Bayerische Kanzleien profitieren von ihrer Erfahrung mit Krisen

Auch für die Anwälte in und um Nürnberg, Erlangen, Würzburg und Augsburg brachte die Pandemie nur moderate Einschnitte, da die meisten bayerischen Kanzleien auf einen Mix aus relativ krisensicherer, laufender Rundumberatung und einzelnen Spezialisierungen, die Reputation und Mandatsqualität steigern helfen, setzen. Meinhardt Gieseler & Partner etwa ist nicht nur im Nürnberger Mittelstand verankert, sondern steht mit ihrer Bank- und Finanzrechtspraxis im nordbayerischen Markt fast konkurrenzlos da.

Breiter, aber ebenfalls noch übersichtlich, ist das Angebot an Praxen im Gewerblichen Rechtsschutz, bei IT- und Datenschutzthemen oder im Vertriebsrecht. Auch vertiefte Restrukturierungskompetenz können nur eine begrenzte Zahl von Kanzleien vorweisen.

Dass konjunkturelle Schwankungen die bayerischen Kanzleien bislang wenig beeindrucken, bedeutet jedoch keinen Stillstand im Markt.

Im Gegenteil: 2019/20 erlebte etwa der Würzburger Markt die größten Umbrüche seit Langem. Die Abspaltung eines großen Teams von Bendel & Partner, das nun als interne Rechtsabteilung für die bisherige Stammmandantin Wisag fungiert, eröffnet für Wettbewerber wie Cornea Franz oder das örtliche Büro von Fries neue Chancen.

In Augsburg währenddessen trennte sich die einstige Lokalmatadorin Scheidle & Partner von ihren Wirtschaftsprüfern und einigen Anwälten und Steuerberatern, die eine andere strategische Richtung einschlugen und nun als HLB Augsburg firmieren.

Zudem wechselte Vergabe- und Verwaltungsrechtler Dr. Simon Bulla zur Spezialkanzlei Puhle & Kollegen (inzwischen pdrei) – das Öffentliche Recht bieten inzwischen nur noch wenige bayerische Rundumberater in größerem Umfang an. Für die beiden bayerischen Traditionskanzleien bedeuten die Abgänge nicht zwangsläufig längerfristige Einbußen, weil gerade die verbliebenen Kompetenzfelder Wachstumspotenzial bieten, etwa im Restrukturierungs- oder Immobilienbereich.

Dass Tradition und tiefe regionale Verwurzelung alleine ausreichen, um Rechtsberater auch durch die nächste Krise zu tragen, ist allerdings weniger sicher denn je.

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