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17.10.2016

Wölbern-Skandal: Durchsuchung bei Bird & Bird, Anwälte verhaftet

Die Aufarbeitung des Wölbern-Komplexes, eines der größten Anlegerskandale der vergangenen Jahre, hat sich erneut zugespitzt: Exklusiven JUVE-Informationen zufolge wurden in der vergangenen Woche drei Beschuldigte verhaftet, darunter zwei der einst wichtigsten juristischen Berater von Wölbern Invest. Zudem wurden die Hamburger Kanzleiräume von Bird & Bird durchsucht. 

Der nun verhaftete Bird & Bird-Counsel B. sowie der ebenfalls in Untersuchungshaft genommene Ex-Bird & Bird-Partner Frank Moerchen gehörten seinerzeit zu den engsten Beratern von Heinrich Schulte, dem wegen gewerbsmäßiger Untreue in dreistelliger Millionenhöhe zu achteinhalb Jahren Haft verurteilten früheren Chef des Emissionshauses Wölbern Invest.

In diesem Zusammenhang wirft die Staatsanwaltschaft B. sowie einem ebenfalls verhafteten früheren Wölbern-Invest-Generalbevollmächtigten Untreue und Beihilfe zur Untreue im jeweils besonders schweren Fall vor und Moerchen Beihilfe zur Untreue im besonders schweren Fall.

Staatsanwalt sieht Schaden von 66 Millionen Euro

Laut Staatsanwaltschaft soll der Schaden bei bis zu 66,5 Millionen Euro liegen. Diese Summe steht auch bei der Moerchen vorgeworfenen Beihilfe zur Untreue im Raum. Alle drei Haftbefehle sind auf Fluchtgefahr gestützt. Sie ergingen bereits vor rund zwei Monaten. Dass sie erst vor einer Woche vollstreckt wurden, hat nach Angaben der Strafverfolger unter anderem damit zu tun, dass die Durchsuchung bei Bird & Bird vorbereitet werden musste.

Die dort vor einer Woche begonnene Durchsuchung ist seit Montag beendet, so die Staatsanwaltschaft gegenüber JUVE. Zusammen mit dem Landeskriminalamt habe man dabei weitere Dateien und Unterlagen zur Durchsicht mitgenommen, die Aufschlüsse rund um die Beratung des Emissionshauses Wölbern Invest liefern könnten.

Die Verteidiger der Beschuldigten wollten sich auf Nachfrage unisono nicht zu den Vorwürfen gegen ihre Mandanten äußern. B., gegen den schon seit rund zwei Jahren ermittelt wird, ließ sich von Beginn an von dem Berliner Strafrechtler Nikolai Venn von der Sozietät Freyschmidt Frings Pananis Venn vertreten. Am Tag seiner Verhaftung musste B. jedoch auf Venn verzichten, denn der Verteidiger war verhindert und konnte nicht nach Hamburg eilen. So übernahm kurzfristig Dr. Marc Langrock von der Hamburger Strafrechtsboutique Langrock Voß & Soyka, mit dem Venn schon häufiger zusammengearbeitet hat. Inzwischen hat Venn aber wieder vollständig übernommen.

Schon im Schulte-Strafprozess war die Rolle der Anwälte ein Thema

Frank Moerchen hat zu seiner Verteidigung Dr. Iris-Maria Killinger und Michael Klose aus der Hamburger Kanzlei KSK Rechtsanwälte mandatiert. Partnerin Killinger ist derzeit noch an einem weiteren großen Verfahren um veruntreute Anlegergelder beteiligt: Im Prozess um die Immobilienfirma S&K in Frankfurt verteidigt sie einen der sechs Angeklagten.

Der dritte Beschuldigte hat Dr. Patrick Teubner aus der Berliner Kanzlei Krause & Kollegen mandatiert.

Vor allem die Rolle der Anwälte war im Wölbern-Komplex schon früh thematisiert worden. Im Strafprozess gegen Schulte hatten dieser und seine Verteidiger immer wieder betont, dass Anwälte der Sozietät Bird & Bird eine wesentliche Rolle für die Entscheidungen im Umgang mit Fondsgeldern gespielt hätten. Tatsächlich finden sich schon in der Anklageschrift gegen Schulte einige Passagen, die deren Rolle kritisch beleuchten.

So soll der damals verantwortliche Partner Frank Moerchen, der seit längerem nicht mehr in der Kanzlei ist, Darlehensverträge nicht geprüft und offenbar teils erst im Nachhinein den Rahmen dafür geschaffen haben, dass Gelder abgezogen werden konnten. Auch das Gericht thematisierte in der Begründung des Urteils gegen Schulte den Rahmen für die Handlungen, den die Rechtsberater mit ihren Vertragswerken geschaffen hätten. B. und Moerchen waren im Prozess gegen Schulte jeweils als Zeugen geladen, verweigerten aber die Aussage. Gegen B. hatte die Staatsanwaltschaft schon länger ermittelt. JUVE hatte darüber berichtet. Die Ermittlungen gegen Moerchen sind noch jüngeren Datums. 

Bird & Bird weist Vorwürfe zurück

Bird & Bird bestätigte die Durchsuchung der Kanzleiräume auf Nachfrage und nahm dazu schriftlich Stellung: „Die begrenzten behördlichen Maßnahmen stehen in Zusammenhang mit dem bereits laufenden Ermittlungsverfahren gegen einen Mitarbeiter von Bird & Bird und wir kooperieren selbstverständlich voll und ganz mit den Behörden in dieser Sache.“ Zur Frage, ob die Sozietät auch weiterhin an B. festhält, wollte Bird & Bird hingegen keine Stellungnahme abgeben. Die Position der Kanzlei zum Thema Wölbern sei jedoch unverändert. „Bird & Bird hat sich im Rahmen der Beratung der Wölbern Gruppe im rechtlich zulässigen Rahmen bewegt und an keiner Stelle Rechtsverletzungen legitimiert.“

Auf die Kanzlei, gegen die wegen ihrer einstigen Wölbern-Beratung bereits eine Schadensersatzklage in dreistelliger Millionenhöhe anhängig ist, wächst nun der Druck: Sollte es zu einem Prozess gegen B. und Moerchen kommen und sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, würde dies die Erfolgsaussichten der gegen die Kanzlei sowie auch B. und Moerchen selbst klagenden Fonds und des Insolvenzverwalters klar stärken.

Bird & Bird hatte die ihr gegenüber erhobenen Vorwürfe bereits in der Erwiderung der Schadensersatzklage zurückgewiesen. In diesem Jahr erhob sie dann gar Widerklage. Bird & Bird will ihrerseits sämtliche Schäden ersetzt bekommen, die ihr entstanden seien und noch entstünden durch die Vorwürfe, die Kanzlei oder deren Anwälte hätten bei der Beratung des Fondshauses Wölbern Berufspflichten verletzt und vorsätzlich an Straftaten Schultes teilgenommen. (René Bender)

Dieser Artikel wurde am 20.10.2016 um 14 Uhr ergänzt. 

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