ALLEN & OVERY

Nationaler Überblick Top 50★★★★☆

Bewertung: Auch wenn sich die Kanzlei weiterhin in personell unruhigem Fahrwasser befindet, macht sie doch in zentralen Rechtsgebieten Fortschritte. Im strateg. Fokus steht v.a. die Verstärkung der Präsenz ihrer Corporate-Praxis bei Dax- und anderen Konzernen, um den Beitrag der dt. Praxis zum internationalen Kanzleinetzwerk zu erhöhen. Auf dem Weg dorthin hat A&O bereits einige Erfolge erzielt, etwa im Gesellschaftsrecht: Trotz der nach wie vor relativ überschaubaren Größe des Teams kann sie sich regelm. in zentralen Mandaten positionieren. Treiber sind v.a. das starke Düsseldorfer Büro um Dr. Hans Diekmann u. Dr. Christian Eichner, aber auch der Frankfurter Partner Dr. Hartmut Krause. Mandate wie von Axel Springer bei der Übernahme durch KKR oder von Scout24 bei der Übernahme durch Blackstone u. Hellman & Friedman belegen die Flughöhe der Praxis. Mandate wie von BMW bei der Erhöhung ihres Anteils am Joint Venture mit Brilliance in China stehen für die strategische Nutzung wichtiger Kontakte im internat. Netzwerk.
Allerdings zählen einige der bekanntesten Anwälte bereits zu den dienstälteren Partnern, u. ausgerechnet bei den aufstrebenden Corporate-Anwälten musste die Kanzlei einen Verlust hinnehmen: Der im arabischen Raum gut vernetzte Dr. Murad Daghles wechselte zu White & Case. Dieser Weggang zeigt die personalstrateg. Sackgasse, aus der A&O schon seit einer Weile herauszufinden versucht, denn eigentlich sind es Nachwuchspartner genau dieses Formats, auf die die Kanzlei derzeit setzt.
Ein echter Gewinn ist dagegen der Zugang des angesehenen Datenschutzexperten Dr. Ulrich Baumgartner von Osborne Clarke. Vor allem hinsichtl. der Compliance-Beratung, aber auch für IT- und technikgetriebene Transaktionen ist dieses Know-how zentral. Eine personelle Verstärkung war insbes. seit dem Weggang des Arbeitsrechtlers Tobias Neufeld, der sich dieses Thema annahm, aber Ende 2018 eine eigenen Kanzlei gründete, nötig geworden. Im strategisch wichtigen Wachstumsfeld Private Equity zeigt die Entwicklungskurve ebenfalls aufwärts. Das neu formierte Team um den erfahrenen Dr. Nils Koffka konnte wichtige Kontakte knüpfen, etwa zu BC Partners u. Centerbridge, und war bereits an einigen wichtigen Deals beteiligt, wenngleich aufseiten unterlegener Bieter. Auch die Finanzierungspraxis setzte ihre Arbeit fast unbeeindruckt vom Weggang ihrer Galionsfigur, des einstigen Managing-Partners Dr. Neil Weiand, im Vorjahr fort und begleitete milliardenschwere Transaktionsfinanzierungen wie SAP/Qualtrics. Die Praxis für Bankaufsichtsrecht schaffte es auf die Beraterliste der EZB u. war bei Transaktionen wie Centerbridge/NordLB involviert. Derweil berieten die Kapitalmarktrechtler etwa aufseiten eines Konsortium aus 15 Großbanken zur Abschaffung der Referenzzinssätze Euribor u. Libor und untermauerten damit A&O’s Ruf als einer der führenden Akteure im Finanzmarkt. Auch im Restrukturierungs- und Immobilienbereich konnte die Kanzlei zulegen.
Die Konfliktlösungspraxis musste allerdings einen Rückschlag hinnehmen. Mit dem Praxisleiter Dr. Daniel Busse verlor die Kanzlei fast das komplette Schiedsrechtsteam, das zu den stärksten Zugpferden von A&O in Deutschland zählte und nun in eigener Einheit antritt. In diesem Fall ist die Lücke so groß, dass sie ohne Quereinsteiger nicht zu füllen sein wird. Allerdings: Die Prozesspraxis bleibt davon unberührt, denn hier erwies sich die für eine Großkanzlei ungewöhnliche strikte Trennung zwischen Schieds- u-. Prozesspraxis als Vorteil. Die Entwicklungen stehen exemplarisch für die kritische Übergangsphase, in der sich A&O in Deutschland seit einigen Jahren befindet. Es gelingt ihr zwar, ihren geschäftlichen Erfolg auf hohem Niveau zu halten und sich personell immer wieder zu stabilisieren, damit allerdings sind Kraft und Schwung auch weitgehend aufgezehrt, und im Vergleich mit ihren direkten Wettbewerbern gerät sie dadurch ins Hintertreffen: Clifford Chance und Freshfields etwa haben gerade harte, aber erfolgreiche Restrukturierungen hinter sich und entwickeln sich zügig weiter. Die Offensive, mit der A&O vor einigen Jahren die Marktführer angreifen wollte, ist dagegen zum Erliegen gekommen – als Aufsteiger schlechthin im deutschen Markt gilt heute Latham & Watkins. Die große Frage ist nun, wann es A&O gelingt, aus dieser Übergangsphase herauszutreten u. sich wieder nachhaltig aufwärts zu entwickeln.
JUVE Kanzlei des Jahres in: Gesellschaftsrecht.
Siehe auch: Düsseldorf; Frankfurt; Hamburg; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 226
Internat. Einbindung: Integrierte Kanzlei, breit aufgestellt in West- u. Osteuropa sowie in Nahost, Nordafrika, USA, Asien u. der Pazifikregion. Ebenfalls Büros in Südafrika u. Südkorea. Zudem assoziierte Büros mit Ginting & Reksodiputro (Indonesien), Radu Tărăcilă Pădurari Retevoescu SCA (Rumänien) u. Gedik & Eraksoy (Türkei). Kooperation mit Khoshaim & Associates (Saudi-Arabien).
Entwicklung: Ihrem Ziel, als dt. Praxis mehr Geschäft in das ww. Netzwerk weiterzureichen, kommt die Kanzlei langsam näher. Doch wird sie auf diesem Weg noch intensiver am Aufbau einer neuen Partnergeneration arbeiten müssen, denn es ist die nächste Generation, die mit ihren Altersgenossen bei den engsten Wettbewerbern um Kontakte und Mandate konkurrieren muss. A&O will dabei v.a. auf Wachstum aus den eigenen Reihen setzen u. dies dürfte ein wichtiges Signal an den eigenen Nachwuchs sein, wenn es umgesetzt wird. Allerdings wird dies dauern, und in manchen Bereichen nicht ausreichen, so etwa im Schiedsrecht oder auch im Gesellschaftsrecht und M&A. Dort gibt es zwar einige vielversprechende Counsel, bis diese Riege aber auf Augenhöhe gegen die Partner der zentralen Corporate-Praxen im Markt antreten kann, werden noch einige Jahre vergehen.
Dass die Fusionsgespräche mit der US-Kanzlei O'Melveny & Myers scheiterten, ist ein Rückschlag. Der transatlant. Zusammenschluss hätte der dt. Praxis interessante Möglichkeiten für die industrie- u. technologiegeprägten Unternehmen unter ihren Mandanten eröffnet. Allerdings ist A&O weiterhin offen für größere Zusammenschlüsse in den USA. Die Aufgabe des dt. Management-Duos ist es in jedem Fall, für eine klare Kommunikation zu sorgen u. den Zusammenhalt in der Partnerschaft zu stärken. Dies ist zentral, um weitere ungewollte Abgänge zu verhindern u. die Attraktivität für Quereinsteiger wieder zu erhöhen, denn noch gelingt es der Kanzlei zu selten, starke Partner anderer Kanzleien anzuziehen.
In einem anderen Bereich nimmt A&O hingegen schon jetzt eine Vorreiterstellung im Markt ein. Kontinuierl. hat sie sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich Mandate am besten und effizientesten bearbeiten lassen. Auch Wettbewerber konstatieren, dass A&O im Bereich Legal Tech mit ihrem Londoner Innovationslabor Fuse zu den innovativsten Kanzleien zählt. Das neu geschaffene dt. Transaction-Support-Team, das vorwiegend aus Wirtschaftsjuristen besteht, verfolgt daher auch nicht primär das Ziel, größere Transaktionen abzuarbeiten, vielmehr geht es darum, Legal Tech gezielt in Transaktionen einzusetzen, Effizienzen und Synergien zu nutzen und dies auch gegenüber dem Mandanten zu vermarkten. In diesem Zusammenhang hat die Kanzlei einen Legal-Engagement-Manager in Frankfurt eingestellt, der gemeinsam mit den Partnern bei der Mandatsanbahnung und im lfd. Mandat auftritt u. auf die jeweiligen Mandanten zugeschnittene Anwendungsmöglichkeiten für Legal Tech und nichtjuristische Dienstleistungen wie Projektmanagement vorstellt. A&O setzt sich damit – wie auch die übrigen Londoner Top-Kanzleien – an die Spitze eines Trends, der den Markt für Konzernberatung in Zukunft stark beeinflussen dürfte.
Anwaltsporträts in dieser Kanzleibesprechung:
Tobias NeufeldArqis Rechtsanwälte
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