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27.08.2020

Wirecard-Komplex: EY stellt Verteidigerteam zusammen, Noerr übernimmt Verkäufe

Zwei Monate nach dem Insolvenzantrag von Wirecard hat das Amtsgericht München jetzt das Insolvenzverfahren über den Zahlungsabwickler eröffnet. Das teilte Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé mit. 730 Mitarbeitern sowie dem Vorstand wurde gekündigt. Während sich Ernst & Young wachsender Kritik und möglichen Schadensersatzklagen gegenübersieht, wurde bekannt, dass Jaffé bereits einige Unternehmensteile losgeschlagen hat.

Michael Jaffé

Michael Jaffé

Dazu gehört beispielsweise Wirecard Brazil, deren Verkauf nahezu abgeschlossen ist. Demnach habe der an der New Yorker Börse gelistete Zahlungsdienstleister PagSeguro Digital den Kaufvertrag für Wirecard Brazil unterzeichnet. Es fehlt noch die Zustimmung der brasilianischen Aufsichtsbehörden.

Auch der Verkauf der Tochtergesellschaft Wirecard North America ist weit fortgeschritten. Die britische Tochter der Wirecard, die Wirecard Card Solutions, hat mit der Londoner Railsbank eine Grundsatzvereinbarung zum Verkauf bestimmter Kundenbeziehungen und weiterer Vermögensgegenstände erzielt. Wirecard Card Solutions ist bei Prepaid-Karten und im elektronischen Zahlungsverkehr tätig. Für das Kerngeschäft der Wirecard gingen die Verhandlungen mit potenziellen Investoren in die nächste Phase. Am 18. November findet die erste Gläubigerversammlung statt.

Um eine Fortführung des Geschäftsbetriebes überhaupt möglich zu machen und die Option einer Verwertung des Kerngeschäfts der Wirecard aufrecht zu erhalten, seien tiefgreifende Einschnitte erforderlich, teilte Jaffé mit. Es müssten für rund 730 Mitarbeiter – darunter die verbliebenen Vorstände – Kündigungen ausgesprochen sowie Immobilienmiet- und Leasingverträge gekündigt werden. Rund 570 Arbeitnehmer, davon rund 350 in den insolventen Gesellschaften und rund 220 in der nicht insolventen Wirecard Bank, könnten jedoch am Standort Aschheim weiter beschäftigt bleiben.

Christian Pleister

Christian Pleister

EY sieht einer Klagewelle entgegen

Viel Kritik musste zuletzt EY einstecken, denen als langjährige Buchprüfer die Luftbuchungen nicht aufgefallen waren. Die Big-Four-Gesellschaft sieht sich neben strafrechtlichen Untersuchungen auch schwerwiegenden Schadensersatzklagen von Investoren und Fremdkapitalgebern ausgesetzt. Die Schadensersatzklagen gegen Wirecard sind im laufenden Insolvenzverfahren vorerst ausgesetzt worden.

Wirecard hatte im Juni Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und Insolvenz angemeldet. Ex-Vorstandschef Markus Braun und weitere ehemalige Manager sitzen in Untersuchungshaft. Ex-COO Jan Marsalek ist weiterhin auf der Flucht. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Wirecard seit 2015 Scheingewinne auswies. Der Schaden für die kreditgebenden Banken und Investoren könnte sich auf 3,2 Milliarden Euro summieren.

Berater Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé
Jaffé (München): Dr. Michael Schuster (Federführung; Insolvenzrecht), Dr. Lothar Czaja (Bank- und Finanzrecht); Associates: Dominik Wißkirchen, Madelaine Schinabeck (beide Arbeitsrecht)

Michael Zoller

Michael Zoller

Berater Wirecard
Noerr (Frankfurt): Dr. Holger Alfes (Bank- und Finanzrecht), Prof. Dr. Christian Pleister, Dr. Florian Becker, Sebastian Diehl (London), Dr. Till Kosche (alle Corporate/M&A), Dr. Sascha Leske (Kapitalmarktrecht; New York), Dr. Julian Schulze de la Cruz, Dr. Alexander Schilling (beide Bank- und Finanzrecht); Dr. Thomas Hoffmann, Simone Schönen (Hamburg), Dr. Björn Grotebrune, Dr. Dorothee Prosteder (beide München); Associate: Dr. Andrea Braun (alle Insolvenzrecht)
Gleiss Lutz (Stuttgart): Dr. Eike Bicker (Compliance), Dr. Michael Arnold; Associate: Marcus Reischl (beide Corporate; beide Frankfurt)
Luther (München): Dr. André Große-Vorholt (Strafrecht)
Gibson Dunn & Crutcher (München): Dr. Ferdinand Fromholzer (Kapitalmarktrecht)
Mattos Filho (São Paulo): Marcelo Sampaio Ricupero (Corporate/M&A)
MacFarlanes (London): Andrew Henderson (Bankaufsichtsrecht), Jat Bains (Corporate/M&A), Simon Beale (Insolvenzrecht)
Ropes & Gray (New York): Matt Jacobson, Bob Rivollier (beide Corporate/M&A)
Inhouse Recht (Aschheim): Andrea Görres (General Counsel), Christoph Küster

Berater Wirecard UK
Osborne Clarke (London): Mark Wesker (Corporate/M&A)

Berater Railsbank
Röhrborn (München): Jens Röhrborn (Corporate/M&A)
Orrick Herrington & Sutcliffe: Katie Cotton (London), Dr. Jörg Ritter (München; beide Corporate/M&A) – aus dem Markt bekannt

Thomas Knierim

Thomas Knierim

Berater Pag Seguro Digital
Pinheiro Neto (São Paulo): Fernando Gomes (Corporate/M&A)
Hengeler Mueller (Frankfurt): Dr. Frank Burmeister, Dr. Lucina Berger (beide Corporate/M&A)

Berater EY
Wirsing Hass Zoller (München): Dr. Michael Zoller; Associates: Yvonne Green, Frank Wegmann (alle Bank- und Kapitalmarktrecht)
Knierim & Kollegen (Mainz): Thomas Knierim, Dr. Christian Rathgeber, Dr. Manuel Lorenz, Dr. Anna Oehmichen, Simone Breit (alle Wirtschaftsstrafrecht)
Allen & Overy: Dr. Marc Zimmerling (Konfliktlösung; Frankfurt), Dr. Astrid Krüger (Corporate; München)

Marc Zimmerling

Marc Zimmerling

Vertreter Markus Braun
Dierlamm (Wiesbaden): Prof. Dr. Alfred Dierlamm; Associate: Sarah Moritz (beide Wirtschaftsstrafrecht) 
Witting Contzen & Kollegen (München): Nico Werning (Wirtschaftsstrafrecht) 
Kliemt (Frankfurt): Prof. Dr. Michael Kliemt (Arbeitsrecht) 
Schmitz & Partner (Frankfurt): Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz (Konfliktlösung) 
Nesselhauf (Hamburg): Dr. Stephanie Vendt (Presserecht) 

Vertreter Jan Marsalek 
Eckstein & Kollegen (München): Frank Eckstein, Dr. Matthias Dominok (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter CFO Alexander von Knoop
Krause & Kollegen (Berlin): Dr. Daniel Krause (Wirtschaftsstrafrecht)  

Vertreter CPO Susanne Steidl
Michalke Rosskopf (München): Dr. Annette Rosskopf (Wirtschaftsstrafrecht)  

Vertreter Ex-CFO Burkard Ley
Grub Brugger (München): Dr. Norbert Scharf, Dr. Andreas Weitzell (beide (Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter ehemaliger Accounting-Chef E.
Stetter (München): Dr. Sabine Stetter; Associate: Stephanie Kamp (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Nahost-Geschäftsführer Card-Systems Middle East B.
Frühsorger Mühlberger (München): Dr. Nicolas Frühsorger (Wirtschaftsstrafrecht)
Dr. Eder & Coll. (Freilassing): Prof. Dr. Florian Eder (Wirtschaftsstrafrecht)

Staatsanwaltschaft München I
Hildegard Bäumler-Hösl (Oberstaatsanwältin), Matthias Bühring

Alfred Dierlamm

Alfred Dierlamm

Hintergrund: Viele Berater sind aus dem Markt bekannt.

Drei Monate nach dem Insolvenzantrag hat sich der Fall Wirecard in mehrere Beratungsstränge verzweigt – in einigen davon spielt neben dem Insolvenzverwalter Jaffé und seinem Team Noerr eine entscheidende Rolle. Mit einem standortübergreifenden Team ist sie neben der insolvenzrechtlichen Beratung nun auch für die Verkäufe der Unternehmensteile zuständig. Dafür arbeitet Noerr international überwiegend mit Kanzleien aus ihrem Netzwerk Lex Mundi zusammen. Lediglich am Schauplatz Singapur kommt es wegen einer vorangegangenen Mandatierung zu einem Interessenkonflikts. Nicht Rajah & Tann, sondern die Kanzlei Wong arbeitet mit Noerr zusammen. Rajah & Tann hatte bereits vor einiger Zeit für Wirecard einen Compliance-Bericht erstellt.

Ein weiterer Strang ist die interne Aufarbeitung, an der seit einiger Zeit Gleiss arbeitet. Dabei geht es derzeit vor allem darum, Fakten zu sichern. Sie ist nach JUVE-Informationen auch mit der Prüfung von möglichen Schadensersatzansprüchen von Wirecard gegenüber Dritten befasst.

Einer dieser Dritten könnte insbesondere die Prüferin EY werden. EY sieht sich bereits konfrontiert mit Klagen von Kapitalanlegern, die unter anderem von Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan, Tilp und Dr. Greger & Collegen vertreten werden. Die Wirtschaftsprüfer haben sich mit Wirsing Hass Zoller und Allen & Overy gegen die Ansprüche gewappnet, während Knierim die Gesellschaft straf- und berufsrechtlich vertritt. Knierim ist bekannt für ihre Vertretung von Berufsträgern, das sind neben Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern auch regelmäßig Anwälte.

Andreas Tilp

Andreas Tilp

Allen & Overy-Partner Zimmerling ist einer der bekanntesten Spezialisten für die Abwehr von Haftungsklagen gegen Wirtschaftsprüfer. Dass er bei EY nur mit Blick auf mögliche Klagen aus dem Ausland zum Einsatz kommt, dürfte mit der Rolle seiner Kanzlei Allen & Overy im Gesamtkomplex Wirecard zu tun haben: Ein Frankfurter Team um Uebelhoer und Herding *hatte zunächst mehrere Banken im Zusammenhang mit der Wirecard-Insolvenz beraten – und die dürften im Gläubigerausschuss darauf drängen, dass Insolvenzverwalter Jaffé entschlossen gegen EY vorgeht, um Millionen für die Insolvenzmasse zu holen. Es hätte also zu der Situation kommen können, dass Zimmerling indirekt auf der Gegenseite der Bankrechtler seiner eigenen Kanzlei gestanden hätte. Dies ist nach neuesten Informationen nicht der Fall, da Allen & Overy keinen Mandanten im Gläubigerausschuss mehr vertritt.*

Gegen inländische Ansprüche setzt EY deshalb auf den Münchner Bank- und Kapitalmarktrechtler Zoller, der ebenfalls auf eine lange Liste an Mandaten von Wirtschaftsprüfern zurückblickt, denen Fehlverhalten vorgeworfen wird. Dies liegt auch insofern nahe, als dass sich EY auch im Fall Maple Bank auf Zoller verlässt. Auch hier ist ein großer Insolvenzfall Auslöser von Schadensersatzforderungen, da die Maple Bank durch Cum-Ex-Geschäfte pleite ging. Der Insolvenzverwalter der Maple Bank, Michael Frege von CMS Hasche Sigle, fordert am Landgericht Stuttgart deshalb fast 100 Millionen Euro von EY, die angeblich Jahresabschlüsse fehlerhaft testiert hätte.

Auch in der Riege der Wirecard-Vorstände und Manager sind neue Anwälte hinzugekommen. Nach JUVE-Informationen hat der Münchner Strafverteidiger Eder die Verteidigung des inhaftierten ehemaligen Chefs der Niederlassungen im Mittleren Osten übernommen, gemeinsam mit Frühsorger. Soweit bekannt sagt der Inhaftierte seit einigen Wochen umfangreich bei der Staatsanwaltschaft aus. (Christiane Schiffer, Marc Chmielewski, Martin Ströder, Helena Hauser; mit Material von dpa) 

*Wir haben den Artikel an dieser Stelle ergänzt.

 

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