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30.03.2016

Digitale Konkurrenz für Kanzleien: Wenn Watson die Fälle löst

Der technologische Fortschritt bedroht die Welt der Großkanzleien, wie wir sie kennen. Glauben Sie nicht? Sollten Sie aber. Denn neue Supercomputer wie IBMs Watson haben gerade angefangen, Jura zu studieren. In zehn bis zwanzig Jahren könnten sie selbst hochklassige Jobs übernehmen.

Bis dahin ist es noch ein gutes Stück, aber schon jetzt arbeiten Unternehmen daran, die Rechtsberatung durch digitale Lösungen transparenter, effizienter und günstiger zu machen. In Berlin nahm im Februar mit einer großen Finanzspritze aus den USA das Online-Start-up Legalbase.de seine Dienste auf. Das Prinzip: Um in der digitalen Welt Rechtsrat zu erhalten, genügen drei Klicks. Produkt aussuchen, Anwalt wählen, Ergebnis erhalten. Legalbase greift dabei auf ein Netzwerk freier Juristen in ganz Deutschland zurück, die Leistungen wie Unternehmensgründungen oder Markenanmeldungen anbieten – zum Festpreis. Solche Start-ups sind das Schreckgespenst, das etablierten Kanzleien ihre Schwächen vor Augen führt.

Das Beispiel zeigt: Wer einen Anwalt mandatieren will, muss diesen auch in Deutschland mittlerweile nicht mehr zwingend hinter einem schweren Eichenholzschreibtisch suchen. Er findet ihn auch im Internet.

Micha-Manuel Bues

Micha-Manuel Bues

Während sich in Berlin die Start-ups in Stellung bringen, die den Kanzleien das Massengeschäft mit ihrer Software abnehmen wollen, befinden sich die meisten Kanzleien hierzulande noch in einem digitalen Selbstfindungsprozess. „Deutschland liegt in Sachen Legal Tech immer noch fünf bis zehn Jahre hinter den USA zurück“, sagt Dr. Micha-Manuel Bues. Er ist Kartellrechtler und als Associate im Münchner Büro von Gleiss Lutz beschäftigt. Seit Längerem befasst er sich mit der Legal-Tech-Szene, unter anderem in einem Blog, den er im Sommer 2015 gründete. Kaum eine Woche vergeht, in der Bues nicht über eine Neugründung bloggt.

Die Anwaltspyramide bricht auf – auch durch den Supercomputer Watson

Die Legal-Tech-Szene besteht aber nicht nur aus virtuellen Anwaltskanzleien wie Legalbase. Sie besteht auch aus Softwarelösungen für Kanzleien, die einen Teil der anwaltlichen Arbeit automatisieren. Wie groß die Umwälzungen für Sozietäten sein werden, ist bislang unklar. Schon jetzt schrauben sie aber an ihrem traditionellen Hierarchiemodell. Die Pyramide wird schlanker, es braucht nicht mehr so viele Anwälte, um eine Beratungsleistung zu erbringen. In naher Zukunft sind vor allem Anwälte eines veränderten Zuschnitts gefragt, solche mit größerem technischen und organisatorischen Sachverstand, um Beratungsprozesse zu steuern.

Für die Kanzleien kommt der Druck zur Reform dabei von außen: „Mandanten werden in Zukunft nicht mehr für mechanische Arbeit zahlen“, sagt Andreas Ziegenhagen, Managing-Partner bei Dentons. Die Kanzlei hat sich dafür entschieden, sich an einem Inkubator für Legal-Tech-Start-ups zu beteiligen und sich dadurch den Zugang zur nächsten Innovationsstufe zu sichern. NextLaw Labs, angesiedelt in den USA, soll eine Ideenfabrik sein und hat bereits zwei Projekte geboren, von denen eines höchst öffentlichkeitswirksam ist: Ross, der künstlich intelligente Anwalt.

Entwickelt von Studenten der Universität Toronto, soll Ross mithilfe von IBM-Watson-Technologie ­Anwälten helfen, Antworten auf Rechtsfragen in Sekunden zu bekommen. Derzeit ist Watson aber noch damit beschäftigt, zu lernen und Texte zu analysieren, die er zu begreifen lernt wie ein Jurastudent, weil Watson Sprache versteht. Ist der Supercomputer erst einmal auf Jura trainiert, können Anwälte ihm über die Ross-App Fragen in ihrer Sprache stellen und Watson beantwortet sie, weil er die relevante Rechtsprechung kennt. Denkbar ist natürlich auch, dass Ross eine Anwendung für Nicht-Juristen werden könnte. Wenn dieses Modell Wirklichkeit würde, dann hätte Watson via Ross tatsächlich einen Anwalt ersetzt. Er wäre schneller und vor allem eines: günstiger. (Eva Lienemann, Ulrike Barth)

Mehr zum Thema Digitale Konkurrenz in Kanzleien lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkts (Heft 04/2016)

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