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28.01.2013

Bilanzmanipulationen: Hess AG prüft Vorwürfe gegen Ex-Vorstand mit Pöllath-Hilfe

Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt wegen möglicher Bilanzmanipulationen gegen zwei Ex-Vorstände des seit Kurzem börsennotierten baden-württembergischen Leuchtenhersteller Hess. Es bestehe der „Anfangsverdacht einer unrichtigen Darstellung gemäß dem Handelsgesetzbuch“, so der Erste Staatsanwalt Peter Lintz.

Wolfgang Grobecker

Anfang dieser Woche durchsuchte die Staatsanwaltschaft sowohl die Firmenräume der Hess AG als auch die Wohnung des Ex-Vorstandsvorsitzenden Christoph Hess. Ihn sowie den Finanzvorstand Peter Ziegler hatte das Unternehmen in der vergangenen Woche mit sofortiger Wirkung abberufen. Beide sollen die Unternehmensbilanz in den Finanzberichten der Jahre 2011 und 2012 zu positiv dargestellt haben, teilte das Unternehmen vor knapp einer Woche mit. Dieser Verdacht sei das Ergebnis interner Recherchen.

Seit Anfang dieser Woche geht die Staatsanwaltschaft auch der Frage nach, ob sich die Verantwortlichen wegen Anlagebetrugs verantworten müssen. Mögliche Forderungen von Anlegern prüft derweil die Kanzlei Rotter.

Der Hess-Aufsichtsrat hat inzwischen Sonderprüfer eingeschaltet. Juristisch arbeitet P+P Pöllath + Partners die Vorwürfe auf, zudem sind Wirtschaftsprüfer von Ebner Stolz Mönning Bachem mandatiert, so das Unternehmen gegenüber JUVE. Demnach kümmert sich bei Pöllath vor allem der Münchner Partner Dr. Wolfgang Grobecker um den brisanten Fall, bei Ebner Stolz die Partner Dr. Wolfgang Rust und Dr. Volker Hecht. Ziel dieser Son­deruntersuchung ist es, das genaue Ausmaß eines möglichen Schadens bei der Ge­sellschaft sowie etwaig bestehende Ansprüche festzustellen. Der Schaden könnte sich in einer zweistelligen Millionenhöhe bewegen, so Presseberichte.

Daneben hat die in Villingen-Schwenningen ansässige Hess AG seit dieser Woche mit Dr. Till Becker einen neuen Alleinvorstand. Der 55-jährige Jurist war früher langjährig für den Daimler-Konzern tätig. Dort verantwortete er unter anderem das Geschäft von Mercedes-Benz in der Türkei und vorübergehend auch die DaimlerChrysler-Geschäfte in Nordasien.

Nach Presseberichten soll ein mit den Vorgängen vertrauter Mitarbeiter aus dem kaufmännischen Bereich den Aufsichtsrat direkt und am Vorstand vorbei informiert haben. Der Whistleblower soll selbst erst seit einem Jahr im Unternehmen sein. Es gebe Verdachtsmomente, dass der Konzern „fingierte Umsätze“ ausgewiesen hat – mindestens seit 2011, vielleicht aber auch schon länger, so der Hess-Unternehmenssprecher Marco Walz.

Der geschasste Vorstandschef Christoph Hess ließ bislang gegenüber der regionalen Presse lediglich verlauten: „Ich war auf Auslandsreise und bin von diesem Vorgang völlig überrascht worden. Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen. Man hat mir bis heute auch nicht gesagt, was man mir konkret vorwirft oder mir gar Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Ich muss jetzt erst einmal die Vorwürfe klären, werde dann aber die erforderlichen Schritte ergreifen, um mich dagegen zu wehren.“ Ob beziehungsweise durch wen sich Hess und Ziegler juristisch beraten lassen, ist bislang nicht bekannt.

Für seine Entlassung und die Zieglers hatte der Aufsichtsrat einstimmig votiert, auch der Unternehmensgründer und Vater des Beschuldigten, Jürgen Hess.

Die Hess AG, die für 2011 einen Umsatz von 68 Millionen Euro ausgewiesen hatte, war erst vor wenigen Monaten an die Börse gegangen. McDermott Will & Emery hatte das Unternehmen dabei juristisch begleitet, der Aufsichtsrat hatte GSK Stockmann + Kollegen mandatiert. Der IPO brachte Hess einen Erlös von 36 Millionen Euro ein. (René Bender)

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