NOERR

Nationaler Überblick Top 50★★★★☆

Bewertung: In fast allen Praxisbereichen arbeitet sich Noerr schrittweise, aber nachhaltig nach vorn. Die Kanzlei ist in den vergangenen Jahren an vielen Stellen strategisch gewachsen, auch personell und kommerziell, auch wenn dies leiser erfolgte als bei rasanter expandierenden Wettbewerberkanzleien. Ende 2018 wurde Dr. Tobias Bürgers nach über einem Jahrzehnt als Co-Managing-Partner turnusmäßig abgelöst, doch auch die neue Doppelspitze, bestehend aus Bürgers‘ langjährigem Kollegen im Management, Dr. Alexander Ritvay, und dem Corporate- und Banking-Allrounder Dr. Torsten Fett dürfte weiter auf wohldosierte, kleine Schritte setzen. Diese betreffen v.a. die Zusammenarbeit zwischen den Praxisgruppen und, darauf aufbauend, intensivere Beziehungen zu Schlüsselmandanten über eine wachsende Bandbreite von Fachgebieten hinweg. Größere strategische Schritte, etwa die Eröffnung in Hamburg 2017, sind bereits vollzogen. Dabei entwickelt sich die Präsenz in der Hansestadt ausgesprochen positiv, was angesichts der anfänglichen Skepsis der lokalen Wettbewerber – und der Schwierigkeiten, mit denen etwa Gleiss Lutz dort seit Jahren zu kämpfen hat – eine bemerkenswerte Leistung darstellt.
Wie Noerr nun weiter zu den führenden Kanzleien aufschließen kann, lässt sich bereits an einigen Mandaten sehen: Datenschutzspezialisten, Arbeits- und Gesellschaftsrechtler brachten gemeinsam Projekte, bspw. in der Infrastruktur- und Versicherungsbranche, ins Ziel, während die Kompetenzen im Außenhandel, Compliance u. Strafrecht bei der Beratung einer internat. Großbank zusammenspielten. Corporate- und Bankrechtsexperten gemeinsam bauten auf dem Erfolg der J.C.-Flowers-Mandats bei der Beteiligung an der ehem. HSH Nordbank mit einer Folgetransaktion auf. Andere Bereiche wie Energierecht gewannen zusätzl. Mandanten und die M&A-Anwälte verbuchten mit Transaktionen für Daimler, Bauer Media und Bayer weitere Erfolge. Den branchenspezifischen Ansatz nutzt die Kanzlei auch, um Bereiche weiterzuentwickeln, in denen sie seit Langem zu den prominenteren Akteuren gehört, etwa IT, Umweltrecht oder Nachfolge/Vermögen/Stiftungen.
Andere Bereiche hat Noerr zuletzt gezielt ausgebaut, allen voran Restrukturierung, wo die Kanzlei die einzigen Quereinsteiger des Jahres verzeichnete: Von Baker & McKenzie kam Dr. Dorothée Prosteder in München dazu, während am Hamburger Standort eine Sal.-Partnerin aus dem angesehenen Team von Freshfields dazustieß. Weniger erwartet hatte der Markt das Wachstum in den osteuropäischen Noerr-Büros, wobei dieser Teil der Kanzlei von dt. Wettbewerbern ohnehin zu oft übersehen wird. Während sich andere Kanzleien längst aus der Region zurückgezogen haben, verstärkte Noerr nun ihren Prager Standort mit einer ganzen Gruppe von Partnern aus dem lokalen Büro von PwC Legal.
Siehe auch: Berlin; Düsseldorf; Frankfurt; Hamburg; München; Sachsen; Brüssel.
Anwälte in Deutschland: 396
Internat. Einbindung: Unabhängige Kanzlei mit 6 eigenen Büros in Osteuropa, dazu London, New York, Alicante u. Brüssel. Exklusives dt. Mitglied im internat. Netzwerk Lex Mundi. Daneben Kontakte zu namhaften US-Kanzleien. Traditionell gute Beziehung zu Macfarlanes in London. Auffällig agierender China-Desk.
Entwicklung: Der einzige echte Rückschlag für die Kanzlei in letzter Zeit war der Verlust von Alexander Israel in Brüssel, der effektiv den Neuaufbau der dortigen Kartellrechtspraxis bedeutet. Darunter litt auch die internat. Präsenz der Gesamtkanzlei – auch wenn das marktführende Vertriebsteam dort weiterhin markant vertreten ist. Ein prominentes Brüsseler Büro ist für unabhängige deutsche Kanzleien von der Kragenweite Noerrs eigentlich unverzichtbar. Ansonsten sind die Hauptaufgaben von Noerr eher evolutionär, was sie nicht weniger wichtig oder schwierig macht. Die Kanzlei hat einerseits eine lange Tradition und etablierte interne Strukturen, andererseits eine junge, gestaltungswillige und anspruchsvolle Partnerschaft. Hier wirkt sich der steuernde Eingriff des Managements der letzten Jahre aus: Die Fluktuation auf Senior-Associate-Ebene war zuletzt höher als in den Vorjahren, was fast paradoxerweise ein Zeichen dafür ist, dass sich Noerr im Markt nach oben bewegt: Intern ist der Aufstieg in die Partnerschaft anspruchsvoller geworden und immer mehr andere Sozietäten nehmen einen gut ausgebildeten Noerr-Anwalt gerne in ihre Partnerschaftsränge auf.
Die andere Seite der Medaille ist eine weiterhin etwas hierarchischere Kultur als bei einigen Wettbewerberkanzleien. Die Verjüngung der Partnerschaft stellt dies in vielerlei Hinsicht in Frage, vermehrt ist die Forderung nach einem transparenteren und meritokratischeren Karriereförderungs- und Vergütungssystem zu hören. Die gestaffelte Übergabe des Managements – der Wechsel jeweils nur eines von 2 Managing-Partnern – hat sich in der Vergangenheit stets als erfolgreich erwiesen und Kontinuität gefördert. Das neue Management-Duo wird ein offenes Ohr für den jüngeren Teil der Partnerschaft haben müssen.
  • Teilen