STüCK FüR STüCK: CENTERBRIDGE-GESELLSCHAFT GEWINNT RENNEN UM US-GESCHäFT VON WIRECARD

Wirecard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé verkauft die US-Tochter Wirecard North America an die US-Holding Syncapay, eine Gesellschaft mehrerer Investoren. Deren Mehrheitseigentümerin ist das Private-Equity-Haus Centerbridge. Der Kaufpreis liegt nach Medienberichten bei rund 300 Millionen Euro.

Sascha Leske

Sascha Leske

Wirecard North America gibt Prepaid-Kreditkarten heraus und war bis 2016 Teil der Citibank-Gruppe. Zukünftig soll das Unternehmen aus Philadelphia unter dem Namen North Lane Technologies am Markt agieren.

Käuferin ist die US-Holding Syncapay, der mehrere Zahlungsdienstleister gehören, darunter der 2017 gekaufte Dienstleister daVinci. Finanziert wurde der Kauf von einem Fonds von Centerbridge Partners. Dieser sicherte sich in einer zweiten Transaktion auch die Mehrheitsanteile an Syncapay, an der auch Bain Capital, Silversmith Capital, MissionOG und NYCA beteiligt sind. 

Nach JUVE-Informationen gab es noch zahlreiche weitere Kaufinteressenten für die Wirecard-Tochter, unter ihnen J.C. Flowers, HIG und Paysign.

Der Verkauf der Wirecard-Teile geht Stück für Stück voran. Im August wurden beispielsweise das brasilianische und das englische Geschäft verkauft, und auch die Veräußerung des deutschen Kerngeschäfts der AG soll sich auf der Zielgeraden befinden.

Berater Syncapay/Centerbridge
Kirkland & Ellis (New York): Maggie Flores (Federführung), Peter Martelli, Robert Pohlus, Dr. Benjamin Leyendecker (München; alle Corporate /M&A), Wolfgang Nardi (München), Judson Oswald (beide Finanzierung), Michael Beinus, Polina Libermann (Chicago; beide Steuerrecht); Associates: Ann-Kathrin Ziegler (Restrukturierung; München), Dr. Sebastian Häfele (München), Jonathan Dhanawade (Chicago; beide Corporate/M&A)

Benjamin Leyendecker

Benjamin Leyendecker

Berater Insolvenzverwalter Wirecard AG Dr. Michael Jaffé
Jaffé (München): Dr. Michael Schuster, Dr. Lothar Czaja (beide Insolvenzrecht)
Noerr (München): Dr. Florian Becker (Corporate/M&A), Dr. Sascha Leske (New York; beide Federführung), Prof. Dr. Christian Pleister (Berlin; beide Private Equity), Dr. Torsten Kraul (IT; Berlin), Dr. Christoph Rieken (IP), Dr. Kathrin Westermann (Kartellrecht; Berlin), Robert Korndörfer; Associates: Johannes Pfeiffer, Aleksandra Vujinovic (Frankfurt; alle Corporate/M&A), Hannes Butz (Bank- und Finanzrecht; Frankfurt), Hannah Lee-Wunderlich (Private Equity; New York) 
Ropes & Gray (New York): Bob Rivollier (Private Equity), Matt Jacobson; Associate: Tristan Evans-Wilet (Steuerrecht)

Hintergrund: Käuferberaterin Kirkland beriet nach JUVE-Informationen gleich mehrere Kaufinteressenten und so auch Centerbridge, die gleichzeitig die Mehrheitsanteile an Syncapay erwarb. Aufgrund der Vorwürfe gegen die Wirecard AG fiel die Due Diligence bei der amerikanischen Tochter sehr umfangreich aus, dabei wurde Kirkland in regulatorischen Fragen von der amerikanischen Boutique Schulte Roth & Zabel unterstützt.

Auch Noerr setzte auf eine grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ihrer Büros in Deutschland und den USA. Der Kaufvertrag wurde zwar nach deutschem Recht geschlossen, trägt jedoch starke amerikanische Züge, weshalb sich Noerr zusätzlich Anwälte der US-Kanzlei Ropes & Gray hinzuholte.

Kaufinteressent J.C. Flowers wurde nach Marktinformationen von Hengeler Mueller und Weil Gotshal & Manges beraten, HIG Capital setzte auf ein Team von Skadden Arps Slate Meagher & Flom und Paysign mandatierte Greenberg Traurig. (Michael Forst, Christiane Schiffer; mit Material von dpa)

Der Streit um die Verwendung des berühmten Markennamens ‚Testarossa‘ hat eine weitere Runde vor dem EuGH gedreht. Die Luxemburger Richter sollten entscheiden, ob Ferrari die Marke Testarossa „ernsthaft“ nutzt. Oder ob sie gelöscht werden darf, wie die Nürnberger Spielzeugfirma Autec fordert. Autec möchte nämlich eigene Produkte mit dem Namen ‚Testarossa‘ auf den Markt bringen. Der EuGH hat nun einen Rahmen gesteckt, was er unter dem Begriff „ernsthaft nutzen“ versteht, und ansonsten die Entscheidung zurückgespielt ans Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf (Az. C‑720/18 und C‑721/18).

Rüdiger Pansch

Rüdiger Pansch

Grundsätzlich gilt, dass für den Fortbestand von Markenrechten diese Marken auch genutzt werden müssen. Das Ferrari-Modell ‚Testarossa‘ gehört zu den bekanntesten Marken des Autoherstellers, allerdings stellten die Italiener die Produktion des Kultsportwagens vor über 20 Jahren ein. Der Nürnberger Unternehmer Kurt Hesse ist Vorsitzender der Spielzeugfirma Autec und neuer Inhaber der Marke Testarossa. Er stellte einen Antrag auf Löschung der alten Testarossa-Marke von Ferrari, weil der Autohersteller diese nicht benutzen würde.

Das Landgericht (LG) Düsseldorf urteilte 2017 zunächst, Ferrari nutze seine Marke nicht ausreichend, dagegen legte Ferrari Berufung beim OLG ein. Dieses legte wiederum dem EuGH sechs Fragen vor. Unter anderem wollten die Düsseldorfer Richter wissen, ob eine Marke schon dann genutzt wird, wenn der Markeninhaber gebrauchte (und damit erschöpfte) Waren vertreibt. Im Fall Ferrari sind das beispielsweise Gebrauchtwagen. Der EuGH entschied nun: Ja, in diesem Fall ist eine ernsthafte Benutzung anzunehmen.

Mario Krogmann

Mario Krogmann

Außerdem führte der EuGH zum Begriff ernsthafte Nutzung Folgendes aus: Man kann eine Marke auch nur für einen kleinen Bereich einer eingetragenen Warengruppe nutzen und behält trotzdem alle Rechte für die gesamte Warengruppe. Zum Beispiel: Testarossa ist als Marke für die große Warengruppe Autos und Autoteile angemeldet, wird aber nur für das schmale Segment Luxusauto genutzt. Nach Argumentation des EuGH strahlt diese Nutzung aber dann auf die gesamte Warengruppe aus.

Doch die Beweislast dafür, dass die Marke im Sinne dieser Bestimmungen ernsthaft genutzt wird, hat das Gericht komplett dem Markeninhaber und somit Ferrari auferlegt. Diese Schlacht wird dann erneut am OLG Düsseldorf ausgetragen, das die vom EuGH konkretisierten Bestimmungen anwenden muss.

Vertreter Kurt Hesse/Autec
Blaum Dettmers Rabstein (Hamburg): Dr. Mario Krogmann (IP)

Vertreter Ferrari
Rospatt Osten Pross (Düsseldorf): Dr. Rüdiger Pansch (Markenrecht), Hetti Hilge; Associates: Dr. Simon Klopschinski, Dr. André Sabellek (alle IP)

Europäischer Gerichtshof, 4. Kammer
Michail Vilaras (Kammerpräsident), Nuno Piçarra, Daniel Šváby, Siniša Rodin, Küllike Jürimäe (alle Richter), Evgeni Tanchev (Generalanwalt), Alfredo Calot Escobar (Kanzler)

Hintergrund: Die Vertreter waren für ihre Mandanten bereits vor dem LG Düsseldorf im Einsatz. Auf den Hamburger Blaum Dettmers-Partner Krogmann setzt Autec-Inhaber Hesse bereits seit einigen Jahren. Bekannt ist auch, dass Pansch, Partner der Düsseldorfer IP-Prozesskanzlei Rospatt, Ferrari schon länger in diversen Verfahren vertritt. So war er für seine Mandantin auch 2014 in einem Markenstreit gegen den Kleiderdiscounter Kik vor dem Düsseldorfer Landgericht tätig. (Helena Hauser)

Die MV-Werften erhalten einen Brückenkredit in Höhe von 193 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsstabilisationsfonds (WSF) des Bundes. Die Finanzierung ist aber nur der erste Schritt für die Schiffsbauer, um ihr durch Corona angeschlagenes Geschäft zu stabilisieren. Mit einem Darlehen direkt aus dem WSF kam ein bislang selten genutztes Stabilisierungsinstrument zum Einsatz.

Sabine Vorwerk

Sabine Vorwerk

Kreditgeber ist die Finanzagentur der Bundesrepublik, die für diesen Kredit auf den Wirtschaftsstabilisationsfonds zurückgriff. Es handelt sich dabei um ein Nachrangdarlehen, das durch eine Anschlussfinanzierung abgelöst werden soll. Ob es eine Anschlussfinanzierung geben wird, hängt von einem Sanierungsgutachten ab, das von Ernst & Young erstellt wird. Sollte eine Anschlussfinanzierung nicht möglich sein, so wird nach JUVE-Informationen die Rückzahlung zeitnah fällig.

Die Summe der Brückenfinanzierung ist in zwei Teile aufgeteilt. Ein Teil in Höhe von 80 Millionen Euro soll den laufenden Geschäftsbetrieb bis einschließlich März 2021 sichern, der andere steht zur Fertigstellung des Kreuzfahrtschiffs Chrystal Endeavour zur Verfügung.

Anders als bei den bisherigen Staatshilfen für Tui oder Lufthansa ist der WSF nicht bloß Garantiegeber. Nötig war dies aufgrund der fehlenden Finanzierungsstruktur bei den MV-Werften. Auch eine staatliche Beteiligung an der MV-Werft wird es in diesem Fall nicht geben, anders als bei der Lufthansa.

Die MV-Weften verfügen über drei deutsche Standorte – Rostock, Stralsund und Wismar – an denen rund 3.000 Mitarbeiter beschäftigt sind. 2016 übernahm die malaysische Genting Gruppe die drei deutschen Werften. Seitdem werden schwerpunktmäßig Kreuzfahrtschiffe für den asiatischen Markt gebaut. Der coronabedingte Einbruch der Reisebranche führte bei den Werften zu finanziellen Engpässen.

Christian von Lenthe

Christian von Lenthe

Berater MV-Werften
Inhouse MV-Werften (Wismar): Oliver Behrendt (General Counsel)
Inhouse Genting Gruppe (Hongkong): Mona Lai (General Counsel)
Linklaters (Frankfurt): Dr. Sabine Vorwerk (Insolvenzrecht/Restrukturierung), Stephan Oppenhoff (Corporate/M&A; beide Federführung), James Warboys (Insolvenzrecht/ Restrukturierung), Christopher Yip (Corporate; beide Hongkong), Michal Hlásek (Bankrecht), Dr. Timon Grau (Düsseldorf), Dr. Peter Guminor (beide Arbeitsrecht), Tobias Klupsch (Insolvenzrecht/Restrukturierung), Lucy Reeve (Corporate; London); Associates: Jessica Haereke, Dr. Julian Dust (beide Insolvenzrecht/Restrukturierung), Philipp Oehlerking, Alexander Krieg (beide Corporate/M&A), Dr. Katharina Fischer (Hamburg), Dr. Marc Reuter (Düsseldorf; beide Arbeitsrecht)

Berater Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur
Inhouse Recht (Frankfurt): Bernd Giersberg (Bereichsleiter Recht und Privatkundengeschäft), Dr. Arnd Düker (Syndikus)
CMS Hasche Sigle (Hamburg): Dr. Christian von Lenthe (Federführung), Dr. Henrik Drinkuth, Shirley Lau (Hongkong; alle Corporate/M&A), Dr. Thomas de la Motte (Bank- und Finanzrecht), Joachim Kühne (Insolvenzrecht/Restrukturierung; Frankfurt), Dr. Michael Bauer (Kartellrecht/EU-Recht; Brüssel), Dr. Jost Kienzle (Maritimes Wirtschaftsrecht), Dr. Hermann Müller (Öffentliches Recht); Associates: Dr. Frederike Volkmann (Corporate/M&A), Verena Finke, Dr. Dennis Ivanovic (beide Bank- und Finanzrecht), Mina Kruse, Helmer Krane (beide Kartellrecht/EU-Recht; beide Brüssel), Florian Kuhlmann (Öffentliches Recht)

Bernd Giersberg

Bernd Giersberg

Hintergrund: Linklaters berät die MV-Werften und die Genting Gruppe neben der Brückenfinanzierung auch zum Insolvenz-, Arbeits-, und Gesellschaftsrecht. Dabei setzt sie auf ein Team aus Deutschland und Hongkong. Linklaters begleitete die Genting Gruppe bereits 2016 bei der Übernahme der MV-Werften, woraus sich eine stabile Mandatsbeziehung entwickelte, die mehrere Rechtsgebiete umfasst.

Aufseiten der Finanzagentur steht CMS, die ebenfalls mit einem grenzüberschreitenden Team aus deutschen und Hongkonger Anwälten berät. Für den Leiter der WSF-Rechtsabteilung, Giersberg, dem wie üblich eine wichtige Rolle bei den Gesprächen zufiel, ist es dieses Jahr nicht die erste Verhandlung zu Staatshilfen aus dem WSF. Er saß bereits bei Tui und Lufthansa mit am Verhandlungstisch.

Das Sanierungsgutachten, an das eine mögliche Anschlussfinanzierung geknüpft ist, wurde von den MV-Werften bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY in Auftrag gegeben. Verantwortlich ist hier der Hamburger Partner Dr. Gunnar Gerig. (Michael Forst, Sonja Behrens)

Die Augsburger Hessing Stiftung, Trägerin der Hessing Kliniken, hat Roland Kottke (52) zu ihrem neuen Direktor ernannt. Der Jurist, der zuvor als Vorstandsmitglied des Frankfurter Gesundheitsunternehmens Agaplesion unter anderem das Personalressort verantwortete, tritt den neuen Posten Anfang November an.

Roland Kottke

Roland Kottke

Kottke begann seine berufliche Laufbahn 1996 in der Kölner Kanzlei Strauch Schuster & Partner. Es folgten Stationen bei Kabel Deutschland, wo er von 2001 bis 2008 Chefsyndikus war, sowie als Prokurist bei den Gesundheitskonzernen Sana und Rhön. Das Thema Personal war stets ein Schwerpunkt dieser Tätigkeiten. Bei der Hessing Stiftung löst Kottke Dr. Michael Hofmann ab, der den Direktorenposten von Mai 2020 an interimsweise ausgefüllt hatte.

Die Hessing Kliniken gehören mit 10.000 Operationen jährlich nach eigenen Angaben zu den größten orthopädischen Fachkliniken deutschlandweit. Zusätzlich zu den Kliniken betreibt die Hessing Stiftung weitere medizinische sowie pädagogische Einrichtungen, wie Sanitätshäuser, ein Therapiezentrum und ein Förderzentrum für Kinder und Jugendliche. (Johanna Heidrich)

Die Digitalisierung einer Rechtsabteilung stellt Teamleiter vor neue Herausforderungen. Und dies gilt umso mehr, wenn die Digitalisierung auf einmal viel schneller gehen muss, als eigentlich geplant. JUVE sprach mit Sebastian Köhler, General Counsel bei Grünenthal Pharma, über die neuen Arbeitsweisen und ob Radio „General-Counsel“ nun den Flurfunk ersetzt.

Sebastian Köhler

Sebastian Köhler

JUVE: Herr Köhler, in Ihrer Rechtsabteilung sprechen Sie vom „neuen digitalen Normal-zustand“. Was meinen Sie damit genau?
Sebastian Köhler
: Für uns ist die Zeit der Analyse von digitaler und virtueller Zusammenarbeit abgeschlossen, und Legal Operations ist schon längst bei uns im Team angekommen. Wir haben uns daran gewöhnt, Soft- und Hardwarelösungen einzusetzen, um als Team weiter bestehen zu können. In vielen Fällen hat die Kombination verschiedener digitaler Lösungen zu einer erleichterten Zusammenarbeit geführt. Am Ende war und ist es ein fortwährender und ganz klassischer Changeprozess hin zu gelebter digitaler Zusammenarbeit.

War die Corona-Situation dafür Auslöser oder eher Katalysator?
Das war sicher der Katalysator. Wir haben bei Grünenthal weit vor Corona begonnen, unsere Zusammenarbeit virtuell zu professionalisieren. Ich selbst führe ein internationales Team, das auf drei Kontinenten verteilt ist, und die digitale Integration war immer Teil der Rechtsabteilung. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, unter dem neue technische Lösungen im intensiven Arbeitsalltag bestehen müssen.

Gibt es denn tatsächlich nur Vorteile?
Natürlich nicht. Durch Corona sind auch neue Herausforderungen durch ein überwiegend virtuell arbeitendes Team entstanden.

Welche sind das?
Vor allem verändert sich natürlich die Art, wie Teams geführt werden. Das Wichtigste ist, dass man in engem Kontakt bleibt. Ich habe zweimal in der Woche morgens Legal Check-ins eingerichtet. Das sind kurze fünf- bis zehnminütige virtuelle Meetings, in denen ich über die aktuelle Situation bei Grünenthal oder sonstige tagesaktuelle Themen spreche. Ich pflege hier bewusst einen informellen Umgang, um das zufällige persönliche Gespräch auf dem Flur zu ersetzen. Mein Team sagt mir, dass dieses ‚General-Counsel-Radio‘ gut ankommt. Viele Teammitglieder nutzen die Check-ins, um sich direkt im Anschluss untereinander auszutauschen.

Zweimal die Woche virtuelle Zehn-Minuten-Meetings mit Durchsagen vom Chef reichen aus?
Das ist natürlich nur ein Baustein. Wir haben zudem noch den virtuellen Kaffee eingeführt. Das sind regelmäßige Einzelgespräche mit meinen Teammitgliedern. Hier ist es nach meiner Erfahrung wichtig, dass man sich mindestens 15 Minuten Zeit nimmt und dem anderen wirklich zuhört. Auch die Kamera sollte bei solchen Treffen eingeschaltet sein, und es schadet auch nicht, ein Getränk zur Hand zu haben, um nicht eine allzu künstliche Situation entstehen zu lassen. Diese Kleinigkeiten sind es, die die persönliche Bindung erhalten. Das bildet für mich die Basis der digitalen Zusammenarbeit.

Kann man digital genauso gut führen wie im persönlichen Kontakt?
Legal OperationsWenn Sie so zugespitzt fragen: nein. Natürlich kann man digital auch gut führen, aber der persönliche Kontakt ist unerlässlich. Nehmen wir zum Beispiel das Feedback. Konstruktive Rückmeldungen sollten nicht über E-Mail oder Chatnachrichten erfolgen. In vielen Fällen kann man sich heute aber bestenfalls leider nur in einer Videokonferenz treffen, in der man Körpersprache nur eingeschränkt wahrnimmt. Ich als Führungskraft muss dann umso mehr die Basics für das Geben und Nehmen von Feedback einhalten. Für die Inhalte nutze ich als Faustformel die ‚5:1-Regel‘, wonach der Empfänger bei überwiegend positiven Rückmeldungen für den einen kritischen Punkt empfänglicher ist und die Punkte dann auch eher umsetzt.

Das Gespräch führte Norbert Parzinger.

Das Interview stammt aus dem aktuellen JUVE Rechtsmarkt Ausgabe 11, der gerade erschienen ist.

Das Kartellverfahren gegen Großhändler von Pflanzenschutzmitteln hat ein ungewöhnliches Nachspiel: Der Münchner Agrarhandelskonzern BayWa hat eine Amtshaftungsklage gegen das Bundeskartellamt eingereicht (Az. 1 O 201/20). Wegen der Verletzung von rechtsstaatlichen Verfahrensregeln und Grundrechten fordert BayWa mehr als 70 Millionen Euro Schadensersatz. Nun kam es zur mündlichen Verhandlung am Landgericht Bonn.

Wolfgang Deselaers

Wolfgang Deselaers

Es ist erst das zweite Mal, dass das Bundeskartellamt sich einer solchen Amtshaftungsklage gegenübersieht. Die Vorwürfe sind heftig und waren im Vorfeld auch schon Gegenstand einer internen Aufklärung in der Behörde. Deshalb ist dem Prozess viel Aufmerksamkeit sicher.

Dabei sei der Sachverhalt zu weiten Teilen unstreitig, wie der Vorsitzende Richter Stefan Bellin zur Einstimmung auf die Verhandlung zusammenfasste. Kern und Auslöser des Streits ist ein Telefonanruf des Bundeskartellamtes bei drei Pflanzenschutzmittelhändlern. Zwei von ihnen machten innerhalb weniger Stunden von der sogenannten Bonusregelung Gebrauch, die Kartellanten die Möglichkeit eröffnet, als Kronzeugen einem Kartellbußgeld zu entgehen. BayWa erhielt einen solchen Anruf nicht und stimmte nach dem Kartellverfahren erst Anfang 2020 einem Bußgeld zu.

Tatsächlich standen in der Verhandlung am Landgerichts Bonn allein komplexe Rechtsfragen aus dem Zusammenspiel von Strafprozessordnung, Grundgesetz und Bonusregel des Bundeskartellamts im Mittelpunkt der Diskussion.

BayWa sieht in der Entscheidung, nur bestimmte Unternehmen anzurufen, eine willkürliche und den Gleichheitsgrundsatz verletzende Entscheidung. Obendrein seien die Anrufe dadurch motiviert gewesen, genügend Fakten für eine Verfahrenseröffnung zu ermitteln.

Das Kartellamt dagegen argumentiert, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Telefonanrufen und den Bußgeldern gibt. Denn nicht der unterbliebene Anruf bei BayWa sei der Grund für das Bußgeld gewesen, sondern das ihr zuzurechnende kartellrechtswidrige Verhalten in Form von Preislistenabsprachen.  

Das Gericht wiederum stellte seine Überlegung in den Raum, ob ein Verfahrensfehler nach Paragraf 136a Strafprozessordnung (StPO) nicht eher mit einer Verfahrensbeschwerde zu korrigieren gewesen sei, als durch das Mittel einer Staatshaftungsklage. Eine gütliche Einigung schloss das Bundeskartellamt aus. Die Kammer will nun über die in der Verhandlung ausgetauschten Argumente erneut beraten und Anfang Dezember eine Entscheidung verkünden.

Andreas Rosenfeld

Andreas Rosenfeld

Vertreter BayWa
Cleary Gottlieb Steen & Hamilton (Köln): Dr. Wolfgang Deselaers (Kartellrecht); Dr. Rüdiger Harms (Konfliktlösung)
Inhouse Recht (München): David Merz (General Counsel)

Vertreter Bundeskartellamt
Redeker Sellner Dahs (Bonn): Dr. Andreas Rosenfeld (Kartellrecht), Dr. Matthias Kottmann (Öffentliches Recht; Berlin), Dr. Daniel Neuhöfer (Strafrecht), Prof. Dr. Peter-Andreas Brand (Konfliktlösung; Berlin)
Inhouse (Bonn): Dr. Jörg Nothdurft (Leiter Abteilung für Prozessführung und Recht), Markus Rauber

Landgericht Bonn, 1. Zivilkammer
Stefan Bellin (Vorsitzender Richter), Dr. Andrea Schlütter, Katja Becker

Hintergrund: Schon im Rahmen des Kartellverfahrens hatte BayWa auf ein Team des Kölner Cleary-Büros gesetzt. Nachdem die Amtshaftungsklage ins Haus kam, führte das Bundeskartellamt ein Auswahlverfahren durch, um sich Rechtsvertreter für den Prozess auszusuchen. Dem Vernehmen nach hatten sich etliche Kanzleien um das Mandat bemüht, bis die Entscheidung für das Redeker-Team fiel.

Mit Deselaers und Rosenfeld haben beide Parteien hoch anerkannte Kartellrechtsspezialisten an ihrer Seite. Das Cleary-Team aus Deselaers und Litigation-Counsel Harms arbeitet auch in anderen Prozessen mit kartellrechtlicher Komponente eng zusammen. Zum Redeker-Team zählen mit Kottmann und Neuhöfer zwei Counsel, die die im Rahmen der Amtshaftungsklage bedeutsamen Schnittstellen zum Öffentlichen Recht und dem Strafrecht abdecken. Bei der Verhandlung wurde bekannt, dass BayWa mehrere Gutachten namhafter Rechtswissenschaftler zur Untermauerung ihrer Argumentation vorgelegt hatte. So etwa vom ehemaligen Richter am Bundesgerichtshof, Prof. Dr. Dr. Joachim Bornkamm, dem Verfassungsrechtler Prof. Dr. Thomas Mayen (Dolde Mayen; Bonn) und dem Strafrechtler Prof. Dr. Frank Saliger (LMU München, of Counsel bei Tsambikakis). (Antje Neumann)

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