München: Angst vor dem Abschwung

Auf den ersten Blick weist in München nichts darauf hin, dass sich die wirtschaftliche Stärke, die die Stadt zum zweitwichtigsten Anwaltsmarkt in Deutschland gemacht hat, abschwächen könnte. Und doch sehen viele Anwälte erste Anzeichen für einen Wandel.

So folgen Mid-Cap-M&A-Transaktionen nicht mehr ganz so dicht aufeinander, und auch Private-Equity-Anwälte, deren Mandate sich in einem mittleren Volumen bis €500 Mio bewegen, berichten über einen Rückgang. Nach 11 Jahren des stetigen Wachstums, so die Befürchtung, könnte eine Konsolidierung des Marktes mittelfristig, wenn nicht gar kurzfristig bevorstehen.

Schon seit Jahren ist München die erste Adresse für Private-Equity-Transaktionen mit entsprechend hoher Beraterdichte. Gerade Anwälten, die an großen Private-Equity-Deals beteiligt sind, ging es noch nie zuvor so gut. Durch die hohe Konzentration der spezialisierten Anwälte an der Isar gingen überproportional oft spektakuläre Public-to-Private-Deals hier über die Bühne, darunter Osram, Metro und Scout24.

Dabei setzte sich eine Kanzlei von den anderen ab: Kirkland & Ellis. Mit ihrer konsequenten Ausrichtung auf Restrukturierung und Private Equity verbreiterte sie die Mandantenbasis massiv und entwickelte sich zur ersten Adresse für öffentliche Übernahmen in Deutschland. Das ist umso bemerkenswerter, als dass erst drei Jahre vergangen sind, seit die Kanzlei das Münchner Büro neu aufgebaut hat.

Gefürchtet, respektiert, aber nicht immer gemocht: Bub Gauweiler

Nur ein weiteres Ereignis im Rechtsmarkt konnte mit Kirkland um Schlagzeilen konkurrieren: die Auflösung einer Kanzlei, die gefürchtet, respektiert, aber nicht immer gemocht wurde: Bub Gauweiler. Die Namenspartner hatten 30 Jahre lang zusammengearbeitet. Doch schon seit Jahren war im Markt zu hören, dass ihre Vorstellungen über die Gestaltung eines Generationswechsels in ihrer Kanzlei auseinandergingen. Nun kam es zum Bruch.

Der Teil um Bub schloss sich mit der Kanzlei des Transaktionsspezialisten und früheren Milbank-Partners Dr. Peter Memminger zusammen und firmiert jetzt als Bub Memminger & Partner. Als dritter Partner stieg wenig später ein IT- und Medienrechtler ein.

Das war nicht die einzige wichtige Neueröffnung. Im März kündigte die führende Gesellschaftsrechtskanzlei SZA Schilling Zutt & Anschütz an, in München mit erfahrenen Partnern aus den Büros in Mannheim und Frankfurt sowie dem angesehenen Ex-Allianz-Chefsyndikus Dr. Peter Hemeling als of Counsel zu eröffnen.

Lücken schließen

Wechsel von Quereinsteigern können eine Reihe von Gründen haben: Der Markteintritt einer Kanzlei, der eine Welle von Wechseln nach sich zieht – wie zuletzt bei Pinsent Masons – reißt Lücken bei anderen Kanzleien, die wiederum anderweitig gefüllt werden müssen. Einzelne Beratungsfelder sind nicht mehr ausreichend profitabel oder Kanzleien bauen Praxen auf, um eine erwartete Nachfrage vorwegzunehmen.

Letzteres steht aktuell hinter den Wechseln von Restrukturierungsanwälten, allen voran Dr. Dorothée Prosteder, die im Sommer 2019 von Baker & McKenzie zu Noerr ging, aber auch hinter dem überdurchschnittlich häufigen Wechseln von Finanzierungsanwälten, die in München eine seltene Spezies sind. Die beiden wichtigsten Beispiele dafür sind die sehr erfahrene Linklaters-Partnerin Michaela Sopp, die eine Finanzpraxis bei der britischen Kanzlei Simmons & Simmons aufbaut, und eine junge Partnerin, die durch ihren Wechsel von Kirkland eine wichtige Lücke in der Private-Equity- und Venture-Capital-Praxis bei Orrick Herrington & Sutcliffe schloss.

Lücken schließen musste auch DLA Piper, die in den vergangenen Jahren nach und nach fast ihre gesamte Münchner Corporate-Praxis, vor allem Spezialisten für M&A und Private Equity, verlor. Die Kanzlei gewann nun zwei neue Partner, darunter den angesehenen Simon Vogel. Er brachte ungewöhnliche Venture-Capital-Deals und die Fondsstrukturierungspraxis von Dentons mit. Eine weitere Kanzlei, die Partner verlor und diese Lücke gegebenenfalls noch schließen muss, ist Baker & McKenzie. Nach Jahren der Stabilität verließen gleich vier Partner aus den Bereichen Corporate, Compliance und Restrukturierung das Münchner Büro.

Deutlich nachgelassen hat das Interesse junger Anwälte an der Gründung ihrer eigenen Kanzlei. Zehn Jahre lang entstanden erfolgreiche Spin-offs, darunter GLNS, Gütt Olk Feldhaus und Ego Humrich Wyen. Doch in den vergangenen Monaten tat sich nichts.

Womöglich dämpfte das kontroverse Ende des ehemals sehr erfolgreichen Spin-offs Aigner Fischer, das nicht nur in Bayern für Schlagzeilen sorgte, die Euphorie. Vor allem aber scheint es angesichts sich abzeichnender schwieriger Zeiten unwahrscheinlicher, dass Senior Associates in naher Zukunft den Sprung wagen und ihre eigene Corporate-Boutiquen gründen – nicht zuletzt, weil es genug kleinere Einheiten gibt, in denen sie einen anderen Karriereweg einschlagen können als in der typischen Großkanzlei.

Abseits von Corporate sah es jedoch ganz anders aus: So entstanden neue Wirtschaftsstrafrechtskanzleien. Und in der klassischen Konfliktlösung gab es zuletzt zumindest eine bedeutende Neugründung: Schmitt Reichert Partners mit dem erfahrenen Ex-Linklaters-Partner Laurenz Schmitt.

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