JUVE Kanzlei des Jahres

Compliance-Untersuchungen

Das große Warten

Abgesehen vom Wirecard-Skandal gab es in den vergangenen Monaten kaum große Compliance-Vorfälle. Geprägt war der Markt eher vom Warten. So war bei Redaktionsschluss noch immer offen, wann und in welcher Gestalt das Unternehmenssanktionsrecht in Kraft treten wird. Wirtschaft und Fachverbände nutzten im Frühjahr ihre Chance, um gegen den Entwurf zu Felde zu ziehen.

Wartezeiten verursachte im Frühjahr auch die Corona-Pandemie. Zum einen stellten die Staatsanwaltschaften zeitweise Vor-Ort-Ermittlungsmaßnahmen weitgehend ein, zum anderen lagen interne Untersuchungen auf Eis. Teilweise wechselten interne Befragungen zwar in den Videomodus, doch gerade bei heiklen Sachverhalten lässt sich das persönliche Gespräch kaum ersetzen. Zugleich rückte aber das Thema Geldwäsche in den Vordergrund. Zum Jahresanfang 2020 setzte Deutschland die 4. EU-Geldwäscherichtlinie um, der Beratungsbedarf bei Unternehmen stieg deutlich.

Wachwechsel schafft Vielfalt

Doch nicht nur diese Entwicklung bescherte den Kanzleien – trotz Corona-bedingter Zwangspause – viel Geschäft. Diesel- und Cum-Ex-Skandal sind nicht ausgestanden, und das kommende Unternehmenssanktionsgesetz erhöhte den Bedarf nach Unterstützung beim Aufbau von Compliance-Management-Systemen. Das Gesetz hat inzwischen etliche Kanzleien dazu veranlasst, strafrechtliches Know-how aufzubauen und damit den etablierten Einheiten Clifford Chance, White & Case oder DLA Piper Konkurrenz zu machen. Unter anderem Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller und Allen & Overy zogen nach.

Durch diese Aufrüstung und den sich wandelnden Bedarf an Compliance-Beratung hat sich die Macht im Markt verschoben. So sind US-Kanzleien mit kleinen deutschen Büros wie Governance-Vorreiterin Skadden Arps Slate Meagher & Flom oder Investigation-Pionierin Debevoise & Plimpton längst keine beherrschenden Kräfte mehr. Während sie zunächst vom Einzug der US-Gepflogenheiten hierzulande profitierten, mangelt es ihnen nun am personellen Ausbau. Einzig Gibson Dunn & Crutcher hat in ihr Team investiert und bleibt auch nach dem weitgehenden Übergang des Wirecard-Mandats auf Gleiss Lutz in internationale Untersuchungen involviert. Auch die US-Kanzlei Jones Day rückt nach personeller Erweiterung inzwischen auf. Umgekehrt ist in puncto US-Präsenz derzeit keine deutsche Kanzlei stärker als Pohlmann & Company: Die Übertragung des Monitorships für den schwedischen Konzern Ericsson durch das US-Justizministerium war der endgültige Beweis für ihre internationale Akzeptanz. Hierzulande holten hingegen breit und eher operativ orientierte Einheiten wie Pinsent Masons und primär mittelständisch ausgerichtete Kanzleien wie AGS Acker Schmalz oder GSK Stockmann auf. Weitere, darunter Dentons oder die hanseatische MDP Esche Schümann Commichau, gewinnen an Marktpräsenz. Sie alle eint, dass sie eher einen ganzheitlichen, strukturellen Compliance-Ansatz verfolgen. Die Auswahl ist also vielfältiger denn je, sollte sich nach der Corona-Krise zeigen, dass die wirtschaftliche Not das ein oder andere Unternehmen über die Grenze des Erlaubten hinausgetrieben hat.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die sich mit Aufbau und Überprüfung von Compliance-Strukturen, internen Untersuchungen bei Verdachtsfällen und akuten Krisensituationen fachübergreifend befassen. In einer separaten Übersicht werden Kanzleien erfasst, die primär in einem spezifischen Fachgebiet beraten. Hier skizzierte Vorwürfe gegen Unternehmen und Manager sind in der Regel nicht rechtskräftig festgestellt. Weitere Kanzleien, die sich mit einzelnen Aspekten von Compliance befassen, finden sich in den Kapiteln Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, Kartellrecht, Datenschutz, Vergabe- (v.a. drohende Vergabesperren), Gesellschafts- (u.a. Managerhaftung, Due Diligence), Arbeits-, Bank- und Finanz- und Versicherungsrecht (v.a. Aufsichtsrecht).


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