Stuttgart: Magnet für Strafrechtsexperten

Im Stuttgarter Markt ist derzeit weit mehr in Bewegung als zu früheren Zeiten. Der Beratungsbedarf im Mittelstand steigt, weil die Krise im Automobilbau die Region besonders trifft. Und weil die Staatsanwaltschaft aktiv ist: „Porsche muss Bußgeld zahlen“, „Bosch muss Bußgeld zahlen“ – so überschrieben die Stuttgarter Staatsanwälte ihre Pressemitteilungen im Sommer 2019. Das wirkt sich auf den Anwaltsmarkt aus. Besonders umtriebig zeigen sich derzeit die Experten mit strafrechtlicher Erfahrung: Im Oktober 2018 eröffnete Tsambikakis & Partner in der Landeshauptstadt mit einem Wirtschafts- und Strafrechtler der Sindelfinger Kanzlei Kullen Müller Zinser, einige Monate holte sie zwei weitere Quereinsteiger aus der Strafrechtsboutique Quedenfeld hinzu.

Anfang 2019 eröffnete ein weiterer ehemaliger Kullen-Müller-Jurist für die neuformierte Steuerstrafrechtsboutique Olfen Meinecke Völger ein Büro in Stuttgart. Zudem ging als neue Strafrechtssozietät Schork Kauffmann an den Start, für die ein Partner von BRP Renaud & Partner kam, der zweite von Kullen Müller Zinser. Letztgenannte muss sich angesichts der vielen Abgänge ernsthaft über ihre strategische Ausrichtung Gedanken machen.

Ende Mai eröffnete auch noch Flick Gocke Schaumburg in Stuttgart ihr siebtes Büro und möchte neben ihren Paradedisziplinen Steuerberatung, Steuerstreit und Steuerstrafrecht auch die Compliance-Beratung und Internal Investigations abdecken. Damit würde sie Terrain betreten, das lange den Corporate-Beratern vor Ort vorbehalten war. Die Konkurrenz wächst also nicht nur im Strafrecht.

Doch nur wenige haben Zweifel, dass für alle genug zu tun ist: Allein die Aufarbeitung des Dieselskandals im Autobauerland wird sich vermutlich noch über Jahre hinziehen. Sicherlich werden sich nicht nur Firmen, sondern auch Einzelpersonen mit strafrechtlich relevanten Fragen und Schadensersatzforderungen konfrontiert sehen.

Doch neben Autobauern und ihren Zulieferern bieten bspw. auch die Hochschule Ludwigsburg, die Windreich-Pleite und der Waffenlieferant Heckler & Koch noch Stoff für die Gerichtsbarkeit. Die Justiz wiederum sieht sich selbst als Gegenstand zahlreicher Medienberichte – und das nicht erst, nachdem der streitbare Richter Fabian Richter Reuschle vom Landgericht Stuttgart aus allen Dieselgate-Klagen herausgezogen wurde.

Was die Anwaltsszene aber fast noch mehr beunruhigt, ist die angespannte Personalsituation: Da ist z.B. der Personalhunger der Justiz, die sich u.a. auch mit unzähligen, hochkomplexen Kartellschadensersatzklagen auseinandersetzen muss.

Der Staat als Arbeitgeber wird immer offensiver, er steht den großen Inhouse-Abteilungen wie Daimler, Bosch und Porsche beim Abwerben von geeigneten Kandidaten aus den Kanzleien mittlerweile kaum noch nach. Hinzu kommt die baden-württembergische Notariatsreform, die manch jungem Gesellschaftsrechtler attraktive Optionen außerhalb der (Groß-)Kanzleienlandschaft eröffnete. Und nun verschärfen auch noch die Strafrechtseinheiten aus dem Norden den Kampf um den Nachwuchs.

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