JUVE Kanzlei des Jahres

Arbeitsrecht

Krisengewinner

In keinem anderen Rechtsgebiet brachte die Corona-Krise über Nacht so viel an Mehrarbeit wie im Arbeitsrecht. Der mit dem Lockdown einhergehende Beratungsbedarf der Unternehmen zu Kurzarbeit, Homeoffice oder Urlaubsansprüchen war enorm. Viele Kanzleien wurden kreativ, um ihren Mandanten schnellstmöglich auf unterschiedlichsten Kanälen ihr Wissen zur Verfügung zu stellen, allen voran Kliemt. Nicht nur innerhalb der Arbeitsrechts-Community, auch intern haben Wissensteilung und digitale Kommunikation zur Optimierung von Arbeitsprozessen beigetragen und die Zusammenarbeit zwischen einzelnen Teams auf eine neue Stufe gestellt. Während Arbeitsrechtspraxen größerer Kanzleien Associates anderer Praxisgruppen einbinden konnten, waren es in den Boutiquen die fehlende transaktionsbegleitende Beratung und die zum Erliegen gekommenen Prozesse, die dringend benötigte Kapazitäten freigaben.

Nach dem Peak im März rechnen alle Arbeitsrechtler mit einem heißen Herbst. Während es vor Corona für viele Unternehmen darum ging, die Belegschaft zu ‚optimieren‘ und auf eine digitale Transformation vorzubereiten, geht es nun ans Eingemachte. Erste Insolvenzen und Restrukturierungen kündigten sich bereits im Sommer an. So begleitet Seitz das Schutzschirmverfahren und die Entlassung von 8.000 Mitarbeitern allein bei den Galeria-Karstadt-Kaufhof-Gesellschaften.

Bis Themen wie die Arbeitszeiterfassung, die vor dem Lockdown diskutiert wurden, wieder in den Vordergrund rücken, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Selbst in der Compliance-Beratung gab es eine Covid-bedingte Erweiterung um die Themen Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit, Ähnliches gilt für den Beschäftigtendatenschutz. Dort drehte sich vieles um die Offenlegung und Weitergabe von Gesundheitsdaten. Und sogar in der bAV-Beratung kam die Krise schnell an: Neben den Auswirkungen der Kurzarbeit ist hier eine zentrale Frage, wie (Vorstands-)Pensionen gegen Insolvenzen abgesichert sind.

Ruhe vor dem nächsten Sturm

In der zweiten Jahreshälfte dürfte auf Einheiten mit Schwerpunkt in der krisennahen Restrukturierung, darunter Kliemt, Görg oder White & Case, viel Arbeit zukommen. Auch gut aufgestellte mittelständische Einheiten wie Watson Farley & Williams oder AC Tischendorf erwarten anziehendes Geschäft. Der Kanzleimarkt selbst zeigte sich deutlich ruhiger als in den Vorjahren. So gab es nur eine Standorteröffnung in der Boutiquenszene (bei Pusch Wahlig in Hamburg).

Größere Teams wechselten gar nicht. Zwar zeigte sich viel Bewegung im Mittelbau, v.a. auf Counsel-Ebene, doch Partnerwechsel gab es nur wenige. Zuletzt verließ etwa Norton Rose Fulbright-Praxisgruppenleiterin Dr. Cornelia Marquardt im Juli 2020 die Kanzlei, um ihre Mandanten künftig in der Boutiquenstruktur von Maat zu beraten.

Den wohl aufsehenerregendsten Wechsel vollzog der ehemalige Allen & Overy-Partner Tobias Neufeld, der sich im Frühjahr 2020 Arqis anschloss. Unter neuer Flagge will er den zuvor in Eigenregie erprobten Ansatz einer ganzheitlichen Beratung für Unternehmen an den Schnittstellen von Personal, Daten und Technologie fortführen. Damit steht Neufeld für einen Beratungsansatz, der über das reine Arbeitsrecht hinausgeht und HR-Themen als Ganzes umfasst und von Mandanten zunehmend erwartet wird.

Der Stellenwert des Arbeitsrechts in größeren Kanzleien lässt sich weiter nicht pauschal beurteilen. Einige internationale Einheiten wie Pinsent Masons oder Linklaters bewiesen in den letzten Jahren durch Partnerernennungen oder die Rekrutierung renommierter Quereinsteiger, dass sie das Arbeitsrecht als substanziellen Bestandteil ihres Beratungsangebots betrachten. Norton Rose Fulbright bleibt indes mit nur einem arbeitsrechtlichen Partner in Hamburg zurück.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die Unternehmen in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber beraten und in Prozessen vertreten. Auf die Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsberatung spezialisierte Kanzleien sind in einer separaten Übersicht erfasst.


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