Londoner Anwaltschaft in Sorge

London ist auch als bedeutender Rechtsberatungsmarkt betroffen und laviert zwischen Hoffen, Lobbying in eigener Sache und der Verantwortung, Mandanten durch das komplizierte Brexitszenario zu begleiten. Die britische Law Society präsentierte im Sommer 2018 einige Berechnungen: 29 Milliarden Pfund setzt der Sektor Rechtsberatung insgesamt um und sichert Arbeitsplätze in sechsstelliger Größenordnung. Wegen der erwarteten Änderungen des regulatorischen Umfelds nach dem Austritt aus der EU geht sie von einem steigenden Beratungsbedarf bei den britischen Unternehmen aus – jedenfalls kurzfristig.

London dominiert

London dominiert

Einen dämpfenden Effekt prognostiziert die Londoner Anwaltsorganisation dagegen für den Fall, dass nach einem harten Brexit der Beratungsbedarf im englischen Recht sinkt. Etwa weil bedeutende Unternehmen ihre Europazentralen nicht mehr in London haben. So kündigte zuletzt etwa Panasonic an, die britischen Inseln zu verlassen und nach Amsterdam zu gehen.

Ob die Bedeutung des englischen Rechts bei internationalen Verträgen erhalten bleibt und vor allem ob die Londoner Gerichte ihre Anziehungskraft für internationale Streitigkeiten behalten, wird nach wie vor kontrovers diskutiert.

Hier hängt vieles von Detailregelungen ab, etwa ob die bisherige Bindungswirkung von kartellrechtlichen Bußgeldentscheidungen der EU-Kommission verloren geht, ob Londoner Urteile in Kontinentaleuropa vollstreckbar sind, am Horizont drohende Investorenklagen gegen Großbritannien sich verwirklichen oder die Wirtschaft möglicherweise auf Schiedsverfahren umschwenkt.

Der Verteilungskampf hat begonnen

In Frankfurt, Paris und Amsterdam jedenfalls bereitet sich die Justiz schon auf eine erleichterte Übernahme von Verfahren in englischer Sprache vor, um für internationale Rechtsstreitigkeiten attraktiv zu sein. Denn eines wird sich jedenfalls auf absehbare Zeit nicht ändern: Englisch wird trotz des derzeitigen politischen Kurses der USA und des Brexits die Sprache der Wirtschaft bleiben.

Die Aufsichtsrechtler, Immobilien-, Finanzierungs- und M&A-Spezialisten in Frankfurt sind hinter den Kulissen schon seit der Austrittsentscheidung Großbritanniens intensiv damit beschäftigt, insbesondere Banken und Versicherer auf den künftig veränderten Rechtsrahmen vorzubereiten. Zwar haben nicht alle großen Häuser wie etwa Goldman Sachs und Nomura Frankfurt als neues kontinentaleuropäisches Domizil ausgewählt, vor unzähligen Detailfragen stehen aber alle.

In der Beraterrolle besonders gut positioniert waren dabei zuletzt Kanzleien mit Büros in Deutschland und in London, also beispielsweise Allen & Overy oder Clifford Chance. Die Entscheidung, dass die Europäische Bankenaufsicht von London nach Paris, und doch nicht wie erhofft nach Frankfurt verlegt wird, war für viele eine Enttäuschung. Doch hat dies die Arbeit der Kanzleien vor Ort letztlich kaum beeinflusst.

Weiter

Seiten: 12345

  • Teilen