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02.11.2016

Legal Tech: Der Kostendruck beflügelt die Digitalisierung

Der Sparzwang der deutschen Rechtsabteilungen hat sich zu einem dauerhaften Phänomen entwickelt. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Mandatierung von Kanzleien, sondern auch auf die internen Strukturen der Inhouseteams. Immer mehr Syndizi begegnen dem Kostendruck mit digitalen Hilfsmitteln.

Dabei stehen im Fokus der Rechtsabteilungen nicht solche Mandate, an denen das Überleben des Unternehmens hängt. Vielmehr soll das juristische Tagesgeschäft mithilfe technischer Lösungen effizienter abgewickelt werden. Beispiel Linde: Der Münchner Gasekonzern hat seine weltweiten Einkaufsverträge standardisiert. Der Vorteil: Die Unternehmensjuristen müssen sich heute seltener mit diesem Komplex befassen. Das spart nicht nur Zeit und Ressourcen, sondern sorgt auch dafür, dass Linde künftig auf die Mandatierung von externen Beratern in den verschiedensten Ländern verzichten kann.

Technisch aufgerüstet hat auch die Deutsche Lufthansa. Ein Legal Spend Manager behält mithilfe einer ausgefeilten Anwaltsdatenbank den globalen Überblick über die Mandatierung von Kanzleien und die damit verbundenen Kosten. Die Beraterliste ist schlanker geworden. Beide Beispiele zeigen, dass IT-Lösungen nicht nur helfen, Kosten zu senken, sondern auch einen wichtigen Beitrag zum Qualitäts- und Risikomanagement leisten.

Kanzleien müssen umdenken

Auf den anhaltenden Kostendruck innerhalb der Rechtsabteilungen haben einige Kanzleien bereits reagiert – ebenfalls mit dem Einsatz von Legal Tech. Denn mithilfe von Software kann vor allem standardisierte Arbeit schneller, effizienter und kostengünstiger abgewickelt werden als bisher. Bestes Beispiel ist die Software Leverton, die bei der Due Diligence von Immobilientransaktionen eingesetzt wird und die Prüfung von Mietverträgen erheblich vereinfacht. Freshfields Bruckhaus Deringer schloss als erste Topkanzlei einen Kooperationsvertrag mit der deutschen Softwareschmiede. Dentons ging unterdessen noch einen Schritt weiter: Die Kanzlei beteiligte sich an einem Inkubator für Legal-Tech-Start-ups. Hier wurden schon zwei Projekte geboren, darunter der künstlich-intelligente Anwalt Ross.

Die meisten Kanzleien scheuen sich bislang allerdings noch davor, digitale Helfer im Beratungsalltag einzusetzen. Sie fürchten um ihre bisherigen Strukturen und Honorare. Doch sie werden umdenken müssen. Denn in dem sich wandelnden Marktumfeld brauchen Kanzleien Legal Tech letztlich dafür, um ihre Ressourcen zu marktfähigen Preisen anbieten zu können. Den Vorteil aus der Nutzung der Produkte teilen sich Kanzlei und Mandant dann im Idealfall untereinander auf. Das heißt: Der Mandant spart Kosten, die Kanzlei spart Zeit. Diese Zeit können die Anwälte für die Bearbeitung besonders komplexer Mandate, die Akquise oder die Ausbildung des eigenen Anwaltsnachwuchses einsetzen. (Christin Stender)

Mehr zum Wandel der Anwaltsbranche im Spannungsfeld von Kostendruck und Digitalisierung lesen Sie hier oder in dem soeben erschienen JUVE Handbuch 2016/2017.

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