München: Der große Andrang ist vorbei

Dass das Geschäft der Wirtschaftskanzleien in München transaktionslastiger ist als in anderen deutschen Großstädten, bedingt schon die Struktur der Mandantschaft. Schließlich haben in der Bayernmetropole nicht nur mehr Dax-Konzerne ihren Sitz als irgendwo anders, auch die Zahl der Private-Equity-Gesellschaften ist die höchste in Deutschland. Hinzu kommt eine Vielzahl privater Investoren und Family Offices, die vom Immobilienmarkt bis zur Start-up-Szene in vielen Bereichen für gut gefüllte Projekt-Pipelines sorgen – normalerweise. Entsprechend groß war zu Beginn der Corona-Krise die Angst, dass die örtlichen Wirtschaftsanwälte stärker leiden würden als ihre Kollegen in anderen deutschen Märkten.

Die erste Zwischenbilanz fällt jedoch ermutigend aus: Gemessen an den Befürchtungen scheinen die Münchner Praxen bislang glimpflich davongekommen zu sein. Verfügbare Eigenmittel und günstige Fremdfinanzierungen waren – wenigstens bis Redaktionsschluss – für Finanzinvestoren eher Motivation als Hürde bei der Suche nach geeigneten Investments.

Zudem kam den M&A- und Private-Equity-Anwälten die Anpassungsfähigkeit ihrer Mandanten zugute, die zwar nicht mehr unbedingt zu Milliardeninvestments wie noch im Februar 2020 bei Thyssenkrupp Elevators bereit waren, dafür aber wieder häufiger in Restrukturierungsszenarien auftraten und mehr denn je in die Technologie- und Healthcare-Sektoren investierten, die in Bayern wiederum besonders stark vertreten sind.

Mehr Wolken am weißblauen Himmel

Dennoch ist Zurückhaltung zu spüren. Definitiv einen Dämpfer erhielt etwa nach jahrelang ungebremster Expansion der Immobilienmarkt, der Ende 2019 mit dem Tucherpark-Verkauf noch eine Milliardentransaktion erlebt hatte. Strategische M&A-Transaktionen hatten nach Anzahl und Gesamtvolumen bereits 2018 ihren Höhepunkt überschritten. Zusammen mit der eher abwartenden Haltung vieler Konzerne und mittelständischer Mandanten, die nicht-essenzielle Projekte vertagten, bedeutete das auch für die meisten Kanzleien das vorläufige Ende der Expansion.

Hatte der Münchner Markt in den Vorjahren einen stetigen Zustrom neuer Kanzleien verzeichnet, gab es zuletzt nur noch wenige Neugründungen, die zudem personell überschaubar blieben. Stillstand gab es trotzdem nicht. Mit dem Spin-off Martius machten sich mehrere Corporate-Anwälte von P+P Pöllath + Partners um Dr. Wolfgang Grobecker selbstständig, und ein Team von Bankaufsichtsrechtlern und Fintechspezialisten von Aderhold firmiert nun als Annerton.

Münchner Dependancen eröffneten außerdem die Hamburger Transaktionsboutique Renzenbrink & Partner, die den Ex-Ashurst-Finanzierungspartner Dr. Bernd Egbers an Bord nahm, und die ebenfalls in Hamburg beheimatete Rundumberaterin Rose & Partner. Weitere Neugründungen spielten sich in hoch spezialisierten Nischen ab: Die IT-Boutique SSW zerfiel in die beiden Teile CSW und Witzel Erb Backu & Partner.

Die in den USA für Sammelklagen bekannte Kanzlei Lieff Cabraser Heimann & Bernstein eröffnete ihr erstes deutsches Büro mit einer Kartellrechtlerin von Milbank, ebenfalls auf Prozessführung konzentriert sich der Tricon-Spin-off Bayer Krauss Hüber. Das Wirtschaftsstrafrechtsteam von Brehm & v. Moers spaltete sich unterdessen als Pfordte Bosbach ab, und Dr. Peter Gauweiler gründete eine neue Kanzlei.

Restrukturierungskompetenz hilft Transaktionskanzleien

Unter den Kanzleien, die ihre Münchner Mannschaften in den vergangenen Jahren kräftig auf- und ausgebaut hatten, trennt sich in wirtschaftlich anspruchsvolleren Zeiten die Spreu vom Weizen. Dank ihrer überragenden Vernetzung bei Finanzinvestoren und ihrer starken Finanzierungs- und Restrukturierungspraxen rückte etwa Latham & Watkins der Marktspitze näher. Auch Gibson Dunn & Crutcher hat in den vergangenen Jahren eine strategisch durchdachte Expansion hinter sich gebracht, zuletzt noch abgerundet durch den Zugang eines Litigation-Spezialisten von Latham & Watkins.

Fokussierter, dafür gerade bei großvolumigen Private-Equity-Deals geradezu phänomenal erfolgreich war bis Anbruch der Krise Kirkland & Ellis, die für schwierigere Zeiten mit einer starken Restrukturierungspraxis gerüstet ist. Strukturell sehr ähnlich aufgebaut ist die Dependance von Sidley Austin, die dank guter Kontakte gerade ihres prominentesten Restrukturierungspartners und immer bedeutenderer Verweismandate aus den USA auf breiter Front nach vorne kam.

Nach mehrjährigem rasanten Wachstum hat bei Pinsent Masons nun eine Phase der Konsolidierung eingesetzt, ebenso bei Dentons. Andere Kanzleien mit Münchner Hauptsitz expandierten zuletzt stärker an anderen Standorten, so etwa Arnecke Sibeth Dabelstein, Eversheds Sutherland sowie auch Lutz Abel.

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