JUVE Kanzlei des Jahres

Bank- und Finanzrecht

Liquidität ist Trumpf

Im Mai 2020 stellte die EZB-Präsidentin Christine Lagarde ihrem Jahresrückblick eine besondere Bemerkung voran: „Dieser Überblick [...] wurde vor Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie fertiggestellt. Seither hat sich die wirtschaftliche Lage grundlegend geändert […]. Die EZB wird im Rahmen ihres Mandats alles tun, was erforderlich ist, um den Euroraum in dieser Krise zu unterstützen.“ Diese Aussage steht exemplarisch für die hoheitlichen Ansagen, die derzeit die Arbeit der Bank- und Finanzrechts-praxen erheblich beeinflussen. Eine Welle neuer (para-)staatlicher Eingriffe brach durch Corona über die Märkte hinweg.

Selten haben Geld- und Fiskalpolitik sowie die Aufsichtsbehörden so rasch und umfangreich auf einen Schock reagiert. Die BaFin ergriff wegen Corona zahlreiche aufsichtsrechtliche und regulatorische Maßnahmen zur Bankenaufsicht, Erlaubnispflicht, Versicherungs- und Wertpapieraufsicht. Die niedrigen Inflationsraten erleichtern den Notenbanken, sich dem Konjunktureinbruch entgegenzustemmen. Bei der Umsetzung der Maßnahmen sind die Berater quer durch alle Problemfelder vom Aufsichts- über das Kapitalmarkt- bis zum Kreditrecht gefordert. Zahlreiche Unternehmen nutzen die frischen Mittel, um sich Liquidität zu sichern, sei es für die Expansion oder die Krise, denn die Branchen sind unterschiedlich betroffen. Während die Reise- und Luftfahrtanbieter einen immensen Nachfragerückgang beklagen, freute sich die Konsumgüterindustrie ab Juni vereinzelt schon wieder über Wachstum. Besonders positiv entwickeln sich Zahlungsdienstleister sowie Cloud- und Softwareunternehmen.

Schlechtes Jahr für Börsengänge

Doch aufgrund des unsicheren Marktumfeldes lagen zahlreiche Transaktionen zwischen Februar und Mai 2020 auf Eis. Beispiel Eigenkapital: Schon 2019 war in Deutschland das schwächste Jahr für Börsengänge seit zehn Jahren. Im Frankfurter Prime Standard gab es nur drei Börsengänge. Das Emissionsvolumen sank trotz der Milliarden-IPOs von TeamViewer und Traton um fast 70% auf 3,6 Milliarden Euro. Erst im Mai erfolgt dann der erste Börsengang 2020 in Frankfurt mit Exasol, im Wachstumssegement Scale. Dabei stecken zahlreiche Großprojekte wie Wintershall Dea nicht nur in der Pipeline, sondern erfordern eifrige Beratung hinter den Kulissen des Parketts.

Die Kombination aus einer sich entspannenden Situation hinsichtlich Corona und dem politischen Willen zur Bewältigung der Krise löste im zweiten Quartal eine Erholung aus. Risikoreicheres Kapital geht wieder. Nach den Kursverlusten im ersten Quartal erholten sich auch die Märkte für Unternehmensanleihen. Riskantere Anlageklassen wie beispielsweise bedingte Pflichtwandler und Hochzinsanleihen kompensieren bereits große Teile ihrer vorangegangenen Verluste.

Keine Experimente in der Krise

Nicht nur die Anleger und IPO-Manager verhalten sich in der Krise risikoscheu, auch die Mandanten setzen für die schnelle Hilfe in existenzbedrohenden Situationen lieber auf bewährte Berater. Zeit für Experimente bleibt ihnen nicht, und Kanzleien, die nicht ohnehin viel Personal vorhalten, sind kurzfristig auch kaum in der Lage, große Teams zu formieren – zumal die meisten erst einmal mit vorsichtiger Personalpolitik auf die Krise reagieren.

Für den ersten Großkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau im April setzten die Beteiligten daher auf bekannte Kräfte der Marktspitze: Freshfields Bruckhaus Deringer berät Tui, Latham & Watkins die Banken sowie Clifford Chance und Linklaters das heftig geforderte staatliche Förderinstitut. Letztere beide sind in dieser Rolle dann auch bei der großen Rettungsfinanzierung der Lufthansa dabei, Freshfields seitens der Banken. Neben Hengeler Mueller beraten hier aber auch Kanzleien, die nicht immer in vorderster Front präsent sind: So kam White & Case für das Unternehmen und Hogan Lovells für die Finanzagentur des Bundes zum Einsatz. Diese beiden Mandate sind ein Beleg dafür, dass sich eine intensive und langfristige Beziehungspflege auch in der Krise auszahlt. Mit hochkarätigen Mandatierungen wie diesen könnten einige der Praxen von der Krise also sogar profitieren.

Alte Probleme nur verschoben

Doch die Arbeit der Rechtsberater, die vor der Krise wichtig war, ist nur vorübergehend in den Hintergrund gerückt. Viele Themen aus dem Jahr 2019 spielen weiterhin eine wichtige Rolle. So werden einige der alten Trends wieder stärker Beachtung finden, wenn sich die Konjunktur erholt – allen voran die Ausweitung der Regulierung auf immer weitere Nichtbanken. Einen Anteil daran haben nicht nur die BaFin, sondern auch der Aufschwung zahlungsähnlicher Dienstleistungen durch Fintech und der Skandal um Wirecard. Der technische Fortschritt führt dazu, dass sich immer mehr dieser neuen Player im Markt festsetzen, nicht nur als Pilotprojekte mit Lerneffekt, sondern zusehends als attraktive Mandatsverteiler.

Auch politisch induzierte neue Regeln wie ESG-Konformität ruhen lediglich eine Weile, bevor sie die Aufsichtsrechtler weiter beschäftigen. Die Niedrigzinsphase führt zu lockeren Kreditbedingungen. Weitere Zombieunternehmen, die unrentabel von billiger Liquidität leben, sind eine der Folgen. Nicht zuletzt sie werden den ohnehin durch den Strukturwandel vorhandenen Restrukturierungsbedarf wie etwa im Textileinzelhandel befeuern. Hinsichtlich der Beratung zu den Folgen des Brexit ist gerade in Frankfurt bei vielen Banken ebenfalls nur aufgeschoben, was nicht aufgehoben werden kann.


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