JUVE Kanzlei des Jahres

Bank- und Finanzrecht

Negativzinsen und kein Ende

Weite Teile der Finanzbranche stecken in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank überhaupt nur zu sondieren.

Während daraus nichts wurde, setzt sich bei den öffentlich-rechtlichen Instituten die Flurbereinigung fort: Die Hamburg Commercial Bank (HCOB) ging durch den Verkauf an Finanzinvestoren aus der früheren HSH Nordbank hervor. Für die NordLB gibt es eine Auffanglösung, allerdings muss die EU-Kommission diese noch absegnen.

Getrieben wird der Wandel dadurch, dass es vielen Instituten weiterhin schwerfällt, einträgliche Margen zu erwirtschaften. Das liegt zum Teil an dem inzwischen seit Jahren negativen Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB), zum Teil an der Konkurrenz durch alternative Kreditgeber wie Debt-Fonds und Versicherer. Parallel dazu greifen neue Anbieter weitere Säulen des Geldgeschäfts an.

Angriff auf die Traditionalisten unter den Zahlungsdienstleistern

Ein Beispiel dafür sind Zahlungsdienste, die seit einigen Jahren auf dem Vormarsch sind. Ablesen ließ sich deren Bedeutungsgewinn zuletzt daran, dass der Payment-Spezialist Wirecard die Commerzbank aus dem Dax verdrängte, ein Institut, das seit 1988 dem Leitindex angehörte. Dass Mastercard im Sommer fast drei Milliarden Euro für einen Teil des dänischen Zahlungsdienstleisters Nets auf den Tisch legte, ist ein weiterer Beleg.

Insgesamt zeigt sich, dass das Volumen bei solchen Deals steigt (>Mehr Geld für Fintechs). Investoren sind also bereit, für Unternehmen aus dieser Branche höhere Summen in die Hand zu nehmen.

Neue Wettbewerber tummeln sich genauso im angestammten Kontoführungs- und Kreditgeschäft. Ein Erfolg am Markt ist jedoch nicht immer ein Segen, wie das Beispiel der Onlinebank N26 zeigt: Hier griff die BaFin im Frühsommer ein, um der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung vorzubeugen. Sie schrieb dem Institut unter anderem vor, einen Teil ihrer Bestandskunden neu zu identifizieren. Gleichzeitig hatten zwei Volksbanken Maßnahmen ergriffen, um sich gegen Betrugsfälle im Zahlungsverkehr mit Direktbanken zu schützen, darunter der N26.

In der Unternehmensfinanzierung rollt der Zug der Digitalisierung gerade an. Festmachen lässt sich das an dem gefragten Instrument des Schuldscheindarlehens. Etablierte Häuser hoben eigene Anbieter aus der Taufe: Die LBBW etwa machte gemeinsame Sache mit der Börse Stuttgart und schob Debtvision an, ein Unternehmen, das digitale Platzierungen ermöglicht: schneller, transparenter, günstiger. Parallel dazu gelingt es bankenunabhängigen Dienstleistern wie VC Trade, rapide Marktanteile zu gewinnen.

Wenn zivilrechtliche Hemmnisse überwunden sind, könnten solche Modelle auch bei Wertpapieren Fuß fassen. In der Fondsbranche bricht sich der technologische Wandel ebenfalls Bahn. Der Frankfurter Investmentmanager Peakside Capital und Brickblock Digital Services etwa setzten im Sommer 2019 einen Immobilienfonds auf der Basis der ‚Distributed Ledger Technik‘ auf. Damit weisen sie in der Branche neue Wege.

Die Stunde der Aufsichtsrechtler in der Bank- und Investmentbranche

In all diesen Entwicklungen spielen die Aufsichtsrechtsspezialisten eine zentrale Rolle – im Bankbereich ebenso wie in der Investmentbranche: Sie sind unerlässlich dafür, die regulatorischen Grundlagen zu schaffen und die Finanzinstitute und Dienstleister gegenüber der BaFin oder der EZB zu vertreten. Bei allfälligen Transaktionen schließlich sorgen sie dafür, diese richtig aufzusetzen und freigegeben zu bekommen.

An den Maßnahmen bei der heutigen HCOB und der NordLB waren die renommierten Praxen von Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller, Linklaters und Clifford Chance beteiligt. Auch das Team bei Latham & Watkins profitiert im transaktionellen Umfeld von seiner Stärke auf diesem Beratungsfeld.

Doch ebenso wie die traditionellen Banken sehen sich auch etablierte Bank- und Finanzrechtspraxen mit neuen Wettbewerbern konfrontiert. Sehr auffällig war seit ihrem Start Schnittker Möllmann Partners, die sich bei der Beratung zu Private-Equity- und Venture-Capital-Vehikeln inzwischen gut etablierte. Andere Kanzleien springen auf den regulatorischen Zug auf oder haben zumindest einen Fuß auf dem Trittbrett – das Potenzial jedenfalls ist erkannt.

Nicht mehr abwarten konnten viele Institute, wie die britische Regierung und die EU-Kommission den Ausstieg des Landes aus der Europäischen Union gestalten. Sie haben Fakten geschaffen, um ihr Geschäft auf beiden Seiten des Ärmelkanals abzusichern.

Entscheidungen in London und Brüssel im Herbst 2019 könnten den Finanzierungs- und Restrukturierungsspezialisten Auftrieb verschaffen – genauso wie konjunkturelle Risiken. Für Zulieferer in der Automobilbranche etwa ist der Umstieg auf neue Antriebstechniken ein erheblicher Aufwand, den es zu finanzieren gilt. Bereits gezeigt hat sich, dass hier auch Restrukturierungen anstehen.

Gut aufgestellt sind für dieses Szenario Kanzleien mit starken Praxen bei Finanzierungen und Restrukturierungen. Freshfields Bruckhaus Deringer, Latham & Watkins oder auch Gleiss Lutz dürften Nutzen aus einer solchen Entwicklung ziehen.


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