GLEISS LUTZ

Nationaler Überblick Top 50★★★★☆

Bewertung: Obwohl die Corporate-Praxis der Kanzlei weiterhin in großem Umfang mit der Aufarbeitung des Dieselskandals für den VW-Aufsichtsrat beschäftigt ist – das wohl umsatz- und prestigeträchtigste Mandat in der bisherigen Kanzleigeschichte – stand sie auch an anderen Stellen im Rampenlicht. Im M&A und Gesellschaftsrecht war die Praxis um Dr. Christian Cascante und Dr. Ralf Morshäuser an einem der wichtigsten europäischen Deals des Jahres, dem Kauf des spanischen Autobahnbetreibers Abertis durch die ital. Atlantia u. Hochtief, beteiligt. Dass Gleiss hier Atlantia beriet, zeigt, wie die Kanzlei inzwischen mit den führenden Kanzleien mitzuhalten vermag. Eine immer wichtigere Rolle spielt die jüngere Generation der Transaktionsanwälte, die zum Großteil über eine klare Branchenspezialisierung verfügt und den neuen Mindset der Sozietät verkörpert: Vernetztes Arbeiten in- und außerhalb der eigenen Praxisgruppe. Einer von ihnen ist etwa Dr. Jochen Tyrolt, der über eine starke Industriepraxis verfügt und sich u.a. mit der Beratung von Mandanten wie Bosch einen Namen im Markt macht.
Allerdings wurde in diesem Jahr Unruhe in Hamburg offenbar: Drei M&A-Partner verließen die Kanzlei, u.a. der langjährige Partner Dr. Fred Wendt, der sich Flick Gocke anschloss. Seit der Eröffnung des dortigen Büros vor rund 9 Jahren ist es nicht gelungen, aus ehem. Rittstieg-Anwälten u. Gleiss-Eigengewächsen ein Team wachsen zu lassen. Damit blieb das Büro bisher hinter seinen Möglichkeiten. Hier wird das Management-Duo um Dr. Michael Arnold u. Dr. Alexander Schwarz nun den Wiederaufbau und insbes. eine Neuausrichtung angehen müssen.
Dass sie Strategien in einzelne Praxen tragen u. umsetzen kann, zeigte Gleiss zuletzt im Öffentlichen Recht. Im Zuge des Generationswechsels verabschiedete sich die Kanzlei dort von einem Arbeitsstil, der weniger stark in die Gesamtkanzlei integriert war. Heute vernetzen sich die jüngeren Öffentlich-Rechtler intensiver als zuvor und zeigen dies mit ihrer Arbeit an Schnittstellen wie Compliance und M&A, z.B. bei der regulatorischen Beratung von Atlantia beim Kauf von Abertis. Beispiele für mehr Vernetzung liefern auch die krisennahe Beratung und die Compliance-Praxis. Letztere hat sich durch die engere Zusammenarbeit von Gesellschafts-, Kartell- u. Arbeitsrechtlern erfolgreich etabliert. Dass Gleiss mit ihrer Finanzierungs- u. Restrukturierungsarbeit zur Marktspitze weitgehend aufgeschlossen hat, verdeutlichen komplexe, hochvolumige u. prestigeträchtige Mandate in der Steinhoff-Krise und bei geplanten Kapitalmaßnahmen der NordLB.
Auch in die internat. Vernetzung investiert Gleiss weiter, sowohl innerhalb des etablierten europäischen Netzwerks als auch bei Kooperationen in den USA u. in Asien. Die Regelmäßigkeit, mit der sie heute in grenzüberschreitenden Mandaten gefragt ist, wäre vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen. Neben der Transaktionsbegleitung von Atlantia ist das lfd. Compliance-Mandat für Atlas Elektronik dafür ein bemerkenswertes Beispiel, hier berät Gleiss u.a. gesellschafts- und strafrechtl. zum US-Settlement.
Siehe auch: Berlin; Düsseldorf; Frankfurt; Hamburg; Stuttgart; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 364
Internat. Einbindung: Unabhängige Kanzlei mit engen Kooperationsbeziehungen zu Gide Loyrette Nouel (Frankreich), Chiomenti (Italien), u. Cuatrecasas (Spanien/Portugal). Außerdem Zusammenarbeit in GB, u.a. mit Macfarlanes u. in den NL mit Stibbe. In den USA breites Netzwerk, u.a. mit Paul Weiss, Cravath Swaine & Moore, Simpson Thacher & Bartlett u. Fenwick & West. Zudem gute Beziehungen zu asiat., insbes. chinesischen Kanzleien.
Entwicklung: Gleiss ist für zurückhaltendes, aber unterm Strich wirkungsvolles Management bekannt. Einziger grober Ausreißer in den letzten Jahren war das Hamburger Büro, das vor dem Wiederaufbau steht. Nun kommt es darauf an, nach den Weggängen eine Neuausrichtung auf den Weg zu bringen. Auch wenn das Büro durch die Abgänge massiv an personeller Schlagkraft v.a. im M&A verliert, birgt die Veränderung die Möglichkeit, ein neues, homogenes u. dynamisches Team in Hamburg aufzubauen – ein Schritt, der längst überfällig war. Dass 2 Partner kürzlich ihren Arbeitsschwerpunkt nach Hamburg verlagert haben, ist daher ein positives Zeichen und eine gute Gelegenheit für einen Neustart, um das Hamburger Büro am Markt zu etablieren. Dass GL das kann, hat sie in Düsseldorf bewiesen, dieses Büro hatte sie ein Jahr vor Hamburg eröffnet, und es hat sich seither zu einem wichtigen Akteur gerade im örtlichen Corporate-Markt entwickelt.
Über alle Standorte hinweg entwickelt sich die gesellschaftsrechtl. Praxis der Kanzlei etwas weniger dynamisch als M&A. Auch wenn GL einen umfangreichen Mandantenstamm hat und bei vielen Aufsichtsräten gesetzt ist, sind die zur Marktspitze gehörenden Wettbewerber v.a. bei der Vorstandsberatung weiter. Das mag auch daran liegen, dass die gesellschaftsrechtliche Praxis in der Generation der 40- bis 50-Jährigen, die traditionell zu den tragenden Säulen in der Mandatsarbeit gehören, personell weniger breit aufgestellt ist, als im M&A und wie vergleichbare Wettbewerber. Um Generationslücken wie diese zu verhindern, müsste die Kanzlei mehr profilierte junge Gesellschaftsrechtspartner in die erste Reihe bringen. Momentan macht sich hier noch stark das Dieselmandat bemerkbar, das viele Kapazitäten bindet und den jungen und zukünftigen Partnern dadurch wenig Zeit lässt, um eigenes Geschäft aufzubauen.
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