München: Kein Ende des Booms in Sicht

München bleibt der zweitwichtigste Kanzleistandort in Deutschland. Nicht nur, weil hier nach Frankfurt die meisten Rechtsanwälte angesiedelt sind, sondern auch, weil das Wirtschaftsumfeld mit seinen zahlreichen Dax-Konzernen, prosperierenden Familienunternehmen und vermögenden Privatpersonen sehr attraktiv ist.

Private-Equity-Metropole München

München ist der wichtigste deutsche Standort für Private-Equity-Häuser – das gilt ebenso für die Szene im Patent- und Markenrecht, denn: Nicht nur das Europäische Patentamt ist hier angesiedelt, vielmehr soll München auch Teil des geplanten Unified Patent Court werden.

Diese Rahmenbedingungen ziehen seit Jahren immer mehr Kanzleien nach München. Der Zustrom reißt nicht ab, auch wenn zuletzt vor allem kleinere Kanzleien in die Stadt kamen, darunter die britische IP-Kanzlei Mewburn Ellis. Sie eröffnete in München ihr erstes Büro außerhalb Großbritanniens. Neu an der Isar sind auch die beiden Strafrechtsboutiquen SvS Sidhu von Saucken, die von zwei ehemaligen Roxin-Anwälten gegründet wurde, und Tsambikakis & Partner, die bislang in Köln, Frankfurt und Berlin vertreten war. Eine Partnerin von Norton Rose Fulbright eröffnete unterdessen für die auf Arbeitsrecht spezialisierte Kanzlei Pusch Wahlig, nachdem im Vorjahr bereits ein renommierter Arbeitsrechtler für die Boutique Kliemt an den Start gegangen war. Darüber hinaus kam auch die mittelständische Full-Service-Kanzlei Schindhelm nach Bayern. Sie ist in Österreich eine Größe und dehnt mit diesem Schritt ihre Präsenz in Deutschland weiter aus. Deutlich präsenter als bisher ist auch Warth & Klein Grant Thornton Rechtsanwälte, in der im Sommer 2018 die Anwaltskanzlei Nachmann aufging.

Strategien auf dem Prüfstand

Schon in den vorangegangenen Jahren hatte eine Reihe internationaler Kanzleien ihre deutsche Präsenz um einen Münchner Standort erweitert, etwa Dentons und K&L Gates. Sidley Austin wagte unterdessen in München ihren Wiedereinstieg in den deutschen Markt – und ihr gelang es bereits, sich im Markt für kleine und mittelgroße Private-Equity-Transaktionen zu etablieren, der in München besonders ergiebig und entsprechend umlagert ist. Davon zeugten auch zuletzt wieder eine Reihe von Personalwechseln: Baker & McKenzie, Noerr und Reed Smith verstärkten ihre Praxen mit PE-Partnern von Dechert, Ashurst und DLA Piper, Letztere baute umgehend mit einem Baker & McKenzie-Partner nach.

Natürlich haben auch die Münchner Kanzleien erkannt, dass die klassische Rundumberatung als Geschäftsmodell auf dem Prüfstand steht. Die anhaltende Kostensensibilität und die immer spezifischeren Anforderungen der Mandanten zwingen die Kanzleien dazu, Spezialisierungen auszubauen und sich intensiv mit ihrer eigenen Aufstellung zu befassen. Das zeigt sich besonders exemplarisch am Beispiel des aktuellen Trendthemas Datenschutz. Kanzleien wie SKW Schwarz, die für ihre IT-rechtliche Kompetenz bekannt sind, konnten auf diesem Feld besonders profitieren und neue namhafte Mandanten gewinnen. Auch einige Großkanzleien, etwa Bird & Bird, Noerr und Taylor Wessing konnten dem immensen Beratungsbedarf aus Digitalisierungsprojekten und dem Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung mit spezialisierten Teams begegnen. Gerade weil Mandanten angesichts der Industrie 4.0 zahlreichen komplexen Fragestellungen gegenüberstehen, sind fachlich breit aufgestellte Berater wie Noerr und Pinsent Masons, die sich schon früh mit der Beratung zu Digitalisierungsthemen auseinandergesetzt haben, vielen ihrer Wettbewerber einen guten Schritt voraus.

Allerdings haben gerade einige kleinere Kanzleien, die sich als Rundumberaterinnen des süddeutschen Mittelstands verstehen, das Thema Datenschutz genutzt, um sich hier in ein neues Gebiet einzuarbeiten, und stehen nun mit einem breiteren Beratungsangebot besser da als vorher.

Auch die Umwälzungen, die es bei einigen Münchner Traditionsadressen gab, standen meist im Zeichen des Aufbaus – oder Verlusts – von Spezial-Know-how in wachstumsträchtigen Bereichen. Eine massive Verstärkung für Kantenwein Zimmermann Spatscheck & Partner bedeutete der Zugang eines Steuerstrafrechtsteams von Streck Mack Schwedhelm. Wirsing Hass Zoller verlor unterdessen den Großteil ihrer IP-Praxis an die Boutique Taliens – eine Kanzlei, die sich im Patentbereich strategisch mit einem europaweiten Konzept positioniert.

Aktuell stehen deutsche Kanzleien auch bei Transaktionen vor der immer drängenderen Frage, wie sie sich international aufstellen, um sich Mandate von ausländischen Investoren aus Asien, den USA, Frankreich und Israel zu sichern, die hierzulande Unternehmensbeteiligungen kaufen. Zirngibl etwa intensivierte ihr Engagement in ihrem internationalen Partnerkanzleinetzwerk und konnte sich damit beachtliche Mandate sichern. Die jungen Transaktionsboutiquen GLNS und Gütt Olk Feldhaus unterdessen sind keinem etablierten Netzwerk angeschlossen, stemmen über gut gepflegte internationale Kontakte aber dennoch immer häufiger grenzüberschreitende Mandate.

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