Artikel drucken
23.11.2016

Wachwechsel: Wie künstliche Intelligenz die Welt der Kanzleien verändert

Dass Legal Tech bei Dokumentenmanagement und Vertragsgestaltung helfen kann, hat sich herumgesprochen. Schwerer zu fassen, aber langfristig womöglich bedeutsamer sind Anstrengungen zum Einsatz künstlicher Intelligenz. Diese wird gerade in den Arbeitsalltag vieler Großkanzleien integriert. Im Sommer dieses Jahres haben manche tief in die Tasche gegriffen und in Artificial-Intelligence (AI)-Technologien investiert. 

Parker_Isabel

Isabel Parker

So tat sich etwa Slaughter and May mit ihrem langjährigen Mandanten Mike Lynch, Gründer von Autonomy, und dessen Technologie-Investment-Fund Invoke Capital zusammen. Das gemeinsame Programm Luminance soll den Due-Diligence-Prozess optimieren, indem es innerhalb von Sekunden Hunderte von Vertragsseiten durchleuchtet. Linklaters, Berwin Leighton Paisner und Travers Smith haben in RAVN investiert. Die ­AI-Software von IBM verspricht, Dokumente zuverlässiger, effizienter und billiger nach bestimmten ­Informationen zu durchsuchen, als das Paralegals oder Associates könnten. Ein ähnliches Versprechen macht das AI-Programm Kira, das Clifford Chance und Freshfields Bruckhaus Deringer gekauft haben. 

Die zweite Welle der Technisierung rollt

Programme wie Kira und RAVN haben jetzt eine Marktreife erreicht, die den Kanzleien den Einstieg erleichtert: Sie sind intuitiv zu benutzen und leicht zu trainieren. Damit markiert AI-Software eine zweite Welle der Technisierung, die derzeit in die Kanzleien schwappt. Sie wird, anders als die ersten Digitalisierungsschritte, alle Praxisbereiche betreffen.

Während sich Softwarelösungen vor knapp zwei Jahren vor allem Spezialproblemen etwa im Litigation- oder Compliance-Geschäft widmeten und darauf ausgerichtet waren, mehr Ordnung in einen begrenzten Arbeitsschritt zu bringen, sind Programme wie Kira oder RAVN so offen gestaltet, dass sie vom Nutzer auf alle möglichen Fragestellungen angesetzt werden können – und das in vielen verschiedenen Sprachen. Legal Tech verlässt damit das 1.0-Stadium. Was nun kommt, wird ­disruptiver auf die Kanzleistrukturen wirken als bisherige Technologien. 

Effizienter soll der neue AI-Kollege sein – und damit prädestiniert, die Beratungsleistung zu optimieren. Sprich: Unterm Strich soll in Zeiten, in denen Mandanten den Preis drücken, wieder mehr für die Kanzlei rausspringen. Es bedeutet auch: Teure Zeit, in denen Associates oder Paralegals Dokumente durchforsten, wird durch die Software ersetzt.

Pferdefuß Datensicherheit

Storck_Christian

Christian Storck

Ein Jobkiller ist der neue Kollege angeblich trotzdem nicht – das betonen alle Kanzleien, die gerade dabei sind, Kira oder RAVN zu trainieren. „Es wird immer einige Vorbehalte gegen die Automatisierung von Arbeitsschritten in der Kanzlei geben – aber wir überzeugen die Kollegen durch den Erfolg der ­Systeme“, sagt Isabel Parker, seit Januar 2016 ­Leiterin der Abteilung Legal Service Innovation bei Fresh­fields, die jetzt mit Kira arbeitet.

Stellen wie ihre sind in den vergangenen 24 Monaten in vielen internationalen Großkanzleien entstanden, auch wenn sie unterschiedliche Namen tragen. Bei Clifford etwa kümmert sich Oliver Campbell als globaler Chef um die ‚Client Service Solution‘. Bei Linklaters ist es Dr. Christian Storck, der als ‚Global Co-Head of Innovation‘ nicht nur die digitale Entwicklung, sondern auch die Prozessoptimierung vorantreiben soll. Anderswo sind einzelne Partner oder Arbeitsgruppen damit betraut, die für ihr Geschäftsfeld relevanten Neuentwicklungen im Auge zu behalten und zu testen. 

Die Skepsis gegenüber Kira und Co. wird nicht nur von der Angst getrieben, die Software könnte den Berater ersetzen. Viele Anwälte teilen vor allem ­Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit der cloud­basierten Technik, aber auch der Zuverlässigkeit der Ergebnisse. Kanzleien weisen ihre Mandanten daher auch ausdrücklich auf die Risiken des Technologieeinsatzes hin. Trotzdem wird der Erfolg der AI-Programme wohl unaufhaltsam sein. „Jeder kann Kira oder ein ähnliches Produkt kaufen – künstliche Intelligenz wird bald Standard in der Industrie sein“, meint Parker. „Man wird es haben müssen, um unter den Top-Firmen mithalten zu können.“ (Ulrike Barth)

Mehr zum Thema Künstliche Intelligenzen in Wirtschaftskanzleien lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 12/2016.

  • Teilen