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06.07.2018

Abfallwirtschaft: Schwarz-Gruppe kauft mit Noerr westfälischen Entsorger

Die Lidl-Mutter Schwarz steigt in den Entsorgungsmarkt ein. Sie kauft nach einem Bieterwettstreit das westfälische Familienunternehmen Tönsmeier, fünftgrößter Müllentsorger Deutschlands, und wirbelt damit die aufgescheuchte Abfallbranche weiter auf.

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Florian Becker

Neben zahlreichen strategischen Investoren wie Remondis, Veolia und Alba beteiligten sich nach JUVE-Informationen auch Fondsgesellschaften an dem Bieterverfahren.

Tönsmeier ist einer der größten Player auf dem sehr kleinteiligen Markt. Er beschäftigt an 70 Standorten in Deutschland, Polen und den Niederlanden mehr als 3.000 Mitarbeiter. 2017 stieg der Umsatz der Gruppe um 13 Prozent auf rund 500 Millionen Euro. Die Transaktion, über deren finanzielle Rahmenbedingungen nichts bekannt ist, steht noch unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Genehmigung. Diese dürfte wegen der geringen Marktanteile von Greencycle aber kaum Probleme aufweisen.

Die Tochter der Schwarz-Gruppe war bisher allein für die Sammlung und das Recycling von Wertstoffen verantwortlich, die in den Filialen und Logistikbetrieben von Lidl und Kaufland anfielen. Mit dem Zukauf sichert sich Schwarz nun die gesamte Kette der Abfallbehandlung und -entsorgung bis hin zu Verbrennungsanlagen.

Als finanzkräftiges familiengeführtes Unternehmen mit hoher Eigenkapitalquote entwickelt sich die Schwarz-Gruppe durch die Transaktion zu einem integrierten Einzelhandels- und Entsorgungskonzern und somit zu einem Akteur, der den Markt mit weiteren Investitionen durchaus nachhaltig verändern kann. Tönsmeier weist nach eigenem Bekunden einen Investitionsstau von rund 150 Millionen Euro auf. Dazu kommt, dass der Weg für Plastikmüll nach Asien geschlossen ist, was weitere Investitionen in Verwertungsanlagen nötig macht.

Gekommen, um zu bleiben?

Weil regulatorische Neuerungen anstehen, wird der Markt zukünftig wieder interessanter. Zum Jahreswechsel löst das Verpackungsgesetz die seit 1991 geltende Verpackungsverordnung ab. Das Verpackungsgesetz regelt höhere Quoten für die Wiederverwertung von Verpackungen, weswegen sich Investitionen rechnen könnten. 

Aus Sicht von Schwarz dürfte nun noch ein letzter Baustein für die weitere Entwicklung des Konzerns zum integrierten Einzelhandels- und Entsorgungskonzern fehlen: Greencycle muss ein duales System werden.

Als duales System übernähme die Gesellschaft auch Rücknahme- und Verwertungspflichten nach dem neuen Verpackungsgesetz. Als Anbieter könnte die Schwarz Lizensierungskosten sparen: Erzeuger von Verpackungsabfällen wie Lidl und Kaufland müssen die Abfallmengen lizensieren lassen, die sie an die Systemanbieter weiterreichen. Diese Kosten ließen sich mit einem Anschluss an ein Duales System senken.

Gerüchten zufolge war Schwarz auch schon an dem Bonner Systemanbieter Europäische Lizensierungssysteme (ELS) interessiert, der im März Insolvenz angemeldet hatte. Seit Anfang Juni muss der Insolvenzverwalter das Unternehmen abwickeln, weil er keinen Käufer gefunden hat.

Berater Schwarz-Gruppe/Greencycle
Noerr (München): Dr. Florian Becker (Federführung), Dr. Maurice Séché (Düsseldorf; beide Corporate/M&A), Agnieszka Besiekierska (Digital Business; Warschau), Dr. Alexander Jänecke (Immobilienrecht; Frankfurt), Christian Mayer (Energierecht), Arkadiusz Ruminski (Corporate/M&A; Warschau), Dr. Wolfgang Schelling (Arbeitsrecht), Dr. Ralph Schilha (Corporate/M&A), Dr. Tim Uschkereit (Regulierungsrecht), Dr. Nikolai Warneke (Bank- und Finanzrecht; Frankfurt); Associates: Bernd Bäumer (Immobilienrecht; Frankfurt), Dr. Benjamin Jahn (Arbeitsrecht), Klaudyna Lichnowska (Bank- und Finanzrecht; Frankfurt), Maciej Gorgol (Immobilienrecht; Warschau), Marijke van der Most (Arbeitsrecht; Frankfurt), Dr. Carl-Wendelin Neubert (Regulierungsrecht; Berlin), Pawel Radek (Arbeitsrecht, Warschau), Susanne Rummel (Kapitalmarktrecht), Hendrik Schlutt (Regulierungsrecht; Dresden), Bianca Sterly (Corporate/M&A, Düsseldorf), Pinar Turkac (Bank- und Finanzrecht), Franziska Zahoranky (Immobilienrecht; beide Frankfurt)
PricewaterhouseCoopers (Frankfurt): Jürgen Scheidsteger – aus dem Markt bekannt
Inhouse Recht (Heilbronn): Dr. Georg Heiß (Leiter M&A) – aus dem Markt bekannt
Inhouse Steuern (Heilbronn): Marcus Hillen – aus dem Markt bekannt

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Markus Friedl

Berater Tönsmeier
Dechert (Frankfurt): Sven Schulte-Hillen, Dr. Markus Friedl (beide Federführung; Corporate/M&A), Clemens Graf York von Wartenburg (Kartellrecht); Associate: Gottfried Graf von Bassewitz, Thirith von Döhren (beide Corporate/M&A)
Brandi (Detmold): Dr. Helmut Dröge, Dr. Bernhard König (beide Corporate/M&A), Prof. Dr. Martin Dippel (Umweltrecht; Paderborn)
Consultgollan (Krefeld): Karin Gollan (Kartellrecht)
Baker Tilly (Dortmund): Alexandra Sausmekat (Steuern)
Inhouse Recht (Porta Westfalica): Michael Tomasch (Rechtsabteilungsleiter)

Berater Veolia (Bieter)
Esche Schümann Commichau (Hamburg) – aus dem Markt bekannt

Berater Alba (Bieter)
Baker McKenzie (Berlin) – aus dem Markt bekannt

Hintergrund: Noerr pflegt gute Kontakte zur Schwarz-Gruppe. Zuletzt beriet ein großes M&A-Team um Reger auch die Dieter-Schwarz-Stiftung bei einem Vertragsschluss mit der TU München über 21 Stiftungsprofessuren. Auch im öffentlichen Wirtschaftsrecht an der Schnittstelle zum Abfallrecht sind Kontakte marktbekannt.

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Karin Gollan

Tönsmeier setzt bereits seit 20 Jahren regelmäßig in den Bereichen Gesellschaftsrecht, Arbeitsrecht, Vergaberecht und Umweltrecht auf die ost-westfälische Kanzlei Brandi. Beim Verkauf des Familienbetriebs erstellte sie ein Legal Fact Book. Brandi war in der Vergangenheit bei einer Vielzahl von Übernahmen mandatiert. Das gilt auch für die Kartellrechtlerin Gollan. Die auf die Abfallwirtschaft spezialisierte Kartellrechtlerin war 10 Jahre beim Bundeskartellamt tätig, bevor sie sich selbstständig machte. Zu ihren Mandanten gehörte auch Alba. Das Berliner Unternehmen beriet sie 2007 beim Kauf der EnBW-Abfalltochter U-plus.

Für die Vertragsverhandlungen mit dem erfolgreichen Bieter Greencycle mandatierte Tönsmeier-CFO Mathias Stürmer allerdings ein Frankfurter Dechert-Team. Dieses war erstmals beim Verkauf des mit Lumaro geführten Joint Ventures ‚Waste Paper Trade′ in den Niederlanden für Tönsmeier im Mandat. Den Ausstieg vollendete Dechert Anfang Juni, während sie zeitgleich begannen, den Kaufvertrag mit Schwarz zu verhandeln. Neben Dechert-Steuerpartner Klaus Hahne beschäftigte sich insbesondere Baker Tilly-Partnerin Sausmekat mit den steuerlichen Fragen der Transaktion.

Bereits im Vorfeld des Bieterverfahrens war Leif Zierz, Leiter des Deal Advisory Geschäfts in Deutschland und der globalen Deal Advisory Aktivitäten bei KPMG mandatiert worden. Zusammen mit Christoph Bonik strukturierte er das Bieterverfahren.

Das Insolvenzverfahren der Bonner ELS läuft als Eigenverwaltung unter Aufsicht des Sachwalters Rüdiger Weiß von der Dresdner Kanzlei Wallner Weiß. (Martin Ströder)

 

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