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01.02.2017

Interview zu Legal Tech: „Rechtsabteilungen tun sich leichter als Kanzleien“

Was kann Legal Tech? Zwischen der Weltherrschaft der Roboter und „Alles bleibt, wie es ist“ scheint alles möglich. Natürlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Etwas genauer weiß es Dirk Hartung (27): Er ist Legal-Tech-Leiter an der Bucerius Law School in Hamburg und Mitgründer der European Legal Tech Association. Im JUVE-Interview erklärt er, warum Rechtsabteilungen am meisten zu gewinnen haben – und warum sich Kanzleien beim Thema Legal Tech so schwer tun.

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Dirk Hartung

JUVE: Wo stehen wir in Sachen Legal Tech? 
Dirk Hartung: Früher hat sich niemand mit Legal Tech beschäftigt, heute reden alle darüber. Die Befürchtung ist nun schon, dass wir so etwas wie einen ‚AI-Winter‘ erleben. Das bedeutet: Wenn man die Erwartungen nur hoch genug schraubt und die dann nicht sofort erfüllt werden, kann man sagen: ,Das war dann wohl alles nichts‘. So ging es der Forschung zu künstlicher Intelligenz in den 1980er-Jahren. Und es bleibt natürlich wirklich das Risiko, dass nichts passiert. Aber die zunehmende Komplexität der Welt, die gigantischen Datenmengen, die wir produzieren und die enormen analytischen Kapazitäten von Computern betreffen ja auch den Kern der juristischen Arbeit – da ist es einfach sehr unwahrscheinlich, dass die digitale Entwicklung an unserer Branche vorüberzieht.

Sowohl in Unternehmen wie auch in Kanzleien sind viele Juristen eher desinteressiert. 
Ich kenne aber auch Rechtsabteilungen, die viel ausprobieren, und würde sagen, dass dort das Potenzial für die Implementierung digitaler Tools am größten ist. Ich denke daher auch, diese Rechtsabteilungen treiben die Legal-Tech-Entwicklung.

Warum?
Sie haben Zugang zum Kapitalmarkt und damit auch Geld für große Investitionen, die bei Technologie häufig notwendig sind. Außerdem haben sie mittel- bis langfristige Planungsziele. Wenn sich eine Innovation mittelfristig lohnt, dann bekommen sie das in der Regel durch. Hinzu kommt, dass die Innovation im Unternehmen gar nicht zwingend aus der Rechtsabteilung kommen muss. Es kann zunächst einer anderen Abteilung auffallen, dass Vorgänge vereinfacht werden können und deren Modell macht dann Schule. Aber ein großes Unternehmen ist eben auch nicht immer schnell.

Immer mehr Rechtsabteilungen versuchen, Prozesse mit Hilfe von Legal ­Operations Managern zu optimieren. Ein richtiger Weg?
Auf jeden Fall ein richtiger Schritt. Ich verweise da beispielsweise auf CLOC – das Corporate Legal Operations Consortium. Dort treffen sich all jene, die Legal Operations in großen Unternehmen machen, also Prozessunterstützung und -aufarbeitung für Rechtsabteilungen. Das sind häufig gute Juristen, die aber gleichzeitig auch technische Prozesse verstehen müssen und Managementkenntnisse brauchen. Ich vermute, solche Leute bräuchte es idealerweise in jedem Unternehmen, um überhaupt digitale Prozesse in der Rechtsabteilung aufzusetzen.

Und wie sieht es in Kanzleien mit Legal Tech aus?
Die Innovation kommt im Moment nicht von Kanzleien. Man kann in unserer Studie nachlesen, warum: ungünstige Entscheidungsstrukturen, nicht genug Investitionsbereitschaft und vor allem kein Handlungsdruck. Wenn durch effizientere Arbeit die Preise fallen, können große Sozietäten einfach kleiner werden und mit wenigen hochqualifizierten Partnern auch zu geringeren Preisen wirtschaftlich erfolgreich sein. Doch allein schon aus Gründen der Qualitätssicherung ist das natürlich der falsche Weg, denn wer letztlich schrumpfen will, bietet jungen ­Juristen keine Perspektiven mehr. Er muss entweder viel Geld bieten oder bekommt die guten Leute nicht. Im Moment wird oben immer mehr Geld geboten, während alternative Anbieter wie Axiom oder Flightright.de aus dem niedrigpreisigen Segment langsam aufsteigen. Auch wer oben überleben will, wird Leute brauchen, die die Schnittstellen zur technischen Übermittlung, zum effizienten Arbeiten ­betreuen. Bislang haben das nur wenige Kanzleien erkannt und kooperieren etwa mit Legal-Tech-­Anbietern.

Das vollständige Interview lesen Sie im aktuellen JUVE Rechtsmarkt 2/2017.

Das Gespräch führte Eva Lienemann.