Die Insolvenzrechtler kommen nach Stuttgart

Die Schwäche im Automobilsektor – primär ausgelöst durch die Dieselaffäre und durch den zögerlichen Schwenk zur Elektromobilität – war schon vor der Corona-Pandemie deutlich spürbar. Umso größer war der Schock in und um Stuttgart, als die großen Werke stillgelegt und Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt wurden. Hinzu kamen Exportschwierigkeiten bei den bereits fertiggstellten Waren: Die Grenzen zu den Nachbarn Schweiz und Frankreich wurden geschlossen, und auch die Ausfuhren in andere Exportländer gingen dramatisch zurück.

In solchen Zeiten schlägt die Stunde der Restrukturierungsexperten: Görg machte den ersten großen Aufschlag und eröffnete mit einem erfahrenen Team von Schultze & Braun Büros in Stuttgart, Ulm und Friedrichshafen. Die bei Insolvenzgerichten ebenfalls gefragte Sozietät Menold Bezler gründete nach dem Zugang eines weiteren Verwalters und mit der inzwischen auch personell integrierten Kompetenz der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater von Prof. Dr. Binder, Dr. Dr. Hillebrecht & Partner (BHP) nun eine eigene Insolvenzverwaltereinheit.

Mit Winkler Gossak ist zudem eine neue Insolvenzboutique mit einem Partner von BBL Brockdorff & Partner entstanden, die bereits zum Start beachtliche Verfahren mitbringt. Und auch SNP Schlawien setzt bei ihrem insgesamt achten Büro, das sie in Stuttgart eröffnet, auf die Schnittstelle zwischen Insolvenz- und Arbeitsrecht. Doch nicht nur die Abarbeitung der zahlreichen Krisenmandate im Automotive-Sektor wird Anwälte beschäftigen, auch digitale Entwicklungen und der Aufbau innovativer Arbeitsmodelle bieten Perspektiven.

Dass Gleiss Lutz und CMS Hasche Sigle zwar als stabile Marktführer, aber nicht unbedingt als Trendsetter gelten, nutzte etwa Luther: Derzeit berät das Stuttgarter Team Porsche im Rahmen der vom VDA initiierten Plattform Urbane Mobilität (PUM) und BASF Digital Farming zu neuen Geschäftsmodellen.

Die Neuzugänge der letzten Jahre setzen sich derweil im Markt fest und finden Nachahmer: Nachdem der Oppenländer-Spin-off Wuertenberger und die Boutique Burger Rosenbauer Beier, eine Ausgründung von Binz & Partner, gezeigt haben, dass sich der Schritt in die Selbstständigkeit lohnen kann, wagten Anfang 2020 auch langjährige Mitarbeiter von Prof. Dr. Walter Sigle eine Neugründung unter Zinger Strachwitz. Dass sich schon aufgrund eines Großmandats ein eigenes Büro in der Stadt auszahlt, beweist Daimler-Beraterin Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan, die in Stuttgart mittlerweile Berufsträger aus all ihren Disziplinen beschäftigt.

Flick Gocke Schaumburg, so heißt es, zog es primär wegen eines Compliance-Mandats bei Porsche in die Stadt. Doch auch mit ihrer Kompetenz in der Unternehmensstruktur- und Nachfolgeberatung dürfte die Kanzlei langfristig die Wettbewerber herausfordern. Beim gehobenen Mittelstand sind zudem die MDP-Kanzleien und Big-Four-Gesellschaften immer häufiger gefragt, sodass den Stuttgarter Traditionskanzleien bald auch von dieser Seite ein rauer Wind in die Bücher wehen dürfte.

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