JUVE Kanzlei des Jahres

Konfliktlösung

Kein Kater nach dem Dieselrausch

Seit fünf Jahren hat der Dieselskandal nicht nur Autobauer und manche Zulieferer eisern im Griff, sondern auch Prozesskanzleien und die Justiz. Mehr als ein Drittel der JUVE Top 50 ist allein für die Abwehr von Kundenklagen von VW mandatiert – der Dieselkomplex ist der erste Streitfall, der buchstäblich Tausende von Prozessanwälten aus der ganzen Republik beschäftigt. Die finanzielle Dimension für die Branche macht nicht zuletzt eine Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft deutlich: Demnach haben Rechtsschutzversicherer, Stand Ende Mai dieses Jahres, 667 Millionen Euro für Anwalts-, Gerichts- und Gutachterkosten ausgegeben. Die Umsatzzuwächse der im Dieselkomplex mandatierten Beklagtenvertreter überstiegen nach einer JUVE-Erhebung 2019 die Durchschnittswerte der Top-50-Kanzleien um fast die Hälfte.

So traumhaft diese Prozesswelle sich auf das Geschäft vieler Kanzleien ausgewirkt hat und so albtraumhaft sie über die ohnehin überlasteten Gerichte hinwegrollte: Vieles deutet darauf hin, dass sie ihren Scheitelpunkt überschritten hat. Anfang des Jahres gelang in der Musterfeststellungsklage gegen VW, was viele nicht für möglich gehalten hatten: Das Unternehmen verglich sich mit einem großen Teil der rund 400.000 Anspruchsteller. Kurz darauf entschied der Bundesgerichtshof, dass Zehntausenden weiteren Klägern grundsätzlich Schadensersatz zusteht.

Nach der Musterklage kommt die europäische Sammelklage

Alles in allem steigt deshalb die Zahl der Vergleiche, während kaum noch neue Fälle hinzukommen. Zwar haben es auch andere Hersteller wie Daimler mit Kundenklagen im Zusammenhang mit Dieselmotoren zu tun, allerdings gilt unter dem Strich: Die oftmals mit Projektjuristen und befristet eingestellten Anwälten aufgeblähten Dieselteams in den Kanzleien schrumpfen wieder.

Viele Prozessspezialisten sind auf dem Markt, und auch ohne Abgasskandale wird ihnen die Arbeit nicht ausgehen. Dafür sorgen mehrere Großtrends. So hat sich im Zuge des Dieselkomplexes auch der Gesetzgeber bewegt: Nach der in Deutschland 2018 eingeführten Musterfeststellungsklage sollen nun europaweit Sammelklagen ermöglicht werden. So wird das häufig in Kapitalanlegermassenverfahren nach der Finanzkrise aufgebaute und im Zuge des Dieselskandals verfeinerte Know-how vieler Klägerkanzleien auf weiteren Feldern Anwendung finden: Datenschutz und Gesundheitsfragen etwa sind Themen, bei denen sich dies bereits andeutet. Dass die Bündelung von Ansprüchen zu durchschlagskräftigen Großklagen zuletzt Dämpfer vor Landgerichten erhielt, die dieses Modell für RDG-widrig halten, dürfte diese Entwicklung langfristig nicht aufhalten können.

Auch abseits von Massenklagen gibt es viel Arbeit für spezialisierte Prozessanwälte. Seit Jahren nimmt die Zahl der internen Untersuchungen zu. Nicht immer sind die Fälle ähnlich spektakulär wie der Absturz des einstigen Dax-Lieblings Wirecard – aber fast immer werden mehrere Kanzleien für die Aufarbeitung benötigt, weil zu diesen Komplexen viele Einzelakteure mit unterschiedlichen Interessen gehören. Bei Wirecard etwa hatte kurz nach dem Insolvenzantrag im Juni allein der ehemalige Vorstandschef fünf Kanzleien für diverse streitige Stränge mandatiert.

Zweierlei Zündstoff: Corona und Cum-Ex

Ein weiterer Unternehmensskandal, der Heerscharen von Beratern auf Trab hält, ist die Insolvenz der Maple Bank. Das kanadische Institut hatte sich exzessiv an Cum-Ex-Deals beteiligt – und war in den Abgrund gestürzt, nachdem eingeplante Steuererstattungen nicht kamen. Während sich die hinter der Bank stehenden Gesellschafter mit den deutschen Behörden inzwischen geeinigt haben und die entstandenen Schäden teilweise beglichen, gibt es auch hier viele Beteiligte, von denen die meisten mindestens einen Straf- und einen Zivilrechtler mandatiert haben. Und Maple ist nur ein besonders schlagzeilenträchtiger Fall.

Nach den Urteilen des Landgerichts Bonn im ersten Strafrechtsprozess um Cum-Ex gerät die zivilrechtliche Aufarbeitung des Skandals vollends ins Rollen. Diese Phase, in der die vielen für solche Deals erforderlichen Akteure untereinander über die Aufteilung des Schadens streiten, hatten viele Prozessexperten seit Jahren kommen sehen.

Schließlich gibt es auch noch Streitigkeiten, die niemand hat kommen sehen: Die Corona-Krise wirft zahllose komplizierte Fragen auf, da rund um die Welt Lieferbeziehungen und Projekte aus dem Takt geraten sind, und nun Beteiligte über die Schäden streiten. Auch Deals, die zwischen Signing und Closing im Lockdown stecken geblieben sind, beschäftigen Prozesspraxen intensiv. Viele dieser Streitigkeiten dürften vor Schiedsgerichten landen – und damit dem Feld der Streitbeilegung jenseits staatlicher Gerichte weiteren Zulauf bescheren. Schon ohne Corona sprachen die Zahlen eine deutliche Sprache: Die Zahl der jährlich neu begonnenen Schiedsverfahren bei der wichtigsten Institution ICC etwa steigt seit Jahren kontinuierlich auf zuletzt 869 Fälle im Jahr 2019.

Die Corona-Krise stoppt das Wachstum nicht

Die Praxen sind in Bewegung, weil einerseits bei Kanzleien wie Luther, Noerr und Heuking Kühn Lüer Wojtek die großen VW-Teams wieder schrumpfen und andererseits unabhängig vom Dieselprozessboom viele Einheiten neu entstehen oder sich verstärken. Zuletzt haben sich gleich zwei Großkanzleipartner in die Selbstständigkeit verabschiedet, die den Markt über viele Jahre geprägt haben: Prof. Dr. Rolf Trittmann verließ Freshfields Bruckhaus Deringer und Dr. Dorothee Ruckteschler CMS Hasche Sigle. Beide machten sich als Schiedsrichter selbstständig. Mit Eris Legal kam in Frankfurt eine neue Disputes-Boutique hinzu, während Pinsent Masons ihre Praxis in München mit gleich zwei Quereinsteigern von Freshfields ambitioniert ausbaute und Willkie Farr & Gallagher mit Zugängen von Cleary Gottlieb Steen & Hamilton gar den Aufbau einer eigenen Litigation-Praxis überhaupt erst in Angriff nahm. Auch andere US-Kanzleien haben ein Auge auf den deutschen Markt geworfen: Eine Milbank-Anwältin eröffnete für Lieff Cabraser Heimann & Bernstein deren erstes Büro in Europa – die Kanzlei ist in ihrem Heimatmarkt, wo sie Büros in San Francisco, New York und Nahville unterhält, wie Hausfeld bekannt für Sammelklagen gegen Unternehmen.

Dass auch der Dieselkomplex trotz rückläufiger Fallzahlen bei VW Prozessanwälte noch lange beschäftigen wird, zeigt unter anderem die inzwischen auch bei Daimler deulich vierstellige Zahl an Verfahren – auch in diesem Fall lässt sich die Flut von Verhandlungsterminen längst nicht mehr von einer einzelnen Kanzlei bewältigen. Neben Latham & Watkins und White & Case sind dort inzwischen unter anderem CMS Hasche Sigle und, nach dem Wechsel des Latham-Partners Dr. Markus Rieder dorthin, Gibson Dunn & Crutcher mandatiert.

Die folgenden Bewertungen behandeln Kanzleien, die bei der Beilegung von Konflikten in unterschiedlichen Streitformen beraten, sowohl vor staatlichen als auch vor Schiedsgerichten. Dazu zählen etwa sog. Commercial Litigation, Post-M&A-, Produkthaftungs- sowie gesellschaftsrechtliche Streitigkeiten.

Spezialisten für Schiedsverfahren und die BGH-Vertretung sind in separaten tabellarischen Übersichten dargestellt. Auch in anderen Fachkapiteln finden sich Ausführungen zur Prozesskompetenz, darunter Vertrieb/Handel/LogistikArbeits-GesellschaftsrechtMarken- u. Wettbewerbs-, Versicherungs-, Vergabe-, Kartell-, Immobilien- u. Bau- u. Wirtschafts- und Steuerstrafrecht sowie Insolvenz und Restrukturierung. Mit der Vertretung vor den europäischen Gerichten befassen sich u.a. die Kapitel Brüssel u. Außenhandel.


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