JUVE Kanzlei des Jahres

Arbeitsrecht

Transformation statt Kahlschlag

Der erwartete wirtschaftliche Abschwung ist bei den Arbeitsrechtlern schon angekommen. Wer also im vergangenen Jahr keine größere Restrukturierung zu beraten hatte, gehörte zu den Ausnahmen. Doch statt einfach Personal abzubauen, ist das Ziel eher, die für den digitalen Wandel benötigten Fachkräfte zu halten. Zahlreiche Unternehmen haben bei solch strategischen Transformationen auf das Geschick ihrer Berater gesetzt. Als häufig entscheidender Faktor bei Transaktionen und Restrukturierungen hat das Arbeitsrecht so an Ansehen gewonnen.

Hinzu kommen die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0. Agile Teams, die von keinem gemeinsamen Betrieb zusammengehalten werden; IT-Experten, die lieber freiberuflich statt angestellt arbeiten möchten – dies alles passt nicht mehr zum klassischen Betriebsverfassungsrecht.

Ebenfalls nicht mehr zeitgemäß erscheint vielen das Arbeitszeitrecht. Im Mai urteilte der Europäische Gerichtshof (EuGH), Arbeitgeber sollen verpflichtet werden, die volle Arbeitszeit aller Beschäftigten systematisch zu erfassen –alle Überstunden, jede E-Mail nach Feierabend. Während Gewerkschaften und Betriebsratsvertreter jubeln, befürchten Arbeitgeberanwälte ein Bürokratiemonster.

Erneut sorgte zudem die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bei vielen Anwälten für eine gute Auftragslage. Standen vor einem Jahr noch Anpassungen von Betriebsvereinbarungen im Vordergrund, kommt es inzwischen zu den ersten Verfahren rund um den Arbeitnehmerdatenschutz. Dabei traf das erste Urteil eines Landesarbeitsgerichts (LAG) den Automobilkonzern Daimler.

In einem bereits länger laufenden Kündigungsschutzverfahren berief sich Klägeranwalt Prof. Dr. Stefan Nägele in zweiter Instanz auf das Auskunftsrecht nach Art. 15 DSGVO. Das LAG Stuttgart gab ihm Recht und verlangte von Daimler, dem gekündigten Mitarbeiter volle Einsicht in die über ihn gesammelten Daten zu gewähren – inklusive der Informationen über interne Untersuchungen. So steht erstmals das durch die DSGVO gestärkte Auskunftsrecht über dem Schutz von Whistleblowern.

Neue Modelle der arbeitsrechtlichen Beratung

Wie bereits im Vorjahr gab es viel Bewegung am Markt – Nicht nur, dass sich mit Prof. Dr. Stefan Lunk und Claudia Heins zwei Partner in den Ruhestand verabschiedeten, die bei Latham & Watkins über Jahre für das Arbeitsrecht gestanden hatten. Auch die personellen Wechsel in anderen Kanzleien mündeten zum Teil in strategischen Verlagerungen der Praxen oder gar in neuen Modellen der arbeitsrechtlichen Beratung. So machte sich Allen & Overy-Partner Tobias Neufeld Anfang des Jahres mit einer auf bAV und Datenschutzrecht spezialisierten strategischen Beratung selbstständig.

Die ehemalige Pusch Wahlig-Partnerin Dr. Kara Preedy hingegen dockte im Mai bei Greenberg Traurig an. Gemeinsam mit zwei ihrer Counsel tritt sie unter dem Label ‚GT Labor Lab’ als Arbeitsrechtsboutique innerhalb der Kanzlei am Markt auf. Es ist der Versuch, die Brücke zwischen der klassischen arbeitsrechtlichen Beratung in einer Full-Service-Kanzlei und der spezialisierten Beratung einer Boutique zu schlagen. Glückt er, könnte das Modell insbesondere für Großkanzleien eine Möglichkeit darstellen, ihre Arbeitsrechtler von den hohen Profitabilitätsvorgaben der Gesamtkanzlei zu entkoppeln.

Auch die Rechtsberatungsarme der Big Four drängen wieder zunehmend auf den arbeitsrechtlichen Beratermarkt. Mit dem Zugang von gleich drei neuen Partnern zeigte sich Deloitte Legal besonders expansiv. PricewaterhouseCoopers Legal verstärkte sich in Berlin mit mehreren Quereinsteigern von der US-Arbeitsrechtsboutique Ogletree Deakins, weitere Zugänge gab es in Düsseldorf und Stuttgart.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die Unternehmen in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber beraten und in Prozessen vertreten. Auf die Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsberatung spezialisierte Kanzleien sind in einer separaten Übersicht erfasst.


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