JUVE Kanzlei des Jahres

Wirtschafts- und Steuerstrafrecht

Ein Rechtsgebiet wird neu erfunden

Jahrzehntelang änderte sich in den Strafgesetzen nur wenig. Die Folge: Die Realität hat Gesetzgeber und Behörden längst überholt. Umso hitziger wird derzeit politisch und juristisch das zweifellos kommende Unternehmensstrafrecht diskutiert. Die neue Koalition in Berlin scheint entschlossen, nach der Reform der Vermögensabschöpfung die Sanktionsmöglichkeiten zu erweitern. Auch gesetzliche Leitlinien für interne Untersuchungen sollen geschaffen werden. Das Bundesverfassungsgericht sorgte derweil mit seiner Entscheidung in Sachen VW/Jones Day für mehr Rechtssicherheit beim Beschlagnahmeschutz.

Derweil zieht auch die EU-Kommission nach der Schaffung der Europäischen Staatsanwaltschaft und der Ermittlungsanordnung die Zügel an: Die E-Evidence-Initiative, die einen grenzüberschreitenden Datenzugriff ohne Richtervorbehalt vorsieht, verurteilen deutsche Strafrechtler bereits jetzt scharf.

Der Beratermarkt läuft heiß

In der Praxis beherrschen weiter zwei Themenkomplexe den Markt: Diesel und Cum-Ex. Bei Letzterem liegt inzwischen die erste Anklage auf dem Tisch. Dierlamm und Park dürfen hingegen eine Prüfbitte der Staatsanwaltschaft für die Anwendung der Kronzeugenregelung als Erfolg für sich verbuchen. Derweil weitet sich der Dieselskandal weiter aus. Inzwischen gibt es kaum noch eine Strafrechtskanzlei, die nicht mit dem Thema befasst ist. Nach Einschätzung von Marktteilnehmern bewegen sich etliche von ihnen am Rande von Interessenkonflikten. Der Bedarf an kompetenten Wirtschaftsstrafrechtlern ist also enorm.

Auch fast alle etablierten Boutiquen suchen Verstärkung. Und sie konkurrieren inzwischen mit den internationalen Kanzleien. Von denen war allerdings nur Freshfields erfolgreich, die eine angesehene Strafverteidigerin von Thomas Deckers Wehnert Elsner abwarb. Hengeler Mueller konterte mit der Aufnahme eines Salary-Partners von White & Case, deren Kapazitäten nach dem Wechsel weiterer Anwälte zu PricewaterhouseCoopers Legal auf ein prekäres Maß geschrumpft sind.

Verstärken sich weitere Großkanzleien mit etablierten Strafrechtlern, dann wird es mittelfristig bei der Unternehmensverteidigung zu einer Marktverschiebung zu ihren Gunsten kommen. Allerdings müssen sie ihre Herangehensweise nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in Sachen VW/Jones Day überdenken: Die Richter legten den Schutz des Anwalt-Mandantenverhältnisses enger aus als erwartet.

Die klassischen Strafrechtsboutiquen berührt die Entscheidung weniger, da sie für die Individualverteidigung keine zentrale Rolle spielt. Aber auch für viele Unternehmen haben die Boutiquen trotz oft fehlender internationaler Erfahrung einen entscheidenden Vorteil: Sie genießen bei den deutschen Ermittlungsbehörden mehr Glaubwürdigkeit. Das zeigt gerade auch der Fall VW: Dort handelte Krause & Kollegen für den Konzern die Verständigung mit den Braunschweiger Ermittlern aus, nicht Freshfields.

Derweil setzen sich aus Boutiquen immer stärker jüngere Anwälte durch. Sie haben, ebenso wie aufstrebende Einheiten wie Rettenmaier & Adick, Trüg Habetha oder Langrock Voß & Soyka früh begriffen, dass jenseits fachlicher Kompetenz und eines „Verteidigergens“, wie es ein älterer Verteidiger nennt, eine gute Vernetzung unter ihresgleichen und mit Zivilkanzleien zentral dafür sind, in wichtigen Mandaten und damit auch von potenziellen Mandanten gesehen zu werden. Die Zahl erfahrener Verteidiger steigt also – der Bedarf aber steigt schneller.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die im Wirtschafts- und/oder Steuerstrafrecht beraten. Die Mandatsbeschreibungen beziehen sich in aller Regel auf zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses nicht rechtskräftig festgestellte Vorwürfe. Die tabellarischen Übersichten unterscheiden zwischen Individualverteidigung u. der Beratung von geschädigten oder betroffenen Unternehmen (siehe auch Compliance-Untersuchungen, Konfliktlösung und Öffentlicher Sektor). Hinzu kommt eine Übersicht über ausgewiesene Steuerstrafrechtler.


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