LATHAM & WATKINS

Nationaler Überblick Top 50★★★★☆

Bewertung: L&W verfolgt eine ehrgeizige Strategie, indem sie die Vorzüge unterschiedlicher Geschäftsmodelle von US-Kanzleien in Deutschland zu vereinen versucht: Sie will einerseits extrem profitabel sein und schielt in dieser Hinsicht in Richtung hoch spezialisierter High-End-Berater mit kleiner deutscher Praxis wie Kirkland & Ellis oder Sullivan & Cromwell. Zugleich hat sie sich anders als diese aber einem wesentlich breiteren Full-Service-Ansatz verschrieben, der sie in die Lage versetzt, sich als dauerhafte Konzernberaterin zu positionieren und aus dieser Rolle heraus große Transaktions- und Umstrukturierungsmandate zu gewinnen. Das erzeugt ein Spanungsfeld, denn konsequente Profitabilitätssteigerung und ein weites Beratungsspektrum passen nicht immer zusammen, doch bislang gelingt es L&W, beiden Zielen zugleich näher zu kommen. Wettbewerber blicken neidvoll auf die Erfolge, und es ist kein Geheimnis, dass die Kanzleien an der Marktspitze oft nicht unbedingt ihresgleichen als gefährlichste Wettbewerber identifiziert haben, sondern L&W, der immer noch ein Nimbus als aufstrebender Underdog anhaftet. Zum Erfolg haben wesentlich strategisch sinnvolle Zugänge beigetragen. So zeigt sich inzwischen immer deutlicher, dass die Quereinsteiger Dr. Nikolaos Paschos und Dr. Rainer Traugott genau jene umfassenden konzernrechtlichen Großprojekte gewinnen, zu denen Latham bis vor wenigen Jahren kaum Zugang hatte. Traugott etwa begleitete mit der geplanten Alstom-Übernahme ein zentrales Vorhaben des Siemens-Konzerns, den Latham zuvor vorwiegend bei US-Deals beraten hatte, während bei Ceconomy mehrere Düsseldorfer Partner in wichtigen gesellschaftsrechtlichen Projekten im Einsatz sind.
Ein Meilenstein, der die Fortschritte der vergangenen Jahre besonders anschaulich macht, ist die Begleitung von Hellman & Friedman und Blackstone bei der geplanten Übernahme von Scout24. Alle 4 maßgeblich beteiligten Partner gab es vor 3 Jahren noch nicht: zwei waren damals noch Associates –, dass sie nun bei einem zentralen Mandat an vorderster Front mitwirken, zeigt, dass Wettbewerber wohl übertreiben, wenn sie Latham Quereinsteigerwachstum auf Kosten von Karriereaussichten des eigenen Nachwuchses ankreiden. Zwei weitere Partner in diesem Mandat, Paschos und der ein Jahr darauf von Freshfields hinzugestoßene Dr. Tobias Larisch, sind Quereinsteiger, und für L&W haben sie eine Lücke bei öffentl. Übernahmen wie eben Scout24 geschlossen – bis zu ihrem Einstieg eine der wenigen Schwachstellen der Corporate-Praxis. Ihr Zugang beflügelt auch das bereits enorm starke Private-Equity-Geschäft der Kanzlei weiter, denn im aktuellen Markt wagen sich auch Finanzinvestoren immer häufiger an komplizierte öffentl. Übernahmen.
Neben sorgfältig ausgewählten Quereinsteigern nutzt L&W zunehmend auch ihre starke US-Praxis, um im deutschen Markt voranzukommen. Hier hat sie v.a. ihren größten brit. Wettbewerbern Freshfields u. Linklaters, die ansonsten unterm Strich in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft noch immer besser verdrahtet sind, im Corporate-Bereich etwas voraus. Ein typisches Beispiel ist die Arbeit für Omnicom/BBDO beim globalen Carve-out und Verkauf einer Sparte, bei dem die dt. Praxis eine wichtige Rolle spielte.
Zur positiven Entwicklung über mehrere Jahre dürften auch psychologische Faktoren beigetragen haben. Die deutsche Praxis hat sich mit Blick auf wirtschaftl. Kennziffern in einer ‚Agenda 2020‘ verbindlicher als andere auf konkrete Ziele festgelegt. Die integrative Kraft solcher Ziele und das Gefühl, unaufhaltsam der Marktspitze entgegenzustreben, ist kaum zu überschätzen – beides setzt Energien frei und macht Latham zu einer Kanzlei, die eher gewichtige Quereinsteiger anzieht, als Partner ungewollt zu verlieren. Dass auch dies mitunter vorkommt, zuletzt etwa beim Wechsel der Prozessspezialistin Christine Gärtner, ist verschmerzbar, solange die Geschäftszahlen das allgemeine Grundgefühl untermauern, auf der Erfolgsspur zu sein.
JUVE Kanzlei des Jahres in: Bank- und Finanzrecht.
Siehe auch: Düsseldorf; Frankfurt; Hamburg; München; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 174
Internat. Einbindung: Internat. integrierte Kanzlei, urspr. aus Los Angeles, mit starken Büros u.a. in New York, Washington u. London. Seit mehreren Jahren strategischer Akzent auf einer Stärkung der europäischen Büros.
Entwicklung: Weiterhin wird es eine Hauptaufgabe des deutschen Managements sein, einen gangbaren Weg zu finden zwischen hohen Profitabilitätserwartungen und dem Anspruch, Konzerne dauerhaft und auf breiter Front bei internat. Großprojekten zu begleiten – also mehr zu sein als eine verlängerte Werkbank der US-Praxis. Diese Gratwanderung verlangt ein Management, das intensiver in die Autonomie der einzelnen Partner und Büros eingreift, als dies noch vor ein paar Jahren bei Latham üblich war. Der v.a. von Oliver Felsenstein vorangetriebene Wandel zeigt wirtschaftlich klare Erfolge, allerdings bedeutet er – auch das wird immer wieder deutlich – eine schwierige Herausforderung für eine Kanzlei, deren Partner stolz auf ihre Kultur und ihre Unabhängigkeit sind. Hier bieten sich nun für Dr. Harald Selzner Chancen, Akzente zu setzen. Der Düsseldorfer Corporate-Partner hat inzwischen die Leitung der deutschen Praxis übernommen, nachdem Felsenstein ins globale Management gewechselt ist.
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