Frankfurt: Der Brexit-Run bleibt aus

Auch wenn der Zustrom voraussichtlich nicht ganz so stark ausfallen wird, wie vor einigen Jahren erhofft: Der Finanzplatz Frankfurt zählt zu den Gewinnern des Brexit. Laut einer Studie des Thinktanks ,New Financial‘ verlagern etwa 40 Banken und Finanzinstitute ihre Geschäfte von London in die Mainmetropole (>Kontinentaldrift). Insgesamt knapp 200 Unternehmen haben sich entschieden, ihren Hauptsitz oder zumindest Teile des Geschäfts nach Kontinentaleuropa zu verlagern.

Die größte Magnetwirkung entfaltet aber Dublin – Die Hauptstadt Irlands gewinnt voraussichtlich 100 Finanzinstitute. Die Stadt am Liffey lockt vor allem Vermögensverwalter, während an den Main vorwiegend Banken ziehen, so die Autoren der Studie.

In den Frankfurter Aufsichtsrechtspraxen sorgte der Brexit für viel Arbeit. Vor allem die notwendigen Erlaubnisverfahren mussten unter Dach und Fach gebracht werden. Von den ursprünglich erhofften 5.000 neuen Arbeitsplätzen entfallen am Ende wahrscheinlich lediglich 1.000 bis 2.000 Stellen auf Frankfurt. Dennoch: Die Jobs sind ein willkommener Beitrag zur Stabilisierung der Beschäftigung in der Finanzbranche.

Neben dem Brexit hielt der erneute Fusionsanlauf von Deutscher Bank und Commerzbank zwischenzeitlich Teile der Frankfurter Beraterriege auf Trapp. Nach der gescheiterten ,Geldhochzeit‘ sind beide Häuser noch einige Zeit mit internen Umbaumaßnahmen beschäftigt. Hier kündigt sich weiterer Beratungsbedarf an. Derweil investierten alle Geldhäuser in die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle. Viele Kanzleien festigten dabei mit innovativen Payment- oder Kryptowährungsmandaten ihren Ruf als Fintech-Kanzleien, etwa GSK Stockmann oder Linklaters.

Auch wenn der Markt für Börseneinführungen in diesem Jahr äußerst schleppend verlief: Beim mit Abstand wichtigsten Börsengang, dem IPO der VW-Tochter Traton, war sowohl auf Emittenten- als auch auf Bankenseite ein ganzes Heer renommierter Kapitalmarktrechtler aus Frankfurt, unter anderem von Freshfields Bruckhaus Deringer, Linklaters und Clifford Chance, involviert. Überdies lasteten eine Reihe von Akquisitionen die lokalen Finanzierungsteams aus.

Gesucht: Finanzmarktexperten mit Erfahrung

Entsprechend verstärkten einige Frankfurter Kanzleien erneut ihre Finanzmarktteams. Vor allem Luther tat sich bei der personellen Expansion hervor. Erst schloss sich im Mai ein Team von Dechert um den bekannten Fondsrechtler Achim Pütz der Kanzlei an. Im Sommer wechselte eine Partnerin von Norton Rose Fulbright, die vor allem bei Unternehmens-, Akquisitions- und Immobilienfinanzierung berät.

Auch Simmons & Simmons erweiterte die Partnerebene: Im Februar kam zunächst von Allen & Overy Dr. Jens Gölz, der auf strukturierte Finanzierungen sowie Projekt- und Akquisitionsfinanzierungen spezialisiert ist und regelmäßig zu Infrastruktur- und Energieprojekten berät.

Im Juli wechselte Michaela Sopp von Linklaters. Sie berät vor allem Kreditgeber bei Transaktionen. Auch bei den Kanzleien der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gab es Bewegung: Im Sommer wechselte der Kapitalmarktexperte Dr. Markus Lange von KPMG Law zu PricewaterhouseCoopers Legal. Begleitet wurde er von einem vierköpfigen Team.

Neben den Finanzmarktmandaten sorgten zuletzt auch die Litigation-Praxen für deutliche Umsatzzuwächse. Entsprechend lebhaft entwickelte sich dort die Suche nach personeller Verstärkung. Clifford Chance baute das Frankfurter Team für Prozessführung und Schiedsverfahren weiter aus und holte Christine Gärtner von Latham & Watkins.

Mayer Brown wurde bei Hogan Lovells fündig und gewann als neuen Litigation-Partner Ulrich Helm. Die US-Kanzlei Covington & Burling verstärkte sich derweil mit einem Partner von Linklaters, der in seiner neuen Sozietät eine deutsche Compliance- und Investigation-Praxis aufbauen soll.

Lebhafter Immobilienmarkt – neue Kanzleien

Alle Hände voll zu tun hatten auch die Immobilienrechtler der Finanzmetropole, denn der Frankfurter Büromarkt kommt nicht zur Ruhe. Das Beratungsunternehmen Cushman & Wakefield ermittelte im ersten Halbjahr 2019 eine Büroleerstandsquote von nur vier Prozent. Vor allem im Bankenviertel und im Westend dünnte sich das Flächenangebot weiter aus. Der fortgesetzte Boom hat die Nachfrage nach Immobilienanwälten weiter angefacht.

Zu Jahresbeginn verstärkte Noerr ihre Praxis mit Dr. Christoph Hons, der zuvor bei Jones Day beraten hatte. Ebenfalls zu Jahresbeginn verließ die langjährige Clifford Chance-Partnerin Cornelia Thaler die Immobilienpraxis der Kanzlei mit unbekanntem Ziel. Im Mai stieg Thomas Hopf bei Avocado als Partner ein. Der Transaktionsexperte kam von Norton Rose Fulbright, bei der er mehrere Jahre die Immobilienpraxis leitete.

Neben Wechseln brachten einige Neugründungen Bewegung in den lokalen Markt. Zu Jahresbeginn 2019 eröffnete Pinsent Masons in Frankfurt ihr deutschlandweit drittes Büro. Für den Start gewann die Kanzlei auf einen Schlag sechs Partner aus verschiedenen Sozietäten.

Ihrem Plan, eine Kapitalmarktpraxis am wichtigsten deutschen Finanzplatz aufzubauen, ließ die Kanzlei schnell Taten folgen. Seit August ergänzt Dr. Susanne Lenz als Partnerin die Praxis um den Münchner Praxischef. Mit ihr kamen ein erfahrener Associate sowie von Hogan Lovells ein Anwalt mit US-Zulassung.

Im Juli eröffnete Yester & Morrow mit ehemaligen Anwälten von Möhrle Happ Luther und Clifford Chance Büros in Frankfurt und Hamburg. Die Kanzlei mit Tech-Ambitionen ist auf die Themen Kapitalmarkt-, Bankenaufsichts- und Steuerrecht fokussiert.

Im Wirtschaftsstrafrecht machten sich zwei ehemalige Partner von AC Tischendorf mit eigener Kanzlei selbstständig, Namensgeber ist Dr. Christian Rosinus. Ebenfalls zu Jahresbeginn hatte der Konfliktlösungsspezialist und Ex-Mayer Brown-Partner Dr. Mark Hilgard in Frankfurt eine eigene Schiedsboutique eröffnet.

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