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25.07.2016

Kommentar: Anwaltliches Berufsrecht verliert durch Brexit an Innovationskraft

Die Europäische Union macht(e) es möglich: Nicht nur englische, sondern auch deutsche Kanzleien zogen jahrelang die britische Schublade auf, und verpassten sich das moderne, gesellschaftsrechtlich flexiblere Kleid der ‚limited liability partnership‘ (LLP). Diese Rechtsform ist international – und mondäner als die deutsche Partnerschaftsgesellschaft wirkt sie allemal.

Jetzt bringt das Referendum über einen Austritt Großbritanniens aus der EU eine neue Richtung in den Wettbewerb. Denn die britische Schublade könnte zugehen. Noch weiß niemand, ob und wie sich eine Trennung auf die rechtliche Struktur und das Standesrecht für Anwälte auswirken wird. Doch die Finger einklemmen will sich keiner.

Deshalb bauen derzeit alle Beteiligten darauf, dass die EU und Großbritannien eine eventuelle Trennung vertraglich so regeln, dass sich möglichst wenig ändert. Vorbild könnte die Schweiz sein, mit der entsprechende Vereinbarungen gelten. Ohne bilaterale Regelungen jedoch würden die britischen Formen ihre Berechtigung verlieren, Berufs- und Niederlassungsfreiheit wären weg.

Die LLP ist ein gutes Beispiel dafür, dass britische Innovationen ein wichtiger Treiber im europäischen Wettbewerb waren. Die europaweite Anerkennung nationaler Rechtsformen hat im speziellen Fall der LLP dazu geführt, dass deutsche Kanzleien sich bewegen konnten und mussten. Schließlich trieb der Trend hin zur englischen Rechtsform den hiesigen Gesetzgeber an, günstigere Konditionen für die spezifischen Belange deutscher Beratungsgesellschaften zu schaffen, was am Ende die Partnerschaftsgesellschaft mit beschränkter Berufshaftung hervorbrachte.

Dass es den Anschub aus London brauchte, zeigt: In einem manchmal chaotisch wirkenden Europa bieten verschiedene Traditionen und Systeme Lösungsansätze, die sinnvoll sein können. Diese Pluralität, teilweise Konkurrenz, stachelt an. Darin läge der größte Verlust, falls das Vereinigte Königreich die EU wirklich verließe. Die Europäische Union würde wichtige bunte Tupfer verlieren. (Raphael Arnold)

Mehr zu den Auswirkungen des Brexits auf den Anwaltsmarkt lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt (08/2016).  

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