-Kanzlei, die den europäischen Markt bisher aus London und Brüssel bearbeitet, denn sie gewann fast die gesamte Mannschaft der Frankfurter Sozietät Heymann & Partner.

Ungewöhnlich unruhig zeigte sich der Frankfurter Notarmarkt. Die erst 2016 gegründete Sozietät Meyding Bodenburg löste sich Ende 2017 wieder auf. Ein Notar gründete seine eigene Einheit, der andere schloss sich der Frankfurter Kanzlei ebl factum an. Die Darmstädter Immobilienkanzlei Kucera verlegte ihren Sitz nach Frankfurt und schloss sich mit dem Notariat Wildberger + Wildberger zusammen. Und das Anwaltsnotariat Gerns & Partner zeigte sich zuletzt sehr expansiv, indem es sich mit zwei erfahrenen Anwälten aus Großkanzleien verstärkte. Auf der anderen Seite verließ eine junge Notarin die Kanzlei. Sie eröffnete zum September mit einer Notarin von Faust Gerber eines der wenigen rein weiblichen Notariate in Frankfurt.

Hessen: Regionale Kanzleien zieht es nach Frankfurt

Jenseits der Bankenmetropole geben sich auch viele hessische Kanzleien dynamisch. Insbesondere größeren Einheiten wie etwa de Faria & Partner oder Fuhrmann Wallenfels gelingt es, bundesweit visibel zu sein und zunehmend internationales Geschäft anzuziehen, ohne dabei allerdings ihre mittelständische Kernklientel zu vernachlässigen. Dennoch haben sie bei der Mandatierung durch namhafte Unternehmen im Vergleich zu Frankfurter Kanzleien oft das Nachsehen. Einige Sozietäten ziehen daraus ihre Konsequenz und eröffnen dort zusätzliche Büros wie Kipper + Durth oder verlegen wie Kucera ihren Hauptsitz dorthin.

Dass sich ein Umzug in die Mainmetropole durchaus lohnen kann, zeigt das Beispiel des renommierten Wirtschaftsstrafrechtlers Dr. Kai Hart-Hönig, der zuvor in Wiesbaden seine Kanzlei hatte.

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