JUVE Kanzlei des Jahres

Compliance-Untersuchungen

Compliance am Scheideweg

Das Umfeld der Compliance-Beratung bleibt ein Minenfeld. Kaum jemand zweifelt daran, dass ein wie auch immer geartetes Unternehmensstrafrecht kommen wird. Mindestens aber werden die Sanktionen wohl weiter verschärft. Was der Gesetzgeber letztlich entscheiden wird und wann, ist aber völlig offen. Genauso offen ist, wie der Gesetzgeber interne Untersuchungen künftig reglementieren wird. Das Bundesverfassungsgericht verzichtete bei seiner Entscheidung über die Durchsuchung bei der VW-Kanzlei Jones Day darauf, Vorgaben für eine solche Regelung zu machen. Für Aufregung unter den Kanzleien sorgte zunächst vor allem, dass die Richter die US-Kanzlei für nicht beschwerdebefugt erachteten. Für die Praxis – und auch für die Diskussionen um ein Unternehmensstrafrecht – haben die Ausführungen der Verfassungsrichter zu einer engen Auslegung des Beschlagnahmeverbots die weitaus größere Wirkung, da sie es abseits der Vertretung eines im Ermittlungsverfahren Beschuldigten praktisch verneinen. Derweil stellte der Bundesgerichtshof klar, dass Compliance-Managementsysteme für Unternehmen bußgeldmildernd wirken können – wenn sie wirksam sind. Diese Entscheidung treibt nun auch mittelständische Unternehmen in immer größerer Zahl dazu, ein solches System zu etablieren.

Kanzleien wie im Rausch

Jones Day war bei Weitem nicht die einzige Kanzlei, bei der die Ermittler Unterlagen beschlagnahmten. Freshfields Bruckhaus Deringer war ebenso schon betroffen wie auch Daimler-Beraterin Gibson Dunn & Crutcher. Doch es sind weniger derartige Vorfälle als vielmehr das nach wie vor schwache Standing bei den Ermittlungsbehörden, die eine Reihe von Großkanzleien veranlasst hat, sich wieder auf die Suche nach strafrechtlichen Quereinsteigern zu machen. Der Moloch Diesel und die gesetzgeberischen Pläne, die erkennen lassen, dass Compliance ein großes Beratungsthema bleiben wird, wecken zudem Begehrlichkeiten bei all den Beratern, die bislang bei solchen Mandaten nicht oder nur in Nebenrollen mitspielen. Dass ausgerechnet die ohnehin exzellent im Markt positionierte Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer eine anerkannte Strafrechtsexpertin gewann, weckte entsprechend hier und da durchaus Neidgefühle. Hengeler Mueller konterte wenig später mit der Aufnahme eines jungen Partners von White & Case.

Damit verfügen jetzt eine gute Handvoll Großkanzleien über im Markt etablierte Strafrechtsexperten, und es werden mehr werden. Vor allem US-Kanzleien mit starker White-Collar-Praxis in den USA werden sich früher oder später bei ihren Stammhäusern rechtfertigen müssen, wenn sie den lukrativen deutschen Compliance-Markt verpasst haben. Latham & Watkins gelang ein erster Schritt, mit gleich 2 erfahrenen Partnern: Sie gewann einen Compliance-affinen Arbeits- u. Datenschutzrechtler von Hogan Lovells und einen Compliance-Spezialisten von Baker & McKenzie. Doch auch die eher mittelständisch orientierten Kanzleien optimieren ihre Praxen. So gewann Orth Kluth, die bislang keine Rolle in der Compliance-Beratung spielte, einen Partner der Strafrechtsboutique VBB Rechtsanwälte. Und auch GSK Stockmann machte sich erneut daran, eine Compliance-Praxis aufzubauen. Die Verantwortung liegt hier bei einem ehemaligen Partner von Pohlmann & Company.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die sich mit Aufbau und Überprüfung von Compliance-Strukturen, internen Untersuchungen bei Verdachtsfällen und akuten Krisensituationen fachübergreifend befassen. In einer separaten Übersicht werden Kanzleien erfasst, die primär in einem spezifischen Fachgebiet beraten. Hier skizzierte Vorwürfe gegen Unternehmen und Manager sind in der Regel nicht rechtskräftig festgestellt. Weitere Kanzleien, die sich mit einzelnen Aspekten von Compliance befassen, finden sich in den Kapiteln Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, Kartellrecht, Datenschutz, Vergabe- (v.a. drohende Vergabesperren), Gesellschafts- (u.a. Managerhaftung, Due Diligence), Arbeits-, Bank- und Finanz- und Versicherungsrecht (v.a. Aufsichtsrecht).


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