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25.11.2018

Auf Einkaufstour: Boehringer geht mit Inhousekompetenz shoppen

Boehringer Ingelheim baut seine Forschung im zukunftsträchtigen Markt der Krebsimmuntherapie weiter aus und übernimmt das Innsbrucker Pharma-Start-up Vira Therapeutics. Sein Engagement in der Biotech-Branche lässt sich der Pharmariese 210 Millionen Euro kosten. Zudem investiert das Ingelheimer Unternehmen in digitale Medizinprodukte.

Jan Bolt

Jan Bolt

Bereits seit zwei Jahren bestand zwischen Boerhinger Ingelheim und Vira Therapeutics eine Forschungskooperation zur Entwicklung sogenannter onkolytischer Viren, die zu den vielversprechenden neuen Therapieansätzen in der Krebsforschung zählen. Teil der Kooperationsvereinbarung war eine Kaufoption, von der Boehringer nun Gebrauch machte. 

Boehringer beschäftigt weltweit rund 50.000 Mitarbeiter. 2017 setzte das Unternehmen mit Hauptsitz in Ingelheim mehr als 18 Milliarden Euro um, ein knappes Fünftel investierte es direkt wieder in die Forschung – beispielsweise in die Kooperation mit Vira Therapeutics. Das Start-up war 2013 aus der Medizinischen Universität Innsbruck heraus gegründet worden. Seine Forscher stellen für klinische Studien Viren her, die Tumorzellen infizieren und im Idealfall ganz abtöten. Der Boehringer Ingelheim Venture Fund (BIVF) war zuvor einer der Kerninvestoren des österreichischen Unternehmens.

Über den BIVF investierte Boehringer jüngst auch in die Gesundheits-App Wellth. Wellth erinnert chronisch Kranke an die regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente und dokumentiert diese. Dadurch ist sie besonders für Krankenversicherungen interessant. So investierten neben Boehringer Ingelheim unter anderem Axa und New York Life insgesamt 5,1 Millionen US-Dollar.

Berater Vira Therapeutics-Deal

Berater Boehringer Ingelheim
Inhouse Recht: Dr. Jan Bolt (Federführung; Head of IP Litigation), Dr. Mario Stillig, Bernd Mayer
Gleiss Lutz: Dr. Martin Viciano Gofferje (Federführung; Corporate/M&A; Berlin), Dr. Alexander Schwarz (Corporate/M&A; Düsseldorf), Dr. Herwig Lux (IP; Stuttgart)
Maybach Görg Lenneis Geréd (Wien): Dr. Mathias Görg, Marian Maybach – aus dem Markt bekannt

Berater Vira Therapeutics
CMS Hasche Sigle (München): Stefan-Ulrich Müller (Corporate), Stefan Lüft (IP; beide Federführung); Associates: Jessica Mohaupt, Anton Hieber, Sabine Renz (alle Corporate)
Weisenheimer Legal (Wien): Robert Leuthner

Berater Wellth-Finanzierung

Berater Boehringer Ingelheim:
Inhouse Recht: Dr. Niclas von Woedtke (Senior Legal Counsel; Corporate/M&A), Dr. Mario Stillig (Senior Legal Counsel; Venture Fund)

Berater Axa
Mayer Brown (New York)

Berater New York Life
Nicht bekannt

Berater Yabeo
Wuersch & Gering (New York)

Berater Wellth
Latham & Watkins (Silicon Valley): Patrick Pohlen (Federführung); Associate: Steven Green (beide Corporate/M&A) – aus dem Markt bekannt

Hintergrund: Die rund 300 Juristen umfassende Rechtsabteilung von Boehringer Ingelheim hält die Zügel meist selbst in der Hand. So auch bei der Übernahme von Vira Therapeutics: Die Federführung lag wie schon 2016 bei Dr. Jan Bolt, der seit letztem Jahr die Abteilung IP Litigation des Pharmaunternehmens leitet. Da alle steuerlichen und viele lizenzrechtlichen Fragen schon zuvor geklärt worden waren und bereits eine Kaufoption vorlag, waren überwiegend M&A-Anwälte gefragt. Hier unterstützte Gleiss Lutz-Partner Viciano Gofferje die Inhousejuristen. Als Co-Leiter der Healthcare-und-Lifescience-Gruppe hatte der Gesellschaftsrechtler schon bei der Kooperationsvereinbarung an der Seite von Boehringer Ingelheim gestanden. Die Kanzlei berät regelmäßig in komplexen Transaktionen auf dem Gesundheitsmarkt, darunter zuletzt zur Übernahme des insolventen Klinikkonzerns Paracelsus durch den Private-Equity-Investor Porterhouse. Zum österreichischen Recht beriet erneut die Wiener Kanzlei Maybach Görg Lenneis Geréd. Auch aufseiten von Vira Therapeutics änderte sich bei den Beratern wenig. Mit Weisenheimer Legal engagierte Vira Therapeutics zwar eine andere Kanzlei, blieb jedoch ihrem Anwalt Robert Leuthner treu. Dieser hatte 2017 gemeinsam mit Martina Flitsch und Dominik Leiter eine neue Kanzlei gegründet.

Dr. Mario Stillig, der Ende 2009 von Gleiss Lutz zu Boehringer Ingelheim wechselte, war als für den Venture Fund zuständiger Anwalt sowohl an der Vira Therapeutics-Übernahme als auch an der Investition in Wellth beteiligt. Er betreut den Fonds seit seiner Gründung 2010, im vergangenen Jahr stieß Dr. Niclas von Woedtke von Linklaters hinzu. Ähnlich wie Boehringer Ingelheim selbst, vertraut auch der BIVF bei Investitionen überwiegend auf seine Inhouseanwälte und zieht nur punktuell Kanzleien hinzu. Alle anderen Investoren ließen sich durch den gegebenen US-Bezug von amerikanischen Einheiten vertreten, die New York Life Insurance zog keine externen Anwälte hinzu, sondern setzte auf ihre Inhousejuristen. (Annette Kamps)

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